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Häusliche Pflege

Wenn aus Ehepartnern Pflegepartner werden

Wird aus einem alten Menschen plötzlich ein Pflegefall, so verändert sich das Leben vollständig. Auf den pflegenden Partner kommen dann neue und unerwartete Belastungen zu. Die Pflege ist körperlich hart. Aber auch psychisch ist die Wesensveränderung des Menschen, der zum Pflegefall wurde, manchmal kaum zu ertragen.

Bernd Schulz pflegt seine demenzkranke Frau Margret. Eine schwere Aufgabe, denn das Wesen der Kranken hat sich sehr verändert.
Foto: Christian Hahn
Bernd Schulz pflegt seine demenzkranke Frau Margret. Eine schwere Aufgabe, denn das Wesen der Kranken hat sich sehr verändert.

Eigentlich sei sie ja pflegeleicht, seine Frau, sagt Bernd Schulz. Eigentlich sei es ja nur sein Problem, dass er es unsinnig findet, wenn sie in der Küche mit Klopapier alle Tassen putzt und sie dann in die Spülmaschine stellt. Eigentlich.

Und trotzdem sind die Kleinigkeiten im Alltag das eigentlich Schlimme. "Diese Nickeligkeiten", wie Bernd Schulz sie nennt. Wenn er und seine Frau Margret zum Beispiel mal wieder viel zu spät zu einer Verabredung kommen, weil sie wieder ihre Handtasche verlegt hat. Wenn sie duschen will und fünfmal wieder aus dem Bad kommt, weil sie das Shampoo nicht findet. Wenn sie, anstatt Unkraut in ihrem geliebten Garten abzuschneiden, die Blumenpracht köpft.

"Und es gibt nie eine Entschuldigung von ihr", sagt er. Kann es auch nicht, denn die 81-Jährige ist sich keiner Schuld bewusst. Margret Schulz hat Demenz. Ihr neun Jahre jüngerer Mann kümmert sich aufopferungsvoll zu Hause um sie. Aber trotzdem - oder gerade deswegen? - verliert er manchmal einfach die Geduld. "Dann muss ich zusehen, wie ich mich wieder einkriege, ich kann sie ja schlecht hauen", sagt er.

Knapp 69.000 pflegebedürftige Menschen werden in Berlin zu Hause versorgt. Von Ehepartnern, Kindern, Schwiegerkindern. Ohne ihre Arbeit würde unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Unter ihrer Arbeit brechen sie selbst häufig zusammen.

Aus Liebe wird Hass

Seit zehn Jahren hört die Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr am Nottelefon der Diakonie die Hilferufe pflegender Angehöriger, die wie Geständnisse klingen: "Ich habe gerade meiner Mutter mit der Bürste auf den Kopf geschlagen, weil sie sich schon wieder nicht kämmen lassen wollte", sagte eine Frau. "Ich wusste gar nicht, dass ich so hassen kann", sagte eine andere. Es sind hauptsächlich Frauen, die anrufen und gestehen, dass aus Liebe bisweilen Hass geworden ist. Dass sie vor sich selbst erschrecken, weil sie aggressiv sind. Vor allem aber gestehen sie sich selbst mit dem Telefonanruf ein, dass sie überfordert sind - und brechen damit ein Tabu.

"Niemand bereitet die Angehörigen darauf vor, was es für eine emotionale Belastung ist, jemanden zu Hause zu pflegen", sagt Tammen-Parr. Es gibt Beratungsstellen für die Leistungen der Pflegeversicherung und Hilfen für die altengerechte Umrüstung der Wohnung. Wie man aber mit den Aggressionen im Pflegealltag umgehen soll, sagt einem niemand.

Plötzlich redete sie wirr

Bernd Schulz geht joggen. Mehrmals in der Woche im Wald. "Dabei kann ich den Alltag ganz gut verarbeiten", sagt er nüchtern. Bernd Schulz macht alles für seine Frau. Viele Worte verliert er darüber nicht. Er ist Pragmatiker, Ingenieur. "Was sollte ich denn sonst machen?" Er zuckt ein bisschen hilflos mit den Schultern, lässt den Blick kurz durch seinen Garten huschen, dann hat er sich wieder gefasst. "Es gibt keine Alternative." Damit ist das Thema für ihn erledigt.

Vor vier Jahren kam die Demenz schleichend in ihr Leben und machte Bernd Schulz plötzlich vom Ehemann zum Pfleger. "Es beginnt so unkontrolliert", sagt der 72-Jährige. 2005 waren er und seine Frau mit dem Auto unterwegs. Margret Schulz sah aus dem Fenster und sagte auf einmal: "Guck mal, die sind mit dem Haus da noch immer nicht fertig." Bernd Schulz wunderte sich. Die Gegend, durch die sie fuhren, war ihnen völlig unbekannt.

