Eheschließung
Mein Name? Dein Name? Oder doch ein Bindestrich?
Es geschieht jährlich viele tausend Mal: Frauen werden unauffindbar. Mitschülerinnen, Ex-Freundinnen, frühere Kolleginnen. Fort. Meist für immer. Denn ein Gros der Eheschließungen führt noch immer dazu, dass die Frischvermählte ihren Mädchennamen aufgibt. Dann hilft auch kein Googeln mehr.
Von Patrick Goldstein
Wie sich das anfühlt und was für Folgen einige der Alternativen rund um die große standesamtliche Namensentscheidung nach sich ziehen, haben wir uns von drei Berlinern erzählen lassen.
Peggy de Gelmini ist noch nicht recht zufrieden. "Meine neue Unterschrift ist irgendwie unfertig", schmunzelt die 33-jährige Managerin für Online-Marktanalyse. "Das sieht noch nicht so flüssig aus wie früher." Früher, das war, als sie Neuthor hieß. Seit Mai, seitdem sie auf Schloss Steinhöfel in Brandenburg ihren langjährigen Freund Michael mit dem klingenden Namen des nahe Bozen geborenen Vaters heiratete, absolviert sie nun den Crashkurs in "de-Gelmini-werden".
Ihr Beruf, zu dem reger Kontakt mit Geschäftspartnern gehört, bietet da bestes Training. "Wenn ich mich am Telefon mit meinem neuen Namen melde, sagen viele, sie wollten eigentlich Frau Neuthor sprechen", erzählt sie. Meist allerdings schließen sich bald Komplimente für den wohlklingenden Namen an, der auf eine österreichische Adelsfamilie zurückgeht und erste offizielle Erwähnung im Jahr 1522 fand.
Langsam nur macht sich Peggy de Gelmini den neuen Namen zu Eigen: "Wer viel telefoniert, meldet sich ja mit einem gewissen melodiösen Singsang: Name, Firma, Begrüßung. Das musste ich erst wieder lernen." Natürlich habe sie sich seit Mai oft auch versehentlich mit ihrem alten Namen gemeldet. Nicht nur aus praktischen Gründen lässt de Gelmini ihre alte Mailbox-Ansage unverändert. Ihr Mann hat sie darauf schon mahnend hingewiesen. "Aber das ist die letzte Bastion, die ich mir erhalten möchte ", sagt sie und lächelt.
Die Trennung vom Mädchennamen im Frühling ist ihr nicht ganz leicht gefallen. "Das ist für eine Frau schon eine Umgewöhnung. Man gibt etwas fort, mit dem das bisherige Leben lang verbunden war", denkt sie zurück. "Es wurde ein Abschied mit kleiner Träne im Knopfloch. Wenn eines Tages meine Schwester heiratet, ist der Name in unserer Familie nur noch bei meiner Mutter und irgendwann ganz verschwunden."
Heiratsantrag am Schrein
Und doch: Peggy Neuthor hatte nie Zweifel, Peggy de Gelmini werden zu wollen. Das hat mit Romantik zu tun, jener Romantik, die Michael de Gelmini dazu beflügelt hatte, samt Ring und feierlichen Worten vor dem Schrein eines thailändischen Nationalparks ihr überraschend einen Heiratsantrag zu machen. "Es ist doch etwas Schönes", sagt sie also leidenschaftlich, "den gleichen Namen zu tragen. Das signalisiert, dass man zusammengehört und zusammenbleiben will." Den neuen Namen dem alten hinzuzufügen, eine Namensänderung für den Bräutigam gar: Auf dem Weg zum Standesamt hatte Peggy Neuthor darüber gescherzt. Alternativen aber waren es nie. "Doppelname? Affig", formuliert sie heute knapp. "In der Vorfreude auf die Hochzeit bleibt auch gar keine Zeit, sich darum zu sorgen, ob mit dem Mädchennamen auch ein Stück von einem selbst verschwinden könnte." Zudem hätten die Worte zusammen auch nicht so recht geklungen, wären ihr hintereinander viel zu lang geworden.
