Interview
Warum Langeweile für Kinder wichtig ist
Mittwoch, 30. September 2009 11:08Wie viel Fernsehen ist zu viel? Thomas Feibel, Autor und Herausgeber zahlreicher Ratgeber zum Thema Kinder und Medien ist der Ansicht, dass Eltern heute wachsam die Gesamtzeit in den Griff bekommen müssten, die ihr Kind an TV, Computer, Handy, Konsole etc. verbringt. Mit ihm sprach Patrick Goldstein.

Morgenpost Online: Herr Feibel, Ihr Buch will Eltern helfen, ihrem Nachwuchs Medienkompetenz zu vermitteln. Weshalb brauchen Kinder das?
Thomas Feibel: Weil es nicht ausreicht, wenn Kinder alles Mögliche vom Chatten bis zum Programmieren des DVD-Recorders beherrschen, wenn sie das Ganze nicht ins richtige Verhältnis setzen können. Nehmen Sie beispielsweise das Brennen von CDs. Ein Kind mag das am Computer problemlos leisten können. Aber wenn es nicht weiß, wann damit möglicherweise eine illegale Handlung verbunden ist, fehlt ihm an dieser Stelle die Medienkompetenz.
Morgenpost Online: Auf dem Gebiet Computer und Internet haben die meisten jungen Menschen heute doch längst schon ihre Eltern überrundet.
Thomas Feibel: Sicher. Die technischen Fähigkeiten sind da, die Intelligenz auch. Die Kinder von heute können mehr als jede Generation zuvor. Aber wenn die Einordnung fehlt, die einen wesentlichen Teil unserer Erziehung ausmacht, können sie nicht beurteilen, was richtig ist und was falsch, wo Recht endet und Unrecht beginnt.
Morgenpost Online: Und die armen Eltern? In unserer Kindheit konnten sich Vater und Mutter noch darauf verlassen, dass der Fischertechnik-Kran uns nicht gefährlich wird, dass Pipi nur ein bisschen unartig und Janosch harmlos lustig ist. Heute müssen Vater und Mutter halbe IT-Experten sein.
Morgenpost Online: Eltern behalten die Kontrolle, indem sie mit ihren Kindern ständig im Gespräch bleiben?
Thomas Feibel: Richtig. Das Angebot muss lauten: Wenn dir etwas Blödes im Internet passiert, komm zu mir und wir klären das. Auf diese Weise bleibt ein Kind nicht mit seinen Ängsten allein, wenn es im Chat jemandem begegnet, der es zum Beispiel sexuell belästigt. Für diese Form von Autorität muss ein Erwachsener nicht gleich ein Internet-Spezialist sein.
Morgenpost Online: Manche behelfen sich einfach mit Filtersoftware.
Thomas Feibel: Aber das sind Eltern, die meinen, sie müssten sich mit den Gefahren des Internets nicht beschäftigen, weil es diese Programme gibt. Aber es gibt doch auch keine Filtersoftware fürs Leben! Die ständige Auseinandersetzung über das Netz zwischen Eltern und Kindern finde ich sehr wichtig. Auch in solchen Medienfragen müssen Eltern zeigen, dass sie stabile Partner bleiben, dass sie sich dafür interessieren, was ihre Kinder machen. Wenn ein Junge beispielsweise stundenlang am Computer spielt, hat das meist auch seine Vorgeschichte, da haben Eltern gedacht: Der ist ja mit seinem Computer beschäftigt, dann kann ich etwas anderes machen. Und irgendwann läuft die PC-Nutzung dann aus dem Ruder.
Morgenpost Online: Lange vor Daddeln, Dauersimsen und Computersucht versetzte - Sie sagten es eben - das Fernsehen Eltern in Angst und Schrecken. Warum gucken Kinder so gern in die Glotze?
Thomas Feibel: Fernsehen ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Zudem hat es von allen Medien die niedrigste Hürde, es kostet keine Anstrengung. Und - das empfinden Erwachsene nicht anders - zuzuschauen stellt eine "Pause vom Ich" dar...
Morgenpost Online: ... eine Pause, die manchen Kindern nicht lang genug dauern kann ...
Thomas Feibel: ... worüber sich wiederum Eltern aufregen. Aber es muss ja nicht bei dem Geschichtenerzähler Fernsehen bleiben. Es können ja auch die Eltern als Alternative vorlesen, sogar 16-Jährigen könnten wir durchaus noch vorlesen. Aber schauen wir uns die Eltern an: Sind das Menschen, die selbst lesen, oder hören Kinder abends durch die geschlossene Schlafzimmertür, wie sich Mutter und Vater stattdessen die Fernsehserie XY anschauen. Erwachsene geben durch ihr eigenes Verhalten eine Haltung vor.
Morgenpost Online: Bei Eltern liegt momentan im Trend, dem Fernsehen einen gewissen Lerneffekt für Kinder zu attestieren.
Thomas Feibel: Ich bin da zwiespältig. Ich habe als Kind bestimmt einiges durch das Fernsehen aufgeschnappt. Wenn Sie heute aber Medienpädagogen fragen, ziehen sie den Lerneffekt sehr in Zweifel. Vergessen wir zudem nicht: Es lässt sich mit Fernsehen, anders als bei anderen Medien, ja nicht zielgerichtet lernen, man kann sich nicht aussuchen, was ausgestrahlt wird.
Morgenpost Online: Andere Eltern berichten stolz, dass sie mit ihrem Kind die "Tagesschau" gesehen haben...
Thomas Feibel: ... vergessen dabei aber, dass Kindern nichts so viel Angst macht, wie reale Gewalt. Was Kinder an der Seite der Erwachsenen erleben, ist, wie aus Indien 80 Tote gemeldet werden, aus dem Irak eine Bombenexplosion, aus Afghanistan ein Anschlag - und ihre Eltern dabei ungerührt ein Käsebrot zu Abend essen. Wenn ein Kind diese Haltung sieht, kommt es zu der Überlegung, "ich muss mich abhärten" - auch wenn Bilder und Nachrichten es enorm bewegen und ihm womöglich Albträume verursachen. Mit der "Tagesschau" und Ähnlichen wartet man also besser, bis ein Kind zwölf, dreizehn Jahre alt ist.
Morgenpost Online: Schauen wir uns mal einige der anderen Formate an: Soap-Opera?
Thomas Feibel: Was Kinder daran fesselt, sind die Interaktionen zwischen den Figuren: Junge ist in Mädchen verliebt. Wie sagt er ihr das, bekommt sie das mit? Kinder glauben da, einen Vorgeschmack auf die Lösung bestimmter Probleme zu bekommen, von denen sie noch nicht wissen, wie sie selbst eines Tages damit umgehen werden. Das fasziniert sie. In den Fernsehnachmittag eines Kindes gehört die Soap natürlich nicht.
Morgenpost Online: Reality-TV und Casting-Shows?
Thomas Feibel: Kinder erkennen nicht, dass es immer Inszenierungen sind, die als real verkauft werden. Da sind wir auch wieder bei den Eltern, die etwa solche Sendungen schauen. Man sollte sich als Erwachsener stets die Frage stellen: Was lebe ich meinen Kindern eigentlich vor, wenn ich zuschaue, wie sich andere zum Affen machen? Oder wenn Eltern sagen: Das ist nichts für dich - um es dann selbst zu anzusehen, wenn der Nachwuchs im Bett ist.
Morgenpost Online: Insgesamt klingt das aber doch so, als ob Eltern heute ihre Kinder vor mehr bewahren müssen, als noch vor zwei Jahrzehnten.
Thomas Feibel: Um es klar zu sagen: Ich finde, dass unsere Kinder zu viel Zeit mit Medien verbringen. Unsere Eltern haben das aber auch schon über uns gesagt. Der Unterschied war jedoch, dass sie mehr Mut hatten, zu sagen: Nach einer Stunde ist Schluss. Nicht zuletzt, weil Fernsehen heute zu einem Ensemble von Medien gehört, in dem etwa die Grenze zwischen TV und Internet immer mehr verwischen, bin ich der Meinung, dass Eltern mit ihren Kindern "Medienzeiten" ausmachen müssen. Wenn man einem Zwölfjährigen sagt, du hast täglich 90 Minuten "Medienzeit", muss er sich eben entscheiden, ob er nun seine Lieblingssendung sieht, simst oder im Internet sein Rollenspiel spielt. Wenn das Kind lernt, sich seine Zeit einzuteilen, hat es am Ende ein Stück Medienkompetenz erlernt.
Morgenpost Online: In anderen Situationen sind Eltern schnell bereit, die beruhigende Wirkung von Medien zu nutzen, etwa wenn es um mobile DVD-Player für die Rückbank geht.
Thomas Feibel: Tja, früher sagten Kinder bei langen Fahrten: Ich habe Hunger, ich habe Durst, wie lange dauert's noch? Heute heißt es: Mama, Papa, habt ihr noch Batterien dabei? Da ist der Nintendo DS oder der DVD-Player plötzlich okay für die Eltern.
Morgenpost Online: Wie verstehen das Kinder?
Thomas Feibel: Für die lautet die Botschaft: "Wenn dir langweilig ist, leg' 'nen Film ein."
Morgenpost Online: Für unsere Generation war ja Langeweile als Kind noch ein steter, lästiger Begleiter.
Thomas Feibel: Vielleicht müssen Kinder wieder lernen, sich mehr zu langweilen, lernen, es mit sich selbst auszuhalten. Wer das seinem Kind beibringt, macht es meiner Meinung nach immun gegen jede Form von Sucht. Denn Sucht tritt immer bei dem auf, der kein gutes Selbstwertgefühl hat.
Gerade ist Thomas Feibels Buch "Kindheit 2.0" über die Gefahren und Chancen des Fernsehens erschienen.

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