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31.08.09

Alltagswahnsinn

Familie zu managen ist kein Kinderspiel

Wer eine Familie mit einem oder mehreren Kindern hat - und dazu noch in der Großstadt wohnt, der weiß, was Stress bedeutet. Die eigene Berufstätigkeit mit den Pflichten und Freizeiten der Kinder unter einen Hut zu bringen, den Haushalt im Griff zu behalten und permanent auf das Auto angewiesen zu sein, ist eine Belastung, die nicht jeder bewältigt.

© Christian Kielmann
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Für rund 300.000 Berliner Kinder beginnt am Montag wieder die Schule - und damit für die Eltern Stress. Morgens geht es früher los. Waschen, anziehen, Brote schmieren, zum Trödeln bleibt keine Zeit. Ganz schnell noch die wichtigsten Sachen besprechen - wer holt wann wen ab - und los geht's in den Alltag. Abends dann noch einmal das Gleiche.

Diese Situationen kennt auch Pia Cremer nur zu gut. Zwar hat sie ihren Alltag als Mutter von drei Kindern (4, 14 und 16) einerseits und als Radiologisch-Technische Assistentin andererseits fest im Griff. Und doch gibt es Situationen, in denen sie ins Schwimmen gerät: "Wenn ich im Krankenhaus wegen eines Notfalls nicht pünktlich wegkomme und die Großen am Sportplatz auf mich warten, während Paula, unsere Jüngste, aus dem Kindergarten abgeholt werden muss, werde ich nervös." Würden nicht oft die Großeltern einspringen, hätte Pia Cremer ein Problem, denn ihr Mann kann in der Regel erst spät das Büro verlassen.

In vielen Familien ist der Tag mit Terminen so voll gepackt, dass sie - ähnlich wie ein Unternehmen - ein professionelles Zeitmanagement benötigen. "Wenn wir das Gefühl haben, dass uns die Dinge entgleiten, entsteht Stress", weiß Pascale Meyer, die als Dozentin an der Freien Universität auch Zeit- und Selbstmanagement-Seminare leitet. Folge: "Dann werden wir schneller und die Fehleranfälligkeit steigt. Statt Zeit zu gewinnen, verlieren wir wertvolle Minuten." Ein Teufelskreislauf.

Störanfällig ist bei den Cremers auch der Morgen: Wenn Eltern und Kinder gleichzeitig Richtung Kita, Schule und Arbeitsplatz aufbrechen oder transportiert werden müssen, kommt schnell Hektik auf. Hier rät Pascale Meyer, in Stress-Situationen langsamer zu werden. "Wenn du es eilig hast, gehe langsam", lautet passend der Titel eines Buchs des Zeitmanagement-Experten Lothar Seiwert.

Inwieweit können Familien von Zeitmanagement-Konzepten für Unternehmen profitieren? Dazu Pascale Meyer, die Firmen in Organisationsentwicklungs-Prozessen berät: "Sowohl in Unternehmen wie Familien findet Kommunikation statt. Hier wie dort geschehen unvorhergesehene Dinge, die bewältigt werden müssen. In beiden Systemen haben die Menschen unterschiedliche Rollen - z. B. in der Familie die Rolle der Mutter, Partnerin, Nachbarin, Tierbesitzerin, etc. -, was zu Rollenkonflikten führen kann. Insofern können Zeitmanagement-Konzepte für Unternehmen durchaus als Quelle der Inspiration für Familien dienen."

Hektik im Familienalltag lässt sich oft vermeiden, wenn man realistische Zeiten für die verschiedenen Aktivitäten ansetzt und Pufferzeiten einplant. Und dabei bedenkt, dass "Kinder ein anderes Zeitempfinden haben als Erwachsene, denn sie leben im Moment", so Pascale Meyer. Am Anfang steht deshalb die Überlegung, wie lange ein Kind für eine Aufgabe - und sei es das Zubinden der Schuhe - benötigt.

Wichtig ist bei jeder Planung zudem eine klare Rollenverteilung. Vorschlag von Pascale Meyer: Die Partner wechseln sich bei der Zubereitung des Frühstücks oder beim Chauffieren der Kinder ab, bzw. weisen sich bestimmte Wochentage zu. Vorteil: Wer nicht an der Reihe ist, gewinnt Zeit für sich selbst. Ältere Kinder sollten eingebunden werden und Aufgaben je nach Leistungsvermögen übernehmen. Bei den Cremers klappt das. Pia Cremer: "Bei uns hängt in der Küche ein Plan für Anna und Felix, der ihnen sagt, wann sie mit Staubsaugen und Müllentsorgen an der Reihe sind."

Pascale Meyer findet Monatspläne wegen vieler unvorhergesehener Zwischenfälle für Familien wenig sinnvoll. Die Expertin rät, mit einer Tagesplanung zu beginnen und sich dann an Wochenpläne heranzutasten: "Planen muss man lernen. Mit Tagesplänen bekommt man ein besseres Gefühl für die Zeit."