Wenige Wochen später beim Einkaufen tippte ihn seine Frau an und sagte: "Guck mal, da geht schon wieder der Mann mit den zwei Kindern." Ein anderes Mal behauptete sie steif und fest, sie würden immer neben demselben roten Auto parken. Als sie begann, auch vergesslich zu werden, ging er mit seiner Frau zum Neurologen. Die Diagnose Demenz war ebenso wenig wegzuschieben wie die Krankheit selbst.

Vergessen, wie man kocht

Irgendwann stand die pensionierte Ärztin in der Küche und wollte kochen. Sie hatte alles Mögliche - Töpfe, Pfannen, Lebensmittel - aus den Schränken gekramt und stand ratlos mittendrin. Sie wusste nicht mehr, wie man kocht. Daraufhin fing Bernd Schulz an, sich ums Essen zu kümmern. Und dann um den Einkauf. Dann um die Haushaltspflege. Irgendwann mochte sie auch nicht mehr ans Telefon gehen, Gespräche ohne Blickkontakt konnte ihr Kurzzeitgedächtnis immer schlechter meistern.

Also kümmerte er sich um die sozialen Kontakte. Er fing an, ihr Kleidung rauszulegen, damit sie nicht immer dasselbe trägt. Schließlich goss er auch die Blumen im Garten, der eigentlich immer ihr Reich war. "Sie vergisst alles so schnell, da mache ich es doch lieber selber", sagt er und schildert eine der Episoden, die täglich an seinen Nerven zehrt.

"Kannst du mal bitte den Tisch decken?"

"Was soll ich denn decken?"

"Messer, Gabeln, Teller."

Sie nimmt die Gabeln aus der Schublade, legt sie irgendwo hin und verschwindet im Garten.

"Im häuslichen Bereich spielen sich teilweise Dramen ab", sagt die Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr. "Die Pflege von Angehörigen ist besonders anstrengend, denn sie wird zur Plattform für alle Familienprobleme." 15.000 Anrufe hat sie mit ihren Kolleginnen in den vergangenen zehn Jahren am Pflege-in-Not-Telefon beantwortet. "Wir können die Nachfrage nicht bedienen", sagt sie.

Gewalt auf beiden Seiten

Die Anrufer können sonst kaum über ihre Situation sprechen. "Es herrscht das Bild vor vom alten, hilflosen Pflegebedürftigen - viele können nicht verstehen, wie man den anschreien und mit dem Waschlappen eine knallen kann", sagt Tammen-Parr. "Aber Gewalt in der Pflege ist meist keine Einbahnstraße." Auch die Pflegebedürftigen seien oft körperlich und psychisch gewalttätig, kratzen, schlagen oder beleidigen und verweigern die Dankbarkeit. Und an dieses aggressive Klima könne man sich leicht gewöhnen.

Für Bernd Schulz ist es eine Erleichterung, monatlich in eine Gesprächsgruppe für Angehörige zu gehen. "Es ist gut zu wissen, dass andere oft genauso hilflos sind wie man selbst", sagt er, richtet sich auf und fügt energisch hinzu: "Das ist mein Hinweis an die Welt da draußen: Es kann jedem so gehen!" Schulz wünscht sich, dass mehr Menschen ihre Erlebnisse weitergeben. Er selbst hat von Anfang kein Geheimnis aus der Krankheit seiner Frau gemacht. Nicht, weil er wusste, dass es das einfacher machen würde, sondern, weil er nicht wollte, "dass die Nachbarn sich wundern, was mit meiner Frau los ist".

Keine Tabus

Zu Offenheit rät auch die Sozialpädagogin Tammen-Parr auch innerhalb der Familie. Die Angehörigen sollten sich bei eintretender Pflegesituation zusammensetzen und ohne Tabus miteinander sprechen - auch über die Themen Überforderung und Aggression. Doch vor allem sei es wichtig zu wissen: Der Pflegebedürftige wird sich nicht mehr verändern. Die Lösung liegt allein beim Pflegenden.

Auch Margret Schulz wird nicht eines Morgens aufwachen und gesund sein. "Was kommt, das kommt", sagt ihr Mann, wieder ganz Pragmatiker. 1970 hat er Margret geheiratet. Doch nun, nach so vielen Jahren Ehe, hat er Angst, dass sich durch die Krankheit auch ihr Wesen verändern könnte, sie ihm und er ihr fremd wird. "Irgendwann könnte sie mich vielleicht hassen", sagt er nachdenklich. Doch auch das wäre dann nur sein Problem.

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