Das ist exakt jene Last, die Franziska Eichstädt-Bohlig nun schon seit fast 40 Jahren irritiert. Die Sprecherin für Stadtentwicklung bei Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus gibt sogar Journalisten nach Interviews noch auf den Weg, sie könnten bitteschön gern als Nachname aufschreiben, was sie wollen. Eichstädt. Bohlig. Beides. Egal: "In Zeitungen wird doch aus Platzmangel um jedes Wort gerungen", weiß die 68-Jährige.
Es war also keine feministische Entscheidung, kein Verweis auf eine eigenständige Vergangenheit vor der Heirat 1970. Nicht der fortschrittliche Gedanke war Motivation, sondern die Sehnsucht nach Fortführung einer Tradition, die zu enden drohte. "Es war klar, dass ich die letzte 'Bohlig' sein würde", erklärt sie. "Daher habe ich den Namen fortgeführt - meinem Vater und Großvater zuliebe." Seitdem spricht sie nur noch von "der Doppelung".
Ärger über den Allerweltsnamen
Wie lästig, wenn der Name nervt: Die langen Unterschriften einst als Geschäftsführerin, die Signaturmappen als Fraktionsvorsitzende, der geringe Platz auf Bank-Überweisungen, die peinlichen Momente im Bonner Bundestag (ab 1994), wenn der Saaldiener mal wieder quer durch die Lobby brüllte: "Frau Abgeordnete Eichstädt-Bohlig. Telefon!" So ein Name sei viel zu kompliziert, klagte sie dann gegenüber Freunden. Aber die beharrten, sie sei in der Öffentlichkeit längst zu etabliert, um den 'Bohlig' abzukoppeln.
"Dabei wollte ich mit der Doppelung nie Eigenständigkeit symbolisieren", sagt Eichstädt-Bohlig. Als der Anhang bei Frauen zunehmend in Mode kam, habe sie sogar gedacht: "Wie ärgerlich: Jetzt landest du mit denen in einem Topf."
Jan Müller-Cahn indes wollte das Signal. "Jahrzehntelang habe ich mich an meinem Allerweltsnamen gestört", sagt er. Dass seine Frau Rebekka aus jüdischem Hause stammt, dass er sich unverhofft in die von ihm so bewunderte Tradition würde einreihen können, habe ihm, dem heute 38 Jahre alten Flugzeugabfertiger, 2002 die Entscheidung noch einfacher gemacht, künftig mit zwei Nachnamen durch das Leben zu gehen.
Erzählt Jan Müller-Cahn nun von seiner neuen Verwandtschaft, verliert er sich gern in Details, etwa wenn er von der ursprünglich westpreußischen Familie berichtet, von ihrer Ankunft in Berlin kurz nach Beginn des vergangenen Jahrhunderts, von ihrem damaligen Rang in Druckerei- und Bankgeschäft. "Ich finde es schön, dazuzugehören", sagt Müller-Cahn offen. "Ich habe das Gefühl, meine Persönlichkeit hat sich vergrößert."
Es hat seinem Stand unter den Kumpels nie geschadet, dass Doppelnamen vornehmlich von Frauen angenommen werden. Die Entscheidung habe zu dem Typen gepasst, vermutet er, als den ihn die Freunde kannten. Scherzchen unterblieben jedenfalls. "Im Gegenteil, die haben mir gesagt: Cool, dass du das machst", sagt Jan Müller-Cahn.
Wahrer Gewinner jedoch ist sein Schwiegervater. "In der Familie gibt es zwei Töchter. Dadurch hätte niemand den Namen fortgeführt", erklärt Müller-Cahn. "Als der Vater meiner Frau von unserem Entschluss erfuhr, war die Freude gewaltig." Denn es ist nicht allein dabei geblieben. Familienname, so ließ das Ehepaar standesamtlich verzeichnen, solle "Cahn" sein. Wenn Jan und Rebekka eines Tages Kinder haben, werden sie den Mädchennamen ihrer Mutter tragen.
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