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24.08.09

Wenn Mama kaum da ist

Wie die Familien von polnischen Putzfrauen leiden

Polnische Frauen fahren oft Hunderte Kilometer zum Putzen nach Berlin. Woran viele nicht denken: Sie lassen dafür ihre Familien zurück, sind nur noch am Wochenende zu Hause. Das Verhältnis zwischen Mutter und Kind kann darunter extrem leiden. Eine Frau erzählt.

© Massimo Rodari
Massimo Rodari
Bascha hat sich auch für ihre Tochter für die Arbeit in Berlin entschieden - doch nun hört sie oft nur Vorwürfe

Exakt 218 Kilometer. Bascha (38) kennt jede Tankstelle, jedes Tempolimit, jeden Baum am Wegesrand. Seit fünf Jahren fährt sie alle zwei Wochen die Strecke von Pankow nach Sagan in Polen. In Berlin hat Bascha Arbeit. Keine legale, aber immerhin. Und in Sagan wohnt ihre Familie. Bascha pendelt zwischen Einsamkeit und Heimat.

Sagan ist ein hübsches Städtchen in Niederschlesien. Gerade mal 28.000 Einwohner, ein wunderschönes Barockschloss und eine idyllische Flusslandschaft mit vielen alten Fachwerkhäusern. Nur eines hat Sagan nicht: Arbeitsplätze. Bascha hatte ihren Job als Krankenschwester verloren. "In Berlin gibt es Arbeit", hatten Bekannte ihr erzählt. "Als Putzfrau kannst du da schnell Geld verdienen." Also machte Bascha sich auf. Ihre Tochter Daniela, damals elf Jahre alt, ließ sie bei der Oma zurück.

"Was hätte ich denn sonst tun sollen?", sagt Bascha ruhig. Danielas Vater zahlte nach der Scheidung keinen Zloty Unterhalt mehr, die Arbeitslosenquote in Polen war mit über 20 Prozent die höchste in der EU. Und von all diesen Arbeitslosen hatten nur elf Prozent Anspruch auf Arbeitslosenhilfe. Allen anderen blieb das Sozialamt. "Ich bekam umgerechnet gerade mal 15 Euro Kindergeld im Monat und als alleinerziehende Mutter 50 Euro extra", sagt Bascha, "das reichte nur für das Nötigste." Bascha aber wollte, dass es ihrer Tochter mal besser geht. Dass sie in den Urlaub fahren, bei H&M shoppen, ein Handy bekommen kann, wie die meisten ihrer Freunde. "Aber als ich ihr von meinen Berlin-Plänen erzählte, hat sie fürchterlich geweint. 'Mama, bleib hier, ich helfe dir auch' hat sie gesagt.'"

Die Züge sind sonntags voller Frauen

Aber Mama blieb nicht. Sie verließ ihre Tochter, die gerade aufs Gymnasium kam, langsam anfing sich für Jungs zu interessieren, lieber Baschas Lippenstift benutzte, statt ins Poesiealbum zu schreiben. "Ein schwieriges Alter", sagt Bascha, "aber es ging nicht anders. In Polen gab es einfach keine Arbeit. Viele suchten 18 Monate und länger." So lange wollte Bascha nicht warten. Über Kontakte fand sie schnell Arbeit als Putzfrau. Bekannte von ihr arbeiten in Berlin als Pflegehelfer.

"Die Züge am Sonntagabend von Stettin nach Berlin sind voll mit Frauen, die ihre Familien nur am Wochenende sehen", sagt Maria Barzcak von der polnischen Botschaft in Berlin. Denn die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Polen ist immer noch angespannt. "Männer finden keine Jobs. Also gehen die Frauen putzen. Aber kaum eine polnische Familie engagiert Reinigungskräfte", sagt Barzcak. Berlin ist da der Rettungsanker für polnische Familien am Existenzminimum. Nah genug, aber doch fern.

Aber wie schaffen es Frauen wie Bascha, ihren Kindern trotzdem nah zu sein? Was, wenn der Nachwuchs krank wird, wenn er die Mutter braucht? Das sind die Momente, in denen Bascha verzweifelt auf ihr kleines grünes Täschchen blickt. Darin sind die Schlüssel all der Familien in Berlin, für die sie Staub saugt, Fenster putzt, Hemden bügelt. Glückliche Familien, so scheint es ihr. Mit Eltern, die für ihre Kinder da sein können. Mit Kindern, die ihren Eltern für die Fürsorge und Nähe dankbar sind.

