Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/familie/article1196225/Wunderbare-Wimmelwelt-der-Mumins.html
twitter Facebook StudiVZ/MeinVZ
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Medien

Wunderbare Wimmelwelt der Mumins

Sie waren scheinbar verschwunden, nun tauchen sie auf einmal wieder auf: die Mumins. Zuerst standen die Trolle plötzlich auf Tassen und Teller gebannt auf dem Frühstückstisch eines befreundeten Schweizer Journalisten, dann kamen mit den Kindern die Mumin-Bücher ins Haus und nun werden sogar die Mumin-Comics erstmalig vollständig auf Deutsch erscheinen.

Schöner, heiterer und anrührender denn je scheinen die Geschichten, die sich die Finnland-Schwedin Tove Jansson rund um das Mumintal vor über sechzig Jahren ausgedacht hat. Erst jetzt, so scheint es nämlich, wird dem Werk der skandinavischen "Nationalheiligen" auch hierzulande der nötige Respekt gezollt, und ihre Geschichten mit schönen Ausgaben und stimmigen Übersetzungen gewürdigt.

Äußerst wohlgeraten ist auch der gerade erschienene zweite Sammelband der auf insgesamt fünf Bände angelegten Mumin-Comic-Strips. Mit herrlich kolorierten Einbänden aufgemacht, sind dort im Weiteren die schwarzweißen Original-Vorlagen zu sehen, die die Künstlerin von 1953 bis 1960 für die englische Tageszeitung "The Evening News" geschaffen hat. Die Serie wurde danach noch zehn Jahre von ihrem jüngeren Bruder Lars weitergeführt, dessen Arbeiten in den späteren Bänden zu sehen sein werden.

Es ist in technischer Hinsicht eine ganz und gar vormoderne Welt, die dort tagtäglich auf den Seiten des modernen Mediums entstand. Die nilpferdartigen Mumins und Snorks, das känguruhafte Schnüferl, die menschenartige Mymla, die windhundartige Familie von Frau Filijung und all die andern kleinen Bewohner leben die meiste Zeit in der Geborgenheit des überschaubaren vorindustriellen Tals, das allerdings häufiger von Gefahren von außen bedroht wird.

Hier regiert Mama

Einer geregelten Arbeit geht hier offensichtlich niemand nach, allein die Muminmutter hat ob des zeitweise doch recht großen Haushaltes immer alle Hände voll zu tun. Aber man beschwert sich nicht mit unnötiger Pedanterie, lieber nutzt man jede sich bietende Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben oder ausgelassene Feste zu feiern. Dass das Mumintal und seine Bewohner dennoch nicht vor den Sinnkrisen und Versuchungen moderner Gesellschaften gefeit sind, lernen wir jetzt in "Mumins neues Leben". Ein Umstand, der sich ohne Frage aus dem leidenschaftlichen Hang der Mumins zu jedweder Form von Romantik erklären lässt.

"Nanu, wollt ihr Ameisen heute gar nicht arbeiten?", fragt sich Mumin dort verwundert. "Der Prophet sagt, die Natur wird für uns sorgen", antworten ihm die entspannt herumfläzenden Insekten. Mumin geht weiter und sieht im nächsten Bild sichtlich empört eine Freundin in den Armen eines fremden Mannes: "Wo ist denn dein Gatte?", fragt Mumin sie darauf streng und erhält ein heiteres "Wer weiß? Der Prophet sagt, ich soll frei sein" zur Antwort. "Prophet? Hab ich da was verpasst?", dämmert es schließlich dem ratlosen Mumin. Nicht lange, und das ganze Tal wird dem blumenbekränzten Tu-was-du-willst-Propheten willig folgen. Erst als die zunächst enttäuschte und dann erzürnte Mumin-Mutter für sich feststellt: "Nun reicht's mir aber. Jetzt stürze ich mich auch auf die Freiheit" und schließlich mit den Abschiedsgrüßen "Meine Lieben, ich hab euer freies Leben satt! Ab sofort mache ich auch nur noch, was ich will. Muminmama" verschwindet, kommen ihren selbstvergessenen Familienmitgliedern Zweifel ob des regellosen Treibens. Denn die Mumin-Mutter trägt im Mumintal die Bürde der Vernunft, in ihrer Person vereinen sich überdies Umsicht, Fürsorge und Liebe.

