Interview
Warum es Max und Sophie so viel besser haben als Kevin und Mandy
Freitag, 18. September 2009 02:52Kevin und Mandy haben es schwerer als Maximilian und Sophie, denn bestimmte Vornamen führen bei vielen Grundschullehrern zu Vorurteilen, was die Fähigkeiten und das Verhalten der Kinder betrifft.
Woher diese Vorurteile kommen und was sie bewirken, erklärt die federführend an der Studie beteiligte Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser im Gespräch mit Daniel Müller.Berliner Morgenpost: Frau Professor Kaiser, in Ihrer Studie haben Sie untersucht, ob Vornamen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder haben - und herausgefunden, dass es so ist. Welche sind denn die bösen und welche die guten Namen?
Astrid Kaiser: Böse und gut sind vielleicht nicht ganz die richtigen Worte, aber wenn wir das bezogen auf die Verhaltensauffälligkeiten betrachten, dann sind es Kevin, Mandy, Justin, Marvin, Chantal und Maurice, die offensichtlich einen schlechten Ruf haben. Einen hingegen ausschließlich positiven Beiklang haben bei den Mädchen Charlotte, Sophie, Nele, Marie, Emma, Hanna und Katharina und bei den Jungs Alexander, Lukas, Maximilian, Jakob und Simon.
Berliner Morgenpost: Würden Sie Eltern also raten, ihre Kinder eher Jakob und Charlotte als Justin und Chantal zu nennen?
Astrid Kaiser: Auf jeden Fall, denn die Vorurteile wirken unterbewusst bei Lehrern und Lehrerinnen. Und jeder will, dass die eigenen Kinder bessere Bildungschancen haben. Und die haben sie nun mal eher, wenn sie Jakob oder Charlotte heißen.
Berliner Morgenpost: Woher kommen diese Vorurteile?
Astrid Kaiser: Aus Erfahrung. Ich war ja auch mal Lehrerin, das ist also keine Schelte, die ich betreibe. Ich weiß, wie es im Schulalltag abläuft. Man lernt im Laufe der Jahre einige Kinder kennen, die verhaltensauffällig sind und generalisiert diese Erfahrung dann. Das ist das große, gefährliche Problem. Dadurch werden Kinder etikettiert, die gar nicht schlimm sind.
Berliner Morgenpost: Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung quasi.
Astrid Kaiser: Genau, frei nach dem Motto: Ich kannte mal einen Hallodri namens Maurice - ergo sind alle so.
Berliner Morgenpost: Sie haben 500 Fragebögen qualitativ und 2000 weitere quantitativ ausgewertet. Ist die Studie repräsentativ?
Astrid Kaiser: Von der reinen Menge der interviewten Lehrer und Lehrerinnen her schon, aber aufgrund einer Besonderheit auch nicht so ganz. Wir haben den Fragebogen online beantworten lassen, was dazu geführt hat, dass die Befragten sehr viel jünger waren als der Durchschnitt der deutschen Grundschullehrer.
Berliner Morgenpost: Laut Ihrer Studie ist Kevin der Paradename eines verhaltensauffälligen Schülers. Wie erklären Sie sich das?
Astrid Kaiser: Kevin ist ein Unterschichtenname, das erfahren wir jeden Tag aus den Medien. Es gibt natürlich verhaltensauffällige Kinder mit diesem Namen, aber das darf eben nicht generalisiert werden. Es ist ein Vorurteil - und Vorurteile haben die Wirkung, dass der Lehrer eine Erwartungshaltung hat: Dieses Kind ist nicht intelligent und nicht leistungsstark, weil es einen bestimmten Namen trägt. Und das ist ein Drama, da es oft dazu führt, dass diese Kinder tatsächlich leistungsschwach werden. Weil sie eben nicht gefördert werden. So werden Bildungschancen durch den Vornamen ganz konkret verbaut.
Berliner Morgenpost: Was ist denn das Bild der Lehrer von einem typischen Kevin oder einer typischen Mandy?
Astrid Kaiser: Wir haben in unserer qualitativen Untersuchung erschreckende Ergebnisse gesammelt. Das ist wirklich irre, was da in manchen Texten steht - und es schaudert mich. Ein Beispiel: "Alle Chantals hängen mit ihrer Fratze dumm herum, alle maulen sie." Das sind teilweise richtig platte, wütende Antworten über die vermeintlich negativen Verhaltenseigenschaften der Kinder. Und es war auch wenig Reflektionsvermögen zu spüren. Da hieß es nicht: Das könnte ein Vorurteil sein, sondern immer: Das ist meine Erfahrung, das ist wirklich so, das ist die Wahrheit.
Berliner Morgenpost: Was können Justin und Chantal tun, wenn sie in der Schule merken, dass die Lehrer sie nicht ernst nehmen?
Astrid Kaiser: Die tollste Lösung wäre - aber dazu bräuchte man sozial-emotionale Hilfe, dass sie den Lehrern klipp und klar sagen: "Ich weiß, mein Name ruft bei Ihnen möglicherweise schlechte Erinnerungen wach, aber bitte beobachten Sie mich mal. Ich bin echt gut."
Berliner Morgenpost: War das immer schon so, dass Namen auf Herkunft schließen ließen und Kinder somit qua Geburt in der Schule benachteiligt wurden?
Astrid Kaiser: Das war immer so und scheint auch weltweit so zu sein. Das ist zwar nicht repräsentativ, aber meine Schwiegertochter ist in Australien Lehrerin und erzählte mir, dass dort alle US-amerikanischen Namen, die auf "Y" enden, als Unterschichtennamen wahrgenommen werden. Und dass diese Kinder negativ etikettiert und somit schulisch benachteiligt werden.
Berliner Morgenpost: Nun drängt sich die Frage nach den Namen Ihrer Kinder förmlich auf.
Astrid Kaiser: Meine Söhne heißen Arvid und Gerrit. Das spiegelt übrigens eine andere meiner Hypothesen wider: Zu bestimmten Kulturzeiten sind bestimmte Namen en vogue. Und während der Demokratisierungsbewegung in Deutschland war Skandinavien total in. Damals in den 60er-Jahren habe ich beschlossen, auch Kinder zu bekommen.

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