Ein Rückblick
Vater und Sohn - eine ganz besondere Liebe
Samstag, 15. August 2009 03:26 - Von Jan DraegerMein Sohn heißt Otto. Vielleicht werden Sie jetzt fragen: Na und, was will er uns damit sagen? Nun, ich möchte Ihnen von einigen Schwierigkeiten vor Ottos Geburt erzählen, und die haben mit seinem Namen zu tun. Meine Frau und ich saßen an einem schwülen Spätsommertag an einer Bushaltestelle am Fehrbelliner Platz.
Ihr Bauch war schon mächtig dick, und wir fuhren, wie wir uns einbildeten, auf eine der letzten Partys unseres Lebens. Nichts würde nach der Geburt unseres Kindes mehr so sein wie vorher, und abends weggehen könnten wir sowieso vergessen.
Unser Kind? Wir wussten nicht, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Wir wollten uns überraschen lassen im Kreißsaal. Aber einen Namen brauchten wir trotzdem, besser gesagt zwei. Ich meinte, das Mädchen sollte Elsa heißen. Meine Frau sagte nichts, stierte auf die Straße. Kurz bevor der Bus kam, sagte sie: "Und der Junge heißt dann Otto."
"Spinnst du?", entgegnete ich.
Ich dachte weder an Otto Waalkes noch an Otto Schily, nicht an Otto von Bismarck und schon gar nicht an Otto den Großen, ich dachte an meinen Vater. Der heißt nämlich Otto, und ich nenne ihn Zeit meines Lebens so. Bei uns gab es keinen Papa oder Vati. Das wollte ich anders machen mit meinem Sohn: Er sollte zu mir Papa sagen. Nun sollte ich einen Sohn erziehen, mit ihm schimpfen, ihn loben, und das alles mit dem Namen meines Vaters?
Meine Frau setzte sich durch. Später sagte sie mir, wie sie auf den Namen gekommen war. Ihre Großmutter hieß Elsa Otto. Sie fand, dass es doch eine perfekte Mischung aus ihrem und meinem Wunsch sei. So bereitete der Name mir vor der Geburt eine gewisse Anspannung. Als er zur Welt kam, tatsächlich ein "Er", war alles vergessen. Ich hielt ihn im Arm und dachte, das ist also Otto.
Heute ist Otto zehn Jahre alt. Er ist noch nicht in der Pubertät, aber so kurz davor. Manchmal frage ich mich: Wo soll das hinführen? Als er fünf war, bekam er von mir seine erste Ohrfeige. Er reichte mir ungefähr bis zum Bauchnabel und hatte mir nach einem Wutanfall in die Weichteile geboxt. Die Ohrfeige war ein Reflex. Ich hatte für einen Augenblick vergessen, dass ich ein Kind vor mir hatte. Der kleine Mann war nach dem Boxstoß ein großer Mann, ein Gegner. Ich schlug einfach zurück.
"Kümmer dich", hatte meine Frau nach Ottos Geburt zu mir gesagt. Zwei Worte, die vorher nicht zu ihrem Sprachschatz gehörten. Sie bauten zwischen uns eine neue Beziehungsebene auf. Was ist kümmern? Den kleinen Sohn im Arm halten, ihn füttern, ihn bespaßen? "Kümmer dich" bedeutet Arbeit. Mein Vater war meist unterwegs, als ich klein war. Wichtig und weg. Er ließ spielen. So bin ich aufgewachsen. Wir, die neue Generation von Vätern, sind beeinflusst von den Bildern, die uns unsere eigenen Väter mitgegeben haben, und werden nun bedrängt von den neuen Ansprüchen unserer Frauen. Wir wollen alles besser machen als unsere Eltern, mehr investieren in die Erziehung. Aber wir sind auch weicher, nachgiebiger geworden. Die Kinder erwarten Programm. Wenn es nicht gefällt, heißt es: "Das ist doch öde!" Wir sind Diener unserer Kinder geworden. Wir haben ihnen nicht beigebracht, dass auch Eltern ein Privatleben haben.
Als Vater war ich für seine Bewegung zuständig. Als er fünf war, brachte ich ihm das Fahrradfahren bei. Zuerst hielt ich ihn noch hinten am Sattel fest. Er fuhr, ich rannte neben ihm her. Irgendwann ließ ich los. Er fuhr weiter, alleine. Dann schaute er sich nach mir um - und fiel hin. Das ging zwei-, dreimal, dann hatte er es raus und fuhr allein. Es ist eines der Bilder, die bleiben.
Mit acht Jahren fing er an, sich für Fußball zu interessieren. Er suchte sich Bayer Leverkusen als Lieblingsverein aus. Ausgerechnet den Erzrivalen meines Lieblingsvereins, 1. FC Köln. Wusste mein Sohn das? Ich glaube, er ahnte einfach, wie er mich ärgern kann. Mit neun Jahren fing Otto an, die Musik von Sido zu hören. Das sei cool, Bob Seger oder was ich sonst alles hören würde, sei doch langweilig.
Otto weiß jetzt vieles, aber manchmal nicht den Hintergrund. Er findet Schröder und Steinmeier gut, vermutete aber vor kurzem, dass sie politisch rechts stehen. Der Erzieherin in seinem Schülerladen warf er einmal nach einem Streit an den Kopf, dass es dort zugehe wie in Afghanistan. "Aber wie geht es zu in Afghanistan?", fragte ich ihn. "Da bomben die Taliban", platzte er heraus. Und warum? Was ist da genau los? Ich muss noch einiges erklären.
Mein Sohn hat mich anfälliger gemacht. Ich mag keine "Tatorte" mehr sehen, in denen Kinder zu Opfern werden. Ich bin in Sorge, wenn er mit seiner Pfadfindertruppe wegfährt. Ich nehme ihn immer noch instinktiv an die Hand, wenn wir über die Straße gehen. Er reißt die seine dann meist weg, es ist ihm peinlich.
Beim Tischtennis schlage ich ihn, meist knapp, und souverän bei Mühle und Schach. Er hat auf dem Bolzplatz mittlerweile einen harten Schuss, und beim Dribbeln komme ich nicht mehr leicht an ihm vorbei.
Elsa ist vor fünf Jahren zur Welt gekommen. Meine Frau meint, dass ich Otto ihr vorziehen würde. Ist es so? In der Zuneigung nicht. Elsa spielt mit Puppen, mag auf der Pizza keinen Käse und liebt Süßigkeiten. Elsa ist clever. Sie weiß, wie sie zu ihrem Ziel kommen kann. Wenn sie etwas will, kann sie charmant wie eine englische Lady, anschmiegsam wie eine Katze sein. Wenn sie etwas nicht bekommt, kann sie kreischen, dass die Wände zittern und die Nachbarn Schrecklichstes vermuten. Spätestens dann geben wir nach
Otto, denke ich, war nie so. Vielleicht bilde ich es mir im Nachhinein auch nur ein, denn mit den Jahren verschwimmt die Erinnerung. Überhaupt taucht man mit dem Vatersein in eine ausschließlich gegenwärtige Welt ein. Das Jetzt ist so bestimmend, dass man alles Vergangene und Zukünftige von sich wegschiebt. Freunde werden oder sind zum großen Teil auch Väter. Andere verstehen dieses Leben nicht.
Als Otto anderthalb Jahre alt war, habe ich Erziehungsurlaub genommen. Damals noch keine Selbstverständlichkeit. Meine Eltern fragten mich besorgt: "Schadet dir das nicht im Job?" Ich war überzeugt, dass es richtig war. Und bin es heute noch. Mittlerweile auch meine Eltern. Otto war schon in der Kita. Ich brachte ihn also morgens hin und holte ihn am frühen Nachmittag ab. Danach gingen wir auf den Spielplatz. Jeden Tag. Jeden Tag rutschen, Sandkasten, schaukeln. Es gibt Väter, die scheinen erfüllt von ihren Aufgaben. Sie beobachten im Sandkasten jeden Handschlag ihres Kleinen. Ich war nicht so. Auf die Dauer haben mich Spielplätze genervt. Ich kann meine Frau im Nachhinein verstehen, die glücklich wirkte, als sie aus dem Erziehungstrott rauskam. Aber dieses halbe Jahr hat trotzdem ein unsichtbares Band zwischen meinem Sohn und mir geschmiedet. Wir haben uns angeguckt und verstanden, das war nötig nach der Geburt. Und so ist es auch geblieben.
Mittlerweile findet Otto Köln doch nicht so schlecht, zumal einige Spieler von meinem Verein zu seinem gewechselt sind. Mittlerweile hört Otto neben Sido und Eminem auch die Beatles und Billy Joel. Er ist neugierig und fragt. Zum Beispiel, was Hitler und Stalin so alles gemacht haben. Manchmal fragt er das laut in der U-Bahn. Ich schaue dann immer erst auf die anderen Fahrgäste, die bestimmt zuