Sicherheit
Für Feuer ist es nie zu früh
Donnerstag, 26. November 2009 08:22 - Von Annette Kuhn20 Zinkblecheimer mit Wasser stehen ordentlich aufgereiht auf dem Schulhof der Gotzkowsky-Grundschule in Moabit. Darauf ein in Alufolie eingewickeltes Päckchen. Die Viertklässler können es kaum erwarten, ihren Eimer zu holen und die von ihnen gebastelten "Vulkane" in der Alufolie zu entzünden.
Es ist Freitagnachmittag und gleich beginnt das Feuerfest. Ungewöhnlich für eine Schule, in der doch schon Kerzen in Unterrichtsräumen verboten werden.
Aber die 20 Kinder aus der Klasse von Christiane Troxler haben ja auch keine normale Schulwoche hinter sich. Statt Deutsch und Mathe stand fünf Tage lang Feuer auf ihrem Unterrichtsplan. Sie haben gelernt, Streichhölzer und Kerzen anzuzünden, haben Feuerbilder gemalt, sich mit Kerze im Hintergrund auf Fotos inszeniert - und sie haben eben diese "Vulkane" gebaut, kleine Pyramiden aus Holz, in deren Mitte ein Anzünder steckt.
Endlich dürfen sie die jetzt entzünden - 20 kleine Mini-Lagerfeuer. Aber stopp: Sheriban muss vorher erst noch den Wind- und Vogeltest machen: Die Neunjährige muss schauen, aus welcher Richtung der Wind kommt und sie muss ihre Arme wie Flügel ausbreiten und sich einmal um die eigene Achse drehen. Erst wenn ihr da nichts im Wege steht und erst wenn der Wassereimer in Reichweite ist, darf sie das Feuer entzünden. Souverän macht sie das und mit einem stolzen Strahlen im Gesicht: "Noch nie habe ich vorher selbst ein Feuer gemacht - nur mal eine Rakete zu Silvester abgeschossen."
Feuerkompetenz
So etwas hört Kain Karawahn oft: Kinder, die mit neun Jahren noch nie ein Streichholz entzündet haben, die nicht einmal wissen, was das ist, weil zu Hause nur ein Feuerzeug herumliegt. Seit 25 Jahren beschäftigt sich der Künstler mit der Beziehung Mensch und Feuer. Schon in seiner Ausbildung hat der heute 50-Jährige festgestellt, dass dieser Bereich eine Leerstelle in der Kunst und auch in der Pädagogik ist. So kam er auf die Idee, den Kindern auf spielerische und auch ein wenig künstlerische Weise Feuerkompetenz zu vermitteln: "Für alles gibt es Regeln und Übungen, zum Beispiel, wenn Kinder Fahrradfahren lernen - für den Umgang mit Feuer aber gibt es keine Anleitungen, nur Verbote."
Die Folgen: Jeden Tag ereignen sich nach Angaben der Unfallkasse Berlin 20 durch Feuer verursachte Unfälle mit Kindern und Jugendlichen. Nach Schätzungen gehen ein Drittel der Haus- und Wohnungsbrände auf Kinder zurück.
Alarmierende Zahlen, die Karawahn motivierten, das Projekt "Brandklasse" zu entwickeln und Kindern in Kitas und Schulen die fehlende Feuerkompetenz zu vermitteln. 2005 startete das Projekt, anfangs noch gegen heftigen Widerstand von Erziehern: Werden die Kinder durch das Projekt nicht erst zum Zündeln animiert? Inzwischen erfährt er aber viel Unterstützung - auch von Senat und Feuerwehr. Im vergangenen Jahr gewann er mit seinem Projekt "Brandklasse" den ersten Preis beim Wettbewerb "Schulen kooperieren mit Kultur" der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Bank. Seitdem häufen sich die Anfragen von Schulen - nicht nur aus Berlin - und er hat bereits damit begonnen, Lehrerinnen und Erzieher auszubilden, damit sie selbst das Konzept in ihren Klassen umsetzen und als Multiplikatoren an Kollegen weitervermitteln können.
Wichtig ist Karawahn, dass die Kinder während der Feuerwoche auch die Faszination dieses Elements ausleben. "Feuer hat ein negatives Image, in den Zeitungen sehen die Kinder nur brennende Häuser und Autos." Selbst in Kinderbüchern wird meist nur die zerstörerische Kraft des Feuers vermittelt. Wer kennt sie nicht, die schauerliche Geschichte von Paulinchen aus dem Struwwelpeter, die trotz des Verbots von Mutter und Vater mit Streichhölzern spielt und aus lauter Unachtsamkeit schließlich verbrennt?
Innige Beziehung
Neben Sicherheitsregeln will Karawahn den Kindern auch "eine innige Beziehung" zum Feuer vermitteln. Eine Beziehung, die die Menschen längst verloren hätten: "Das, was das Feuer in der Familie ausgemacht hat - Wärme, Kochen - ist heutzutage natürlich längst technisch optimiert. Es gibt jetzt Schalter, mit denen man das Licht und den Herd an- und ausstellt. Aber über die ganze Technik hat man die soziale Funktion vergessen, die Gemeinschaft stiftende Seite von Feuer", moniert Karawahn.
Höchstens mal zum Geburtstag oder jetzt, in der Vorweihnachtszeit, werden in den Familien Kerzen angezündet. "Früher dagegen hatten die Kinder täglichen Umgang mit Feuer, heute sollen sie am besten die Finger davon lassen. Doch mit so einem Verbot, lernen sie nicht, die Gefahren richtig einzuschätzen", sagt Karawahn. Und auch die Faszination verliert sich ja nicht durch ein Verbot. Dann zündeln sie eben heimlich.
Ganz ohne Heimlichkeit durften die 20 Schüler von Christiane Troxler in dieser Woche etwa 1000 Streichhölzer anmachen, und eine Hausaufgabe bestand darin, zu Hause eine Kerze anzuzünden. Manche Eltern haben da komisch geschaut, dabei gab es vor dem Projekt einen Elternabend, bei dem das Konzept vorgestellt wurde. Aber die zehnjährige Arijane hatte eben vorher noch nie ein Streichholz in der Hand gehabt. Jetzt kniet sie vor ihrem kleinen Feuerchen und lässt langsam die Hand über die Flammen gleiten: "Es ist so schön warm und so schön anzuschauen."
Dass die Feuerwoche gerade in der Gotzkowsky-Schule stattfindet, ist kein Zufall. Im Februar 2008 hat es hier gebrannt, ein technischer Defekt soll die Ursache gewesen sein. Sheriban hat den Rauch von ihrem Fenster zu Hause sehen können. Wochenlang konnten die Kinder nicht in ihren Klassenraum, wochenlang war der Brand ein Thema und für ihre Lehrerin Christiane Troxler der Anstoß, Karawahn in ihre Klasse zu holen.
Für den neunjährigen Hadi war es die schönste Schulwoche überhaupt und während er sich eine Portion Marshmallows über seinem kleinen Feuerchen grillt, hört er gar nicht mehr auf, über Feuer zu dozieren. Was toll und was gefährlich ist und er hat gelernt, dass ein Feuer immer einen Freund braucht, dass man bei ihm bleiben muss, bis es erloschen ist.

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