Drogensucht
Der Kampf um Lina
Lina war 13, als sie anfing Drogen zu nehmen. Haschisch, Ecstasy, LSD, Kokain: Sie probierte fast alles, was sie in die Hände bekam. Als ihre Mutter Ulla Rhan merkte, was mit Lina los ist, war es fast schon zu spät. Es ging alles so schnell.
Von Tina Epking
Lina fliegt vom Gymnasium, geht fünf Wochen zur Gesamtschule, zwei Wochen zur Realschule, muss auch die verlassen, landet schließlich auf der Hauptschule, wo sie es ganze drei Tage aushält. Sie nimmt nicht nur Drogen, sie ist aggressiv, schließlich endet ihre Odyssee nach einer räuberischen Erpressung in einem geschlossenen Heim.
Das alles ist jetzt knapp fünfzehn Jahre her. Nach unterschiedlichen Phasen, darunter immer mal wieder längeren drogenfreien, ist die 28-Jährige nun seit einigen Jahren völlig clean. Sie hat ihr Abitur nachgemacht und will Erzieherin werden. Außer Zigaretten konsumiert sie nichts mehr. Ulla und ihre Tochter Lina reden wieder miteinander, stehen sich wieder sehr nah - noch vor ein paar Jahren hätten sie sich das nicht vorstellen können. Jetzt erscheint ein gemeinsames Buch der beiden. Bis dahin war es ein langer Weg. Ein Weg voller Wut, Hass, Lügen, Heuchelei und immer wieder Drogen, Drogen, Drogen.
In ihrem Buch "Ich rauche doch nur Joints" dreht es sich vor allem um die Situation der Eltern von suchtgefährdeten oder drogenabhängigen Kindern. Das Buch ist ein Ratgeber, schon die Unterzeile fasst zusammen, worum es geht: "Was Erwachsene über Drogen wissen sollten (und Jugendliche ihnen nie erzählen würden)".
Ulla Rhan ist in den letzten Jahren Expertin auf diesem Gebiet geworden. Sie ist Coach und berät Eltern suchtgefährdeter und drogenabhängiger Kinder in ihrer Praxis. Aber sie ist eben auch immer noch selbst Mutter eines drogenabhängigen Kindes. Die 52-Jährige weiß, wie es Eltern geht, die mit ihrem Kind und dessen Sucht zu kämpfen haben. "Die meisten Ratgeber sind sehr wissenschaftlich. Man muss aber wissen, was die Droge, die Sucht, mit dem Jugendlichen macht. Das ist das Wichtige", sagt sie. Häufig gehe es zum Beispiel um die Vorbildfunktion. "Ich hatte solche Schuldgefühle", sagt sie. Immer wieder werde gesagt, das Drogenproblem der Kinder sei eine Erziehungssache, Drogensucht beträfe vor allem vernachlässigte Kinder, nur solche aus sozialen Brennpunkten. "Aber das ist nicht so, es sind Kinder aus ganz normalen Familien", sagt Ulla Rhan.
Auch sie habe schon viel falsch gemacht damals, immer habe sie nur gearbeitet, als Übersetzerin den ganzen Tag vor dem PC gesessen. Dass Lina ihr das nicht nachtun wollte, kann sie ihr im Nachhinein nicht verübeln. Lebensfreude strahlte sie dabei nämlich nicht aus. Außerdem fiel das Abrutschen von Lina zeitlich mit einer schweren Krebserkrankung ihrer Mutter zusammen. Ulla Rhan hatte das Gefühl, sie habe sich zu der Zeit nicht ausreichend kümmern können. Mittlerweile, sagt sie, habe Lina ihr Absolution erteilt, auch sie selbst habe ihren Frieden mit sich und ihrer Tochter gemacht.
Jeder geht anders mit dem Schicksal seines Kindes um. Lina und Ulla Rhan haben deswegen für ihr Buch mit vielen Betroffenen gesprochen, mit Eltern und den dazugehörigen konsumierenden Kindern. "Eltern reagieren ganz unterschiedlich: Manche behaupten vehement, ihr Kind nehme nichts. Auch wenn offensichtlich ist, dass das Kind Probleme hat. Andere wollen mit ihren Kindern sogar nichts mehr zu tun haben", sagt sie. Sie selber habe sich bei aller Liebe zu wenig interessiert, was in Lina vorging. Sie habe erst viel zu spät nachgefragt, nämlich dann, als ihre Tochter schon süchtig war. Deswegen wolle sie andere Eltern sensibilisieren.
Für "Ich rauche doch nur Joints" haben die Rhans ganz vorn angefangen. Basiswissen über Drogen sei wichtig. Detailliert wird deswegen erklärt, welche Drogen es derzeit auf dem Markt gibt, wie sie aussehen, wie sie konsumiert werden und wirken. Informierte Eltern bemerken mehr, lassen sich nicht so schnell etwas vormachen. "Ich möchte aber auch, dass ein Verständnis dafür entwickelt wird, dass auch Alkohol und Zigaretten Drogen sind" sagt Ulla Rhan. Man müsse das ja nicht verteufeln, man könne ja auch den Genuss eines Glases Wein erklären. "Es gibt aber noch zu viele Eltern, die selbst rauchen und trinken und ihren Kindern erklären wollen, von einem Joint fielen sie tot um. Das ist schlichtweg unglaubwürdig", sagt die 52-Jährige.
Ulla Rhan ist mit der Sucht ihrer Tochter lange Zeit nicht klargekommen. Viel geweint und gelitten habe sie. Sich ohnmächtig gefühlt und hilflos. Gerade auch deswegen wollte sie dieses Buch schreiben. Um anderen Eltern Mut zu machen. Ungewöhnliche Wege ist sie gegangen, um ihrer Tochter wieder näherzukommen. Sogar nach Amsterdam fuhr die heute 52-Jährige mit Lina, um dort ihren ersten Joint mit ihr zu rauchen. Eine Methode, die den beiden half, aber die sie nicht jedem empfehlen will.
Ulla Rhan ist davon überzeugt, dass Kinder irgendwann in ihrem Leben selbstverständlich mit Drogen in Berührung kommen. "Eltern müssen sich klarmachen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Drogen Fakt sind. Man muss seinen Kindern heutzutage nicht mehr nur beibringen zu lesen, schreiben oder schwimmen, sondern in der Gesellschaft nicht unterzugehen", sagt sie. Mütter und Väter dürften nicht sofort in Panik verfallen, wenn es um Drogen gehe, das ginge aber nur mit dem entsprechenden Wissen. Ulla Rhan lacht. "Ich habe Lina auch geglaubt, dass sie nur Räucherstäbchen anzündet und es deswegen so roch bei uns im Haus."
"Ich rauche doch nur Joints" Was Erwachsene über Drogen wissen sollten (und Jugendliche ihnen nie erzählen würden), Lina und Ulla Rhan, Kösel-Verlag, 160 Seiten, 14,95 Euro
"Süchtig werden Kinder aus ganz normalen Familien"
Ulla Rhan, Coach
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