Vor der Geburt
Warum es vielen Angst macht, Eltern zu werden
Wenn sich die Ankunft eines Babys ankündigt, bekommen viele Menschen Angst. Kann ich das alles überhaupt? Werde ich die Bedürfnisse meines Kindes verstehen und richtig einordnen können? Wie vermeide ich die Wiederholung der Fehler, die meine Eltern bei meiner eigenen Erziehung begangen haben? "Safe" heißt der Elternkurs, den es jetzt auch in Berlin gibt.
Von Karen Merkel
Sie hat nicht widerstehen können in der Babyabteilung. Tanja Drechsler hat den ersten Strampler gekauft, flauschig und weiß. "Mädchenhaft", sagt sie und streichelt ihren noch flachen Bauch. Sie ist im vierten Monat schwanger. Es wäre ungewöhnlich, wollte sie ihrem Kind nicht ihre ganze Liebe schenken. Doch mit dem Bauch wächst auch Tanja Drechslers Unruhe.
Werdende Eltern stellen sich viele Fragen. Sie sorgen sich, ob sie als Eltern alles richtig machen werden. Sie erinnern sich an ihre eigene Kindheit und sortieren, wo sie dem Vorbild ihrer Eltern folgen möchten oder wo nicht. Die Kommunikation zwischen Eltern und Kind geschieht zum großen Teil unbewusst - das bedeutet, dass viele Eltern Verhaltensweisen wiederholen, die sie selbst als Kind erlebt haben. Sie geben nicht nur Liebe und Zuneigung weiter, sondern auch Desinteresse, Ablehnung oder sogar Gewalt. Häufig unbewusst, denn "die meisten Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder", sagt Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch. Er leitet die Kinder- und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München.
Signale der Kinder richtig deuten
Langjährige Studien zeigen, dass Kinder zu stabilen und ausgeglichenen Erwachsenen heranwachsen, wenn sie in den ersten Lebensjahren eine sichere Eltern-Kind-Bindung entwickelt haben. Die Grundlage dieser Bindung sei die feinfühlige Kommunikation, so Brisch. Um eine sichere Bindung aufzubauen, müssen Eltern die Signale ihres Kindes richtig deuten können - und vor allem auch mit den eigenen Ängsten und Belastungen aus der Vergangenheit umzugehen lernen. Brisch hat dafür das "Safe"-Programm entwickelt, die "Sichere Ausbildung für Eltern", die Eltern durch das erste Lebensjahr ihres Kindes begleitet. Bisher gab es die Kurse nur in Bayern und Norddeutschland, im November wird der erste Kurs in Berlin starten.
Tanja Drechsler wird gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Jürgen Marquardt den Kursus besuchen. "Ich möchte meine eigenen Erfahrungen nicht wiederholen", sagt die 31-Jährige. Sie spürt einen Generationenkonflikt, wenn sie mit ihren Eltern über Erziehung spricht. "Meine Mutter ist der Meinung, ein Kind könne man ruhig einmal schreien lassen, und das sehe ich nicht so", sagt sie.
Wenn Tanja Drechsler an ihre Kindheit denkt, wird ihr Mund schmal. Sie habe sich oft ausgeschlossen gefühlt. Ebenso wie ihre Mutter arbeitet Tanja als Altenpflegerin. "Ich kann heute verstehen, dass meine Mutter nach der Arbeit müde war", sagt sie. Trotzdem hätte sie sich als Teenagerin manchmal gewünscht, dass sie ihre Erlebnisse bei der Mutter hätte loswerden können. Doch die schlief meistens. Es sind Alltagssituationen, die Tanja das Gefühl gaben, sie sei nicht wichtig. Dazu kam die Scheidung ihrer Eltern, als sie noch ein Kind war. Tanja Drechsler beobachtet, dass diese Erfahrungen sich auf ihren eigenen Umgang mit Beziehungen auswirken. "Ich merke, dass es mir oft schwerfällt loszulassen", sagt sie.
Nicht die Fehler der Eltern wiederholen
Seit dem Beginn ihrer Schwangerschaft ist sie bei diesem Thema sensibel geworden und möchte sichergehen, dass sie eine gute Bindung zu ihrem Kind aufbaut. Sie weiß, welche Stresssituationen auf sie zukommen. Jedes Elternpaar erlebt durchwachte Nächte, Angst, weil es nicht weiß, warum das Baby weint. In diesen Situationen können eigene alte Verletzungen aufbrechen - Eltern reagieren unbewusst aus eigenen negativen Erfahrungen heraus. "Sobald Stress aufkommt, brechen die eigenen Ängste durch", sagt Brisch.
Diese Situationen belasten die Bindung zum Kind ebenso, wie wenn überängstliche Eltern nicht loslassen können. Wenn Eltern klammern, wollen sie das Kind vielleicht vor Unheil bewahren, tatsächlich vermitteln sie ihm: Wir trauen dir das nicht zu. Andere Eltern haben selbst wenig Fürsorge erlebt und sind darum wenig empfänglich für die Signale ihres Kindes. Ihnen fehlt die nötige Feinfühligkeit, um das Baby beruhigen zu können. In den Safe-Kursen soll diese Feinfühligkeit mit den jungen Eltern geübt werden.
Eine sichere Bindung entsteht durch eine liebevolle emotionale Kommunikation, die sich in Hunderten von kleinen Alltagssituationen festigt. "Das geschieht meist intuitiv und vollständig unbewusst", sagt Brisch. Eine Mutter füttert ihr Baby und versteht, dass es den Kopf wegdreht, weil es nicht mehr essen will. Ein Baby schreit, und die Mutter oder der Vater kommt und nimmt es auf den Arm, spricht beruhigend auf den Säugling ein.
Zwischen Stress und Apathie
Durch diese einfachen Handlungen zeigen die Eltern, dass sie die Bedürfnisse des Babys wahrnehmen und geben ihm Geborgenheit. Die Eltern übernehmen die Aufgabe, die ein Kind noch nicht alleine bewältigen kann: Ein Säugling kann seine Emotionen noch nicht steuern. Mithilfe seiner Eltern lernt er Schritt für Schritt, seine Emotionen zu regulieren. Fehlt diese Unterstützung der Eltern, schwanken die Kinder zwischen extremem Stress und Apathie.
"Gerade in der Schwangerschaft sind die Eltern hoch motiviert", sagt Brisch. Das Safe-Programm beginnt darum im fünften Schwangerschaftsmonat. An vier Sonntagen werden den künftigen Eltern per Videobeispiel Signale eines Babys vertraut gemacht. Die Seminare finden sonntags statt, damit auch die Väter teilnehmen können.
Sie werden geleitet von jeweils zwei Mentoren, die selbst Erfahrung im Umgang mit Kindern haben - Hebammen, Säuglingsschwestern oder Kinderpsychologen - und die speziell für diesen Kursus geschult sind. Nach der Geburt finden weitere sechs Treffen statt, in denen die Eltern ihre Kommunikation mit dem Baby beim Baden, Füttern und Wickeln üben können.
Hotline für Krisensituationen
Ziel der Kurse ist es, dass die Eltern nicht nur lernen, auf ihr Kind einzugehen. Sie sollen sich außerdem bewusst werden über die eigenen Ängste und positive Verhaltensweisen einüben. In Krisensituationen - etwa wenn das Baby nächtelang durchschreit und die Eltern hilflos und entnervt sind - können die Mentoren über eine Hotline telefonisch oder per E-Mail erreicht werden. "Es entlastet, allein zu wissen, ich kann jemanden anrufen", sagt Brisch. Vielen Eltern hilft es schon, dass sie mit einem Vertrauten sprechen können, der sie und das Kind kennt.
Sicher gebundene Kinder sind stressresistenter, sie können anderen Menschen Vertrauen und sich besser in sie einfühlen. Studien belegen, dass sie in der Kommunikation mit anderen Menschen mehr Ausdauer, Kreativität und Kompromissbereitschaft zeigen. "Sicher gebundene Kinder sind überall beliebt, sie haben es leichter im Leben", sagt Brisch. Unsicher gebundene Kinder leiden dagegen an Stress- und Angstzuständen und reagieren auf Beziehungen zu anderen Menschen mit Aggression oder Klammern.
Bindungsentwicklung beeinflusst auch das Wachstum des Gehirns
Oftmals verlassen sie als Jugendliche früh ihre Familie oder sie schaffen den Absprung erst sehr spät, sie schwanken zwischen Festhalten und Loslösen. Kinder mit Bindungsstörungen haben es außerdem schwerer in der Schule. Denn die Bindungsentwicklung beeinflusst auch das Wachstum des Gehirns. Studien belegen, dass bei Babys, die viel allein gelassen werden oder Angst haben, Stresshormone ausgeschüttet werden, die die Nervenzellen im Gehirn absterben lassen. "Bindung geht darum vor Bildung", sagt Brisch.
Bei Tanja Drechsler sind es noch knapp sechs Monate bis zur Geburt ihrer Tochter - und die Zeit vergeht schnell, findet sie. Den kleinen, weißen Strampler hat Tanja Drechsler schon einmal ins Regal geräumt. Sie ist vorbereitet.
Mehr Informationen: Safe-Kurse Berlin, St. Joseph Krankenhaus, Ansprechpartnerin: Dr. Wiebke Baller, Tel. 92 79 05 27, www.safe-programm.de
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