Svenja und Patrick Bastian, die drei Söhne von zehn Monaten, zwei und fünf Jahren haben, führen ihre Kalender sorgfältig: "Darin stehen alle unsere Termine, auch die der Kinder. Wenn ein neuer Termin dazu kommt, legen wir gleich fest, wer dafür verantwortlich ist", sagt Svenja Bastian, die derzeit im Erziehungsurlaub ist.

Zeitmanagement-Fachmann Lothar Seiwert hat für die Tagesplanung die so genannte "A-L-P-E-N-Methode" entwickelt. Das "A" steht danach für gleiche Aufgaben bündeln und "L" bedeutet, die Länge abzuschätzen, die eine Aufgabe beanspruchen wird. "P" heißt Pufferzeiten einbauen, "E" Entscheidungen über das treffen, was dringend und wichtig ist, und "N" meint schließlich nachkontrollieren, was erledigt ist. Wichtiger Tipp von Organisationsberaterin und Coach Pascale Meyer: "Nicht mehr als 60 Prozent der Wachzeit verplanen, denn 40 Prozent sollte man für Unvorhergesehenes freihalten."

Wochenpläne machen die Bastians übrigens meistens sonntags: "Dann bereden wir die Termine der Woche und überlegen, für wann wir einen Babysitter organisieren müssen." Wichtig ist es nach Worten von Pascale Meyer in jedem Fall, sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit auszutauschen und abzusprechen. Es empfehle sich zudem, Absprachen immer wieder neu zu überprüfen. Kinder können bei der Aufgabenverteilung ihre Wünsche artikulieren. Im Idealfall übernimmt der eine gerne das Staubsaugen, während der andere Bügeln okay findet.

Wie viele Nachmittagsaktivitäten sind bei Kindern sinnvoll? Der Neurobiologe Prof. Martin Korte, der ein Buch über die Entwicklung des kindlichen Gehirns geschrieben hat, empfiehlt: "Addieren Sie die fest verplanten Wochenstunden ihres Kindes (Schule, Musik, Sport, Nachhilfe etc.). Kommen Sie auf mehr als 40 Stunden ist die Grenze der Verplanbarkeit überschritten. Die Aktivitäten Ihres Kindes sollten reduziert werden."

Der beste Zeit- und Aufgabenplan wird hinfällig, wenn ein Kind plötzlich krank wird. Oder ein Elternteil einen Unfall hat. "In Familienunternehmen ist ein Notfallplan ganz wichtig. Das ist auch für Familien wünschenswert. In einem entsprechenden Plan sollten Telefonnummern für den Fall eines Unfalls notiert sein, von Ansprechpartnern, die informiert werden müssen, sowie von Kita, Schule und Hort. Auch Infos, wo z. B. ein Ersatzschlüssel für die eigene Wohnung zu finden ist, sind sinnvoll", sagt Pascale Meyer.

Die Bastians sind auf Notfälle vorbereitet. "Meine Mutter kommt dann aus Hildesheim nach Berlin. Das war z. B. notwendig, als unser Sohn Bruno überraschend ins Krankenhaus musste und wir keine längere Auszeit im Job nehmen konnten", so Svenja Bastian.

Für die Bastians bedeutet der Start ins neue Schuljahr eine Umstellung, denn ihr Ältester - Paul - kommt in die erste Klasse. Die Notwendigkeit für eine genaue Planung wird sich im November weiter erhöhen, wenn Svenja Bastian in ihren Job als Administrative Coordinator bei einer internationalen Unternehmensberatung zurückkehrt und der Jüngste in die Kita kommt. Als erste Maßnahme zur morgendlichen Entlastung haben sie mit Bekannten aus der Tempelhofer Nachbarschaft eine Fahrgemeinschaft organisiert: Mal bringt der eine, mal der andere die Erstklässler in die Schule.

Die Abendstunden - ohnehin für Familien eine stressige Phase, da die Kinder müde und quengelig werden, - sind in Schulzeiten noch anstrengender. Notwendige, aber mitunter lästige Dinge wie Hausaufgaben-Kontrolle, Baden und Zähneputzen stehen an. "Bei uns gibt es abends einen genauen Zeitplan. Um 18 Uhr ist Abendbrotzeit, dann folgen Waschen, Zähneputzen und das Sandmännchen. Um 19.45 Uhr ist Schluss. Wir denken, Kinder brauchen feste Regeln", sagt Svenja Bastian.

So notwendig Zeitmanagement ist: Konzepte aus Unternehmen sind auf Familien nie hundertprozentig anwendbar. Im Arbeitsalltag Prioritäten setzen, klingt gut. Aber: "Wenn meine Kinder gleichzeitig etwas von mir wollen, der eine Liebeskummer hat, der andere zum Bahnhof gebracht werden muss und die Kleinste quengelt, fällt es schwer, Prioritäten zu setzen", sagt Pia Cremer. Familienalltag ist eben nicht immer planbar - und wunderbar aufregend.

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