So tolerant und antiautoritär es im Mumintal gegenüber allen Lebensformen zugeht, so sehr basiert diese Gesellschaft aber doch auf gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung. Das Experiment des radikalen Lustprinzips, das im weiteren Verlauf der Geschichte von einem Propheten der radikalen Selbstentsagung bekämpft wird, beendet die gut erholte Muminmama jedenfalls auf gewohnt pragmatische Weise: "Eure Lehren sind ja schön und gut, aber für normale Leute leider etwas unpraktisch."

Immer wieder hat die 1914 in Helsinki als Tochter eines schwedischen Künstlerehepaars geborene Tove Jansson auf ihre glückliche Kindheit verwiesen.

Kindheitsglück als Inspiration

Vor allem ihre langen Aufenthalte bei den Großeltern an der schwedischen Küste und die gemeinsam mit den Eltern an den finnischen Schären verbrachten Sommer haben erklärtermaßen das spätere Mumintal inspiriert. Die zerklüfteten Felsen mit all ihren geheimnisvollen Höhlen, der stille dunkle Wald, die Abgeschiedenheit und natürlich das stets Abenteuer versprechende Meer sind direkt den Sehnsuchtsorten der Kindheit nachempfunden. Und auch das intensive Zusammenleben der Muminfamilie spiegelt die Erfahrungen der Autorin wider. Die Eltern, eine Zeichnerin und ein Bildhauer, waren meist zu Hause. Vor allem ist es aber das Boheme-geprägte bürgerlich-liberale Milieu, das Jansson auf ihre Muminbücher übertragen hat. Es sind Lebensumstände, die die Heranwachsende offensichtlich gut auf das Leben vorbereitet haben. Schon mit 15 verlässt Tove die Schule, um von 1930 bis 1938 in Stockholm, Helsinki und Paris Kunst und Illustration zu studieren. Seit dieser Zeit ist sie als Illustratorin tätig, sie wird sich trotz ihrer schriftstellerischen Erfolge auch immer eher als Zeichnerin und Malerin verstehen.

Mehr noch als in ihren Kinderbuchillustrationen kommt in den Comic-Strips das ganze zeichnerische Talent der Künstlerin Tove Jansson zur Geltung. Ratlosigkeit, Heiterkeit, Trauer, Schadenfreude, Erstaunen, Eifersucht, Rache, Anteilnahme, Trotz, Begehrlichkeit - all diese Gemütslagen weiß sie mit wenigen Strichen eindringlich zu erzeugen. Dabei strotzt ihr eher minimalistischer Stil vor Lebensfreude und verleiht den kurzbeinigen Dickerchen eine erstaunliche Dynamik. Liebenswert, lebendig und wahrhaftig erscheinen sie uns.

1970, zehn Jahre nach ihrem letzten Mumin-Comic-Strip, erscheint mit "Herbst im Mumintal" das letzte Buch über die Troll-Gesellschaft. Danach hat die 2001 in Helsinki verstorbene Jansson ausschließlich Arbeiten für ein erwachsenes Publikum veröffentlicht. Aber es sind ohne Frage die Mumins, die das Andenken an die Künstlerin auf die schönste Weise hochhalten.

Anzeige
Anzeige
Die Zeitung
Premium Inhalte
Berliner Morgenpost Apps
Anzeige
Eine exklusive Auswahl persönlicher Geschichten aus unserer Serie „Berliner Spaziergänge“ von 60 Prominenten wie Iris Berben, Diane Kruger, David Garrett, Thomas Demand, Heinz Buschkowsky, Nicolas Berggruen und Berliner Sportgrößen
Ab jetzt im Handel erhältlich oder direkt bestellen unter:
*zzgl. 3,90€ Versandkosten für Nichtabonnenten
**Kostenlos aus dem deutschen Festnetz