Schriftgröße: A A A
Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/familie/article1249513/Womit-Kinder-gern-spielen.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Interview

Womit Kinder gern spielen

Seit Jahrtausenden gibt es Spielzeug - und jedes Jahr kommt neues dazu. 70 000 Neuheiten versprechen die Veranstalter der weltweit größten Spielwarenmesse International Toy Fair, die an diesem Donnerstag in Nürnberg beginnt.

Dort werden mehr als eine Million Produkte zu sehen sein. Wann der erste Baukasten entwickelt wurde und womit in der Branche heute am meisten Geld verdient wird - darüber sprach Anette von Nayhauß mit dem Leiter des Nürnberger Spielzeugmuseums, Helmut Schwarz (57).

Anzeige

Berliner Morgenpost: Herr Schwarz, womit haben Steinzeitkinder gespielt?

Helmut Schwarz: Mit allem, was sie vorgefunden haben. Mit Steinen, mit Hölzern, mit Ästen, mit Sand, mit Wasser - mit Naturmaterialien.

Berliner Morgenpost: Und seit wann gibt es extra angefertigtes Spielzeug?

Helmut Schwarz: Das ist eine schwierige Frage. Denn wir sind auf archäologische Funde angewiesen, und die gibt es natürlich nur dann, wenn das Material haltbar war. Ein Holzpferdchen zum Beispiel verrottet mit der Zeit. In Kindergräbern antiker Kulturen, zum Beispiel im alten Ägypten, sind Spielsachen gefunden worden - das heißt aber nicht, dass das die ältesten Spielsachen sind, die Menschen gemacht haben.

Berliner Morgenpost: Was wurde in den Kindergräbern gefunden?

Helmut Schwarz: Zum Beispiel eine Kinderrassel, ein kleines Tongefäß, in dem Körner eingeschlossen waren. Häufig gibt es auch Tierminiaturen, da kann man trefflich streiten: War das ein Spielzeug - oder hatte die Figur eine ritualisierte Bedeutung?

Berliner Morgenpost: Wann wurde das erste Lernspielzeug hergestellt?

Helmut Schwarz: Diese Entwicklung hängt ganz eng mit dem Kindheitsbegriff zusammen. Das Kind galt bis ins 18. Jahrhundert als bloße Zwischenstufe auf dem Weg zum Erwachsenen. Man hat die Kinder ja auch sehr früh zum Arbeiten eingespannt, nicht nur Bauern und Handwerker, sondern auch der Adel - die Ausbildung zum Ritter begann mit sieben Jahren. Erst mit der Aufklärung kam die Erkenntnis, dass man das Größerwerden begleiten muss - durch Erziehung, Bildung, auch durch geeignete Spielmittel. Ein klassisches Kind der Aufklärung ist die Zinnfigur, die es seit etwa 1760 gibt. Damals wurde etwa Naturkundebüchern eine Serie von Figuren beigelegt, mit denen Kinder das Gelesene nachspielen konnten. Und Friedrich Fröbel hat den ersten systematischen Baukasten entwickelt, um räumliches Denken und das Verständnis für Statik zu schulen.

Berliner Morgenpost: War angefertigtes Spielzeug ein Privileg reicher Kinder?

Helmut Schwarz: Für jede gewerbliche Ware brauchen Sie ein Tauschmittel - Geld oder etwas anderes. Wo wenig Wohlstand herrscht, ist deshalb der Zwang viel größer, Spielzeug selbst zu machen. Das gilt bis heute, wir haben hier im Museum gerade eine Ausstellung mit afrikanischem Spielzeug - Sachen, die die Kinder selbst herstellen, weil ihre Eltern schlichtweg kein Geld haben, ihnen Spielzeug zu kaufen.

Berliner Morgenpost: Wann bekamen auch Kinder aus weniger wohlhabenden Familien angefertigtes Spielzeug?

Helmut Schwarz: Da bewegen wir uns auf unsicherem Terrain. Was wir sicher wissen, ist, dass es schon vor über 600 Jahren den Beruf des Puppenmachers gab. Ein Dockenmacher - Docke ist das althochdeutsche Wort für Puppe - taucht erstmals 1398 in der Nürnberger Steuerliste auf. Der Mann hat seine Sachen auch verkauft, und dafür reichten die 30 Patrizierfamilien in der Stadt schlicht nicht aus, sondern das lässt auf einen größeren Abnehmerkreis schließen. Das waren sehr, sehr einfache gedrechselte Puppen, die der Puppenmacher beschnitzt und meist nicht einmal angemalt hat. Die waren mit Sicherheit kein Luxusgegenstand, die haben zum Beispiel andere Handwerkerfamilien ihren Mädchen geschenkt. Massenhaft produziert wurde Spielzeug aber erst mit der Industrialisierung. Eine Spielzeugindustrie gibt es seit etwa 1850.

Berliner Morgenpost: Und damit kam auch der Wechsel vom Holz- zum Blechspielzeug?

Helmut Schwarz: Genau. Mit der Industrialisierung wurde Blech erschwinglich. Das Blechspielzeug hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen ungeheuren Aufschwung erlebt, weil es sich ja wunderbar eignete, um die technisierte Welt abzubilden. Eine Eisenbahn oder ein Auto aus Blech sind einfach näher an der Realität, als wenn man sie aus Holz oder Pappe nachbaut. Damit ist auch eine Mechanisierung des Spielzeugs verbunden.

Berliner Morgenpost: Das Spielzeug wurde zum Fahren gebracht.

Helmut Schwarz: In vorindustrieller Zeit gab es natürlich auch schon Spielzeug mit Antrieb, zum Beispiel mit Wasser oder mit Wind. Aber um davon unabhängig zu werden, musste man Laufwerke für die verschiedensten Blechfahrzeuge und -figuren entwickeln. Das lief allerdings nur ein paar Sekunden oder Minuten, und dann war es vorbei.

Berliner Morgenpost: Bis zur Elektrifizierung von Spielzeug.

Helmut Schwarz: Ja, das Problem hat der Elektromotor behoben. Die ersten elektrischen Eisenbahnen gab es schon um 1900, aber die waren noch sehr klobig und auch nicht ungefährlich. Da hat man die normale Netzspannung genommen und Widerstände in Form von Lampen dazwischengeschaltet, damit auf den Schienen keine 220 Volt mehr waren. Durchgesetzt hat sich die Elektrifizierung in den 20er-Jahren. In den 50er-Jahren kam dann das elektronische Spielzeug. Da gab es die technologischen Voraussetzungen - und so wie sich elektronische Geräte im Alltag durchsetzten, gab es eben auch elektronische Spielsachen. Spielzeug bildet immer Trends in der Gesellschaft ab.

Berliner Morgenpost: Was sind die wichtigsten Trends der vergangenen zehn Jahre?

Helmut Schwarz: Die Zuwächse auf dem Spielwarenmarkt gehen überwiegend aufs Konto der Spielkonsolen. Bei den traditionellen Spielzeugen stagnieren die Umsätze oder sinken gar.

Berliner Morgenpost: Die Spielkonsolen werden auch für Erwachsene vermarktet. Ist das ein Trend: Spielzeug für Erwachsene?

Helmut Schwarz: Erwachsene haben immer gern gespielt, denken Sie nur mal an die Kartenspielrunden in den Gastwirtschaften oder an Schach. Dass Spielzeug speziell für Erwachsene angeboten wird, ist aber auch ein Sammlerphänomen. Wer wie ich als Kind bei jedem Weihnachtsfest auf eine neue Lok für die Märklin-Eisenbahn gewartet hat, kauft sich die Züge heute vielleicht selbst.

Berliner Morgenpost: Was war Ihr Lieblingsspielzeug als Kind? Die Märklin-Eisenbahn?

Helmut Schwarz: In einem bestimmten Alter schon, so zwischen neun und 14 Jahren. Davor war es eine Ritterburg und in ganz jungen Jahren ein Teddy - der klassische Ablauf

Berliner Morgenpost: Und heute?

Helmut Schwarz: Heute? Sitzt mir mein Teddy gegenüber im Büro.

Anzeige
Anzeige
MORGENPOST.TV - Die Berlin-News
Tempelhofer Realschule
Jugendliche wegen Amokdrohung festgenommen
Berliner Morgenpost
Berliner Morgenpost abonnieren
Werden Sie Fan der Morgenpost
In "Best of Berlin" entscheiden Sie, was wir schreiben. Drei Themen stehen jedes Mal zur Auswahl. Welches darf es beim nächsten Mal sein? Stimmen Sie ab.
Das twittert Morgenpost Online
Die Morgenpost in Social Networks
ANZEIGE
Der Berliner Kriminalitäts-Atlas
Anzeige
Heute Morgen Übermorgen
Heute
 | 
Morgen
-1°  | 
Übermorgen
-2°  |