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18.02.10

Singles

Lieber eine Katze als einen Lover

An den Tag kann sie sich nicht genau erinnern. Nur an das Gefühl. An eine plötzliche Gewissheit. Eine tiefe Zufriedenheit. Ungefähr vor fünf Jahren war es, als sich Antje Lücke vom Glauben an die große Liebe verabschiedete.

Sie wurde zu einem Quirkyalone ("schrulliger Alleinstehender"). Einem Menschen, der Alleinsein nicht mit Einsamkeit gleichsetzt, der gern Single ist - und nicht um jeden Preis eine Beziehung sucht.

Aus den USA kommt diese Bewegung, die in einem 2004 publizierten Buch der kalifornischen Autorin Sasha Cagen namens "Quirkyalones, Singles aus Leidenschaft" beschrieben wird. Die Anhänger schließen eine Partnerschaft zwar nicht grundsätzlich aus. Kompromisse für die Liebe einzugehen, sind sie aber nicht mehr bereit.

Schluss mit Kompromissen

Sie habe es oft versucht mit den Männern, sagt Antje Lücke. In ihrem Leben davor, wie die 45-jährige Berlinerin es nennt. Vor zehn Jahren führte sie ihre letzte lange Beziehung. Sie war verliebt, es schien alles perfekt zu passen. Er, Typ Künstler, intelligent, kreativ und freiheitsliebend. Doch er verließ sie. Grundlos. "Er hat mich emotional fallen gelassen. Ohne jede Erklärung den Kontakt abgebrochen", sagt Antje Lücke. Gedankenverloren rührt sie in ihrem Latte, lehnt sich im Sessel eines Charlottenburger Cafés zurück. Drei Jahre hat sie gelitten, nie mit der Sache abschließen können. Bis sie ihn zufällig wieder traf - in Begleitung einer schwangeren Frau. Da hatte sie ihre Erklärung. "Ich wollte keine Kinder. Das war aber eigentlich nie ein Thema für uns. Dachte ich zumindest immer."

Irgendwann verblasste der Schmerz. Eine innere Ruhe kehrte ein, wie Antje Lücke sagt. Sie beschloss, nie wieder wegen eines Mannes leiden zu wollen. "Als ich das Buch von Sasha Cagen las, fühlte ich mich sofort verstanden. Endlich gab es einen Begriff für meinen Gefühlszustand." Seitdem zählt sie sich zu den Quirkyalones.

In ihrem Freundeskreis gibt es mehrere Anhänger des erfüllten Single-Daseins. Sie unternehmen viel: Reisen, Sport, Theaterabende. Gemeinsam wollen sie demnächst ein deutsches Forum gründen. Der Bedarf, so Lücke, sei in jedem Fall da. Verheiratete Paare kennt sie nur wenige. Man suche sich halt den passenden Freundeskreis, sagt sie. Auf Unverständnis stößt ihre Einstellung zur Liebe auch nur bei Fremden: "Die kaufen mir nicht ab, dass ich ein zufriedener Single bin. Das sei doch nicht normal, nicht menschlich, heißt es dann."

Für viele Menschen wäre ihr Leben ein Albtraum, da ist sie sicher. Ihre Eltern, die ihr sehr nahe stehen, haben sich mit der Entscheidung arrangiert. "Natürlich hätten sie sich einen Schwiegersohn und Enkelkinder gewünscht. Letztlich wollen sie mich aber glücklich sehen", sagt die freiberufliche Übersetzerin.

Und glücklich, das sei sie definitiv. Deprimierende Sonntage allein auf dem Sofa kennt sie nicht. "Mir fehlt nichts im Leben." Selbst der Sex nicht. Sie lebe "verdammt enthaltsam", seit etwa zehn Jahren. Davor hatte sie häufig Sex, mit verschiedenen Männern. Auch, um die fehlende Beziehung zu kompensieren. "Die letzten Erlebnisse waren einfach schlecht", sagt Antje Lücke. "Dann halt lieber gar nicht mehr."

Einen Grund für das Scheitern ihrer vergangenen Beziehung hat sie mittlerweile gefunden. Es sei das "fehlende Mutterschafts-Gen", wie sie sagt. Sie wollte nie Kinder. "Das steckt halt in mir. Dabei ging es nie um die Frage: Karriere oder Kind." Viele Männer seien damit nicht zurechtgekommen. Vorgewarnt hat sie jeden: "Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht. Es hat mir nur keiner geglaubt."

Eine Frau will Mutter werden, das werde von der Gesellschaft geradezu vorausgesetzt und Gegenteiliges einfach nicht akzeptiert. "Ich wurde dann bald in die Schublade 'schnelles Abenteuer' gesteckt", sagt Antje Lücke. Wegen der Liebe nachzugeben und schwanger zu werden, das ist für sie nie eine Alternative gewesen. "Ich hätte mich dann selbst verleugnet."

Angst vor Einsamkeit im Alter hat Antje Lücke nicht. Sie hat viele Träume. Eine Wohngemeinschaft mit anderen Quirkyalones wäre eine schöne Option. "Ich bin als Einzelkind von Geburt an daran gewöhnt, selbstständig zu sein", sagt sie. Sie wolle sich mit ähnlich denkenden Menschen umgeben und mit ihnen alt werden. Oder vielleicht hat das Schicksal ganz andere Pläne mit ihr - und sie verliebt sich doch noch einmal.

Kommt doch noch Mr. Right?

Optimal müsse dieser Mann sein, nicht perfekt. Er solle sie intellektuell bereichern, ihre Freiheit achten. Hoffnung, auf solch ein seltenes Exemplar zu stoßen, hat sie allerdings kaum. Wobei sie es den Männern auch nicht unbedingt leicht macht. "Ich habe sicherlich Anteil daran, dass es nicht richtig klappt", sagt sie nüchtern. Klassische Beziehungsmuster mit viel Nähe und Familie, das will sie eher nicht.

"Quirky" bedeutet kauzig oder schrullig. "Der Begriff ist durchaus passend gewählt", sagt Antje Lücke, streicht sich dabei lachend durch die roten Locken. Als "Schutzpatron" der Quirkyalones gilt ein bekannter deutscher Dichter. So schreibt Rainer Maria Rilke 1904 in einem Brief an Franz Xaver Kappus: "Sie dürfen sich nicht beirren lassen in Ihrer Einsamkeit. (...) Die Leute haben alles nach dem Leichten hin gelöst. (...) Es ist aber klar, dass wir uns an das Schwere halten müssen. Es ist gut einsam zu sein; denn Einsamkeit ist schwer."

Ihr Alleinsein empfindet Antje Lücke allerdings nicht als eine Belastung, nicht als einen notwendigen Zustand. Schließlich könne sie als Single viele Freiheiten genießen, um die sie Menschen in Partnerschaften beneiden. Keine Streitereien, keine Routine, keine Kompromisse. "Man kann mit sich mit Partner manchmal wesentlich einsamer fühlen, als ohne", sagt sie.

Viele Menschen würden sich selbst betrügen und sich für ihre Beziehung aufgeben. Das will sie nicht. Weil sie sich selbst genügt. "Ich weiß, das ist kaum zu glauben." Sie nimmt einen letzten Schluck Kaffee, verabschiedet sich. In ihrer Wohnung in Spandau wird sie bereits erwartet. Von ihrer Katze.

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