Chat-Foren
Wo Hasi45 und Löwe89 sich treffen
Ist Vorweihnachtszeit, da macht man sich als Mensch wohlig Sorgen um die, denen es schlechter geht - um die Straßenkatzen von Nowosibirsk zum Beispiel, wenn man will, oder, wenn es sein muss, um die Singles von nebenan. Die Katzen und die Singles treiben offenbar so trübe durch die Straßen, kalt ist es, und einsam. Sogar der Dating-Dienst Friendscout24 fragt zurzeit traurig die eigenen Nutzer nach dem "Single-Blues zu Weihnachten" und was man dagegen tun kann.
Von Barbara Kollmann
Die Singles, die ich kenne, tun so etwas nicht, trübe durch die Straßen treiben. Da ist es nämlich kalt und einsam. Die sitzen eher am Laptop, Zimmer ist geheizt, und rufen Online-Dienste auf. Was eigentlich auch Friendscout wissen sollte - die kennen nach eigenen Angaben zehn Millionen Singles, die bei ihnen angemeldet sind.
Susan (44) aus Zehlendorf bekam vor einigen Monaten ein Baby, der Vater entschied aber, man passe nicht zueinander, und als Alleinerziehende mit Säugling war es nichts für Susan mit einsamen Spaziergängen und Single-Blues - keine Zeit. "Ich habe mich dann, zur Ablenkung für die Abende, bei Chat-Foren angemeldet."
Eines der Foren ist jetzt sogar treuer als sie, die Kundin - "ich kriege noch heute, lange nach meiner Abmeldung, mitgeteilt, dass irgendwelche 19-Jährigen freundlicherweise bereit wären, mit mir zu schlafen ..." Sie lacht - und wie viele eingetragene Einsame im Netz wirklich Single sind und eine Beziehung suchen, will sie auch nicht schätzen. Will niemand.
Der Online-Dienst Parship.de geht umgekehrt davon aus, dass 53 Prozent der Berliner Singles online das Netz auswerfen. Deutschlandweit schätzen sie die Zielgruppe auf 11,2 Millionen Menschen.
Ein wunderbares Geschäftsmodell. Eine Chance für die Liebe, wohl auch. Vor allem aber eine Goldgrube für Soziologen.
Beliebte Berufe: Anwälte und Ärzte
Und manchmal auch ein bisschen Single-Zoo. Besuch an einem Nachmittag bei drei Dating-Diensten, man klickt sich an Foto und Foto von "Berlin-Matches" vorbei und sieht mehrere Mäuse (und Mausis, und Mäuschen, eine davon offenbar blond - blondmäuschen22), alle weiblich. Ein Hasi (männlich, Mitte 30). Löwin XY und Löwenmann89 - vielleicht sollten die beiden mal miteinander ...?
Schmusebärchen ist auch da, Mitte 50, er posiert auf seinem Foto im kurzärmeligen Hemd neben einem Cabrio. Vielleicht sogar sein eigenes. Laut Statistischem Landesamt ist Berlin noch immer die Hauptstadt der Singles - 1 051 460 Einpersonenhaushalte (ein Richtwert, er spiegelt nicht die Zahl der Singles) bei 1 970 840 Haushalten gesamt (Stand 2008).
Nach einer Umfrage von Parship.de flirten nur 35 Prozent der Berliner befragten Singles gerne, der schlechteste Wert bundesweit. Aber 32 Prozent der männlichen Umfrageteilnehmer gaben auch an, sie seien schon einmal fremdgegangen. Das kann man effizient finden. Oder faul.
Hier einige Chat-Beispiele:
Alister: "Suchst du was Dauerhaftes? Hast du heute Nacht noch Zeit?" Es ist 1 Uhr. "Oder willst du hier einfach auch nur Leute treffen?"
"Dir auch erst einmal einen schönen Abend"
Alister: "Für so was hab ich keine Zeit!"
Oder:
"Bist du Türkin? Oder wenigstens Muslima?"
"Nein, wieso?"
"Tschüss."
Susan: "Das war schon hart, wie man da abserviert wird, daran musste ich mich erst gewöhnen." Einer nahm nur Kontakt zu ihr auf, um ihr mitzuteilen, er sei nicht interessiert, sie sei nicht sein Typ, zu athletisch - fügte aber dann großzügig hinzu, so kurzfristig könne man sich ja doch mal treffen. Susan: "Irgendwie waren wir nicht auf derselben Wellenlänge, denke ich ..."
Manfred Hassebrauck, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Wuppertal, schreibt für das Online-Magazin von Friendscout regelmäßig über Männer und Frauen - und wertet das Datenmaterial der User aus. Seine Studie zu Partnerpräferenzen vom November 2008 ergab: Nur 38 Prozent der Frauen wollen auf Dauer einen Mann, der weniger verdient als sie, nur 43 Prozent einen mit niedrigerem Bildungsniveau. Bei den Männern ist es umgekehrt: 90 bzw. 87 Prozent.
Hassebraucks Kollegen bei Parship haben die Berufspräferenzen für Online-Partner ausgewertet. 37 Prozent der Berliner Online-Singles schauen zuerst auf das Einkommen der neuen Chat-Freunde - beziehungsweise 37 Prozent geben das zumindest zu. Beliebteste Berufe - für Frauen sind Anwälte, Ärzte, Künstler am attraktivsten. Für Männer Künstlerinnen, Ärztinnen, Journalistinnen.
Eric Hegmann (42), Journalist, Buchautor, und Single-Coach hat sehr viel über Online-Dating nachgedacht und sich viel dazu überlegt. Auf dem Foto, das man einstellt, sollte man nie zu hübsch aussehen - "es sei denn, man ist sehr selbstbewusst. Dann kann man sich natürlich auch bei einem Treffen live anhören - auf dem Foto siehst du aber besser aus".
Auch mal Kompromisse machen
Auf Witze verzichtet man besser auch; jeder will laut Umfragen einen Partner "mit Humor" - aber zeigen sollte der den besser nicht. Hegmann: "Man kann noch so viele Smileys dazusetzen - Ironie und Witz werden meist falsch verstanden." Hegmann arbeitet weiter daran, seinen Trainees klarzumachen, dass man als glücklicher Single auch Kompromisse eingehen muss, um Ex-Single zu werden. "Dass alles besser wird, ohne dass sich etwas ändert - das sollte man besser vergessen."
Susan ist inzwischen nicht mehr Single. Da ist dieser Mann aus Niedersachsen, den sie im Internet kennengelernt hat, und der jetzt nach Berlin gezogen ist. Sie arbeitet daran.
Und die 19-Jährigen arbeiten auch noch immer - an ihren Mails an Susan.
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