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05.09.09

Parzelle im Grünen

Das große Glück im kleinen Garten

Familie Richter-Dombrowski ist nicht leicht zu finden. Auf schmalen Pfaden geht es durch die Charlottenburger Kolonie "Birkenwäldchen". Rechts geharkte Beete, links plätschert Wasser aus einem Stein. Im Garten dahinter spielen Kinder im Planschbecken, Eltern schnippeln an den Pflanzen, ein Radio dudelt leise Schlagermusik. Dann endlich: Parzelle 16.

Hinter einer mannshohen Buchenecke liegen 300 Quadratmeter Garten. Apfel- und Buchsbäume, verschieden große Tontöpfe mit Blumen, eine Zinkwanne, aus der allerlei Gräser wachsen. Und mittendrin: die Laube, ein liebevoll restauriertes rotbraunes Holzhäuschen. "Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, ohne den Garten zu leben", sagt Babette Dombrowski.

Die typischen Laubenpieper sind Babette Dombrowski (46) und ihr Mann Mathias Richter (50) eigentlich nicht. Sie arbeitet als Lektorin, er ist Physiker.

"Am Anfang war der Garten eigentlich vor allem für die Kinder gedacht", sagt Babette Dombrowski. Jakob (15), Emil (11) und Philine (8) sollten sehen, wie alles wächst, blüht und Früchte trägt. Und sie sollten Platz haben zum Toben. An einem alten Baum hat Mathias Richter deshalb eine Schaukel befestigt.

"Die Parzelle ist das grüne Wohnzimmer des Städters", sagt Edgar Thomas. Der 71-Jährige ist Vorsitzender des Bezirksverbands Charlottenburg der Kleingärtner. Die Nachfrage nach einem Pachtgrundstück in Schrebergartenkolonien steige stetig - vor allem seitens junger, berufstätiger Eltern. "Zunehmend melden auch Personen mit kaufmännischen Berufen und Akademiker Interesse an einer Parzelle an", so Kleingärtner Edgar Thomas. Das bestätigt der Landesverband Berlin, der in diesem Jahr wieder ein Rekordhoch an Anfragen zu verzeichnen hat.

Als Mathias Richter und Babette Dombrowski vor elf Jahren ihren Garten übernahmen, waren sie als junge Akademikerfamilie noch Pioniere. "Einen Schrebergarten wollt ihr?", fragten Freunde und Bekannte skeptisch, als sie von den Plänen der Familie erfuhren. Kauften sich damals doch alle eher weitläufige Höfe im Berliner Umland, etwa im Oderbruch. "Wir sind dafür in zehn Minuten in unserem Garten", sagt Babette Dombrowski, "dadurch können wir auch in der Woche mal schnell ins Grüne fahren." Und die skeptischen Freunde genießen es längst, mal eben auf einen Kaffee oder zum Grillen zu Besuch kommen zu können."

Als die Familie begann, sich ihren Garten herzurichten, wurde sie von den Laubenpiepern zunächst argwöhnisch beäugt. "Das sind unsere 'Ökos'", witzelten die alteingesessenen Kleingärtner der Kolonie. Sie vermissten im Garten der "Neuen" die akkurat verlegten Gehwegplatten, den Fahnenmast, die Schachbrettbeete und den Gartenzwerg. Dann stand da auch noch diese riesige Buche mitten im Garten, viel größer, als die strenge Satzung das eigentlich erlaubt. Und als die Familie sich entschied, das Jahrzehnte alte Holzhaus nicht abzureißen und durch ein schmuckes neues zu ersetzen, sondern es Stück für Stück in Eigenarbeit zu restaurieren, schüttelten die Nachbarn fassungslos den Kopf. "Es sah während unserer Bauarbeiten hier natürlich nicht sehr ordentlich aus", sagt Dombrowski. Dann lacht er und sagt: "Aber als dann alles fertig war, gab es interessierte Nachfragen und auch Lob."

Die anfänglichen Unstimmigkeiten sind im Birkenwäldchen längst beigelegt. Vor dem rotbraunen Häuschen der Familie Richter-Dombrowski steht eine gemütliche Bank, auf dem Tisch ein selbst gebackener Kuchen, belegt mit frischen Pflaumen - ein Geschenk aus dem Garten nebenan.

"In der Kolonie gibt es Junge und Alte", sagt der Kleingarten-Vorsitzende Edgar Thomas. Natürlich komme es dabei hin und wieder auch zu Unstimmigkeiten, etwa "wenn die Alten sich aufs Ohr legen wollen und die Kinder im Schwimmbecken toben". Das Wichtigste aber sei, dass die Generationen miteinander ins Gespräch kommen.

In der Kolonie "Potsdamer Güterbahnhof" auf dem Gleisdreieck klappt das seit 60 Jahren gut. Die Hobby-Gärtner kommen aus 15 Nationen. Ärger untereinander gibt es nur selten. "Wir sind tolerant", sagt Vorsitzender Klaus Trappmann. Auf dem Gleisdreieck stört es niemanden, wenn eine Hecke nicht ordentlich geschnitten ist oder die Kinder durch die ganze Anlage toben.

Ein angerostetes Fahrrad markiert den Eingang zu Parzelle 30. Seit drei Jahren ist das der Garten von John und Sandra Chambers. "Hier ist es klein und witzig", sagt John Chambers (40) Der Garten ist fröhliches Chaos. Pflaumenbaum und Salbeibusch wuchern munter, wie sie wollen, Tochter Sive ist dabei, ein Indianerzelt aufzubauen. Wann immer es geht, fährt die Familie in ihre kleine grüne Oase. Fünf Minuten brauchen sie von ihrer Wohnung mit dem Fahrrad. "Kita und Schule sind auch gleich um die Ecke", sagt Cartoon-Zeichner John Chambers, "eigentlich sind wie jeden Nachmittag hier. Wir holen die Kinder ab und essen dann hier im Garten zu Abend." Oft kommen auch noch Freunde dazu. Man sitzt zusammen, lacht, erzählt, die Kinder laufen zwischen den Gärten hin und her. Es ist herrlich ruhig, die Vögel zwitschern. Und in regelmäßigen Abständen rattert die U-Bahn hinter der Parzelle über die Brücke. "Ich finde das idyllisch", sagt John Chambers.

Auch Schriftsteller Wladimir Kaminer und seine Familie haben den Schrebergarten für sich entdeckt. Seit vier Jahren beackern sie ihre Parzelle in der Kolonie "Bornholm 1" in Prenzlauer Berg. "Die Kinder haben hier viel Spaß", sagt Wladimir Kaminer. Nicole (13) und Sebastian (10) fanden viele Freunde in der Kolonie, verabreden sich bei gutem Wetter dort zum Spielen. "Es hat eindeutig ein Generationswechsel stattgefunden", sagt der Schriftsteller, "die jungen Familien in der Kolonie werden immer mehr." Sie haben entdeckt, dass man sich mit einem Schrebergarten ein Stückchen Natur in die Großstadt holen kann. Ein Fleckchen Grün, auf dem man sich entspannen kann. "Und arbeiten", sagt Wladimir Kaminer. "Denn die bleibt an den Eltern hängen. In diesem Jahr haben wir eine so große Ernte, dass wir jetzt Apfelmus kochen müssen."

"Die Parzelle ist das grüne Wohnzimmer des Städters"

Edgar Thomas, Vorsitzender der Charlottenburger Kleingärtner

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