Anderes Familienbild in Polen

Bascha selbst hat am Wochenende oft Streit mit ihrer Tochter. Daniela vernachlässigt die Schule, tingelt lieber mit ihren Freundinnen durch Sagans kleine Fußgängerzone. Die Oma ist überfordert. "Sie kommt mit Daniela nicht mehr zurecht", sagt Bascha traurig. Witold Kaminski, Vorsitzender der "Zentralen integrierten Anlaufstelle für PendlerInnen aus Osteuropa" (Zapo), kennt diese Probleme. Seit 1997 berät er Frauen, die ihre Kinder nur am Wochenende oder noch seltener sehen. "Das größte Problem ist, dass das Familienleben in Polen einen wesentlich höheren Stellenwert hat als in Deutschland", sagt Kaminski und erklärt: "Wer in Polen sein Kind allein lässt, gilt als schlechte Mutter, ist Anfeindungen und Ablehnung ausgesetzt. Auch wenn es aus finanziellen Gründen oft gar nicht anders geht."

Eine Situation zum Verzweifeln. "Vorwürfe und Schuldgefühle begleiten mich rund um die Uhr", sagt Bascha. Und sie wird in Berlin tagtäglich mit einem völlig anderen Familienbild konfrontiert. "In Polen wohnen die Kinder meistens noch bis Mitte 20 zu Hause. In Deutschland hingegen verlassen sie das Elternhaus nach der Schulausbildung, leben selbstständig", sagt Kaminski. Genau das erlebt Bascha in den Häusern der Familien, für die sie putzt. Daraus entwickeln sich neue Probleme, weiß Kaminski: "Diese Strukturen interpretieren die polnischen Frauen häufig falsch und projizieren sie unbewusst auf die eigene Familie." Gerade alleinerziehende Mütter hoffen mehr und mehr auf die Selbstständigkeit bei ihren Kindern. Die wiederum fühlen sich vernachlässigt, sind enttäuscht, reagieren deshalb aggressiv und verunsichert. "Daniela schreit mich manchmal schon an, nur weil ich sie am Telefon nach ihren Hausaufgaben frage", beschreibt Bascha das Verhältnis zu ihrer Tochter. Letzte Woche wurde sie von Danielas Klassenlehrer zum Gespräch geladen. Kein seltener Gang. "Daniela sei angeblich nicht bei der Sache, entpuppe sich als Wackelkandidatin. Jetzt habe ich ihr einen Mathe-Nachhilfelehrer organisiert", sagt Bascha.

Vom Freund der Tochter erzählt nur die Oma

Rund 200 Euro schickt sie wöchentlich nach Polen. Hart erarbeitetes Geld. Doch die Tochter sieht nur eins: Dass ihre Mutter nicht da ist. Beide haben sich immer mehr voneinander entfernt. Liegt es an der räumlichen Distanz, liegt es am Alter? "Daniela hat jetzt einen Freund", erzählt Bascha. Sie hat es von der Oma erfahren, nicht von Daniela. Das hat ihr wehgetan. "Sie ist nicht mehr mein kleines Mädchen, das früher wirklich alles mit mir besprochen hat", sagt Bascha. Doch dann gibt es auch wieder Lichtblicke. "Daniela rief mich an, wollte wissen, was sie zu einer Party anziehen soll. Darüber habe ich mich gefreut", erzählt Bascha. Und kramt aufgeregt in ihrer Tasche. Zum Vorschein kommt ein schwarzer Rock mit grünem Samtgürtel. "Den habe ich Daniela gekauft. Der wird bestimmt auch ihrem Freund gefallen." Bascha lacht und wirkt zugleich angespannt. Schon sieht sie die nächsten Probleme auf sich zukommen. Wer spricht mit Daniela über Verhütung? Aufklärung durch die Oma? "Ich werde mir etwas einfallen lassen müssen", sagt sie. Jetzt gleich in der U-Bahn, wenn sie zu ihrem nächsten Job fährt. Oder danach, wenn sie bei der Berliner Familie Staub wischt.

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