Interview
"Zu ehrgeizige Eltern können alles kaputt machen"
Die Berliner Opern- und Konzerthäuser sind auf der Suche nach dem Publikum von morgen. Welche Angebote sinnvoll sind und warum klassische Musik wichtig ist, darüber sprach Nicole Dolif mit Christian Höppner (54), Cellist, Musikpädagoge und Präsident des Berliner Landesmusikrates.
Berliner Morgenpost: Die meisten Kinder und Jugendlichen gehen lieber zu Peter Fox als zu Peter und der Wolf...
Christian Höppner: Das ist doch prima! Es muss ja nicht immer Klassik sein. Es ist falsch zu glauben, dass eine Musikrichtung besser ist als die andere. Pop, Jazz, Rock und Klassik - die ganze Bandbreite ist wichtig. Denn Kinder werden von ganz unterschiedlicher Musik angesprochen. Mein Sohn hat auch erst angefangen Cello zu lernen, weil er das von Zuhause kannte. Aber dann hat er irgendwann Max Raabe und sein Palastorchester gesehen und war ganz begeistert von dem Schlagzeuger. Kurze Zeit später hat er sein Cello in die Ecke gestellt und auch angefangen Schlagzeug zu spielen. Mittlerweile spielt er in zwei Bands.
Berliner Morgenpost: Trotzdem setzen Sie sich vor allem für die klassische Musikerziehung bei Kindern ein.
Christian Höppner: (Lacht) Das bringt mein Beruf wohl so mit sich.
Berliner Morgenpost: Ab wann kann man denn anfangen, mit Kindern in die Oper oder ins Konzert zu gehen?
Christian Höppner: Gar nicht früh genug. Nein, so stimmt es eigentlich nicht. Als ich noch Musikschulleiter in Charlottenburg-Wilmersdorf war, kamen manchmal Schwangere und wollten Kurse belegen, weil Musik das ungeborene Kind angeblich schlau macht. So etwas ist natürlich Quatsch, ebenso wie der Opernbesuch mit einem Baby. Aber so ab vier Jahren kann man durchaus beginnen, Konzerte oder Opern zu besuchen.
Berliner Morgenpost: Welche Stücke eignen sich da?
Christian Höppner: Als Einstig sind die Zauberflöte, Dornröschen oder Peter und der Wolf zum Beispiel gut geeignet. Allerdings ist klassische Musik voraussetzungsreich. Das heißt, es bringt nichts, unvorbereitet hinzugehen, die Kinder in den Zuschauerraum zu setzen und bespielen zu lassen. Bei Klassik müssen die Eltern selbst aktiv werden. Sie sollten den Kindern schon vorher die Geschichte erzählen und ihnen vielleicht auch schon einige Stücke vorspielen, damit sie mit der Musik etwas anfangen können. Sonst nehmen die Kinder aus der Vorführung einfach nichts mit. Und das wäre doch sehr schade.
Berliner Morgenpost: Und was können sie im besten Fall mitnehmen?
Christian Höppner: Das Kunstwerk Oper spricht alle Sinne der Kinder an. Die Bühne, die Kostüme, der Gesang, die Musik und der Tanz. Das alles zeigt den Kindern, dass es viele Arten gibt, sich auszudrücken. Der Opern- oder Konzertbesuch schult auch die soziale Kompetenz, die Musik öffnet den Blick auf das andere.
Berliner Morgenpost: Dann wäre ja eigentlich ein wöchentlicher Opernbesuch als Familienausflug ratsam.
Christian Höppner: Das schadet sicher nicht. Und die Angebote für Kinder und Jugendliche hier in Berlin sind auch wirklich ganz toll. Problematisch ist nur, dass man die Kinder in den Opern und Konzerten für klassische Musik begeistert. Wenn sie dann selbst aktiv werden und ein Instrument lernen möchten, fehlt es den Musikschulen an Kapazitäten. Viele musikbegeisterte Kinder landen vor allem in der Innenstadt auf Wartelisten.
Berliner Morgenpost: Und irgendwann verpufft die Begeisterung dann wahrscheinlich.
Christian Höppner: Ja, die Kinder suchen sich dann andere Dinge, die sie interessant finden. Und wenn sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr keinen Zugang zur Musik gefunden haben, wird es immer schwerer, denn das sind die prägenden Jahre.
Berliner Morgenpost: Und die früh angefangen haben mit einem Instrument, wollen in dem Alter oft wieder aufhören, weil klassische Musik nicht cool genug ist. Wie hält man sein Kind dann noch bei der Stange?
Christian Höppner: Am besten ist es, zusammen mit anderen Musik zu machen. Wer allein zu Hause vor sich hinspielt, verliert leichter die Lust. Soziale Bindungen im Orchester, in der Band oder im Chor wirken wie Kitt und helfen, eine zeitweise Lustlosigkeit zu überbrücken.
Berliner Morgenpost: Und wenn diese Phase länger anhält?
Christian Höppner: Da kann man dann eigentlich nicht viel machen. Viele Eltern sind sehr ehrgeizig und zwingen ihr Kind zum Üben. Das führt aber zu gar nichts, macht oft sogar alles ganz kaputt. Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass das Kind nicht weiterspielen möchte. Meine Tochter hat auch Klavier gespielt und dann festgestellt, dass es nicht das Richtige für sie ist. Sie hat dann etwas anderes für sich gefunden. Und das ist auch gut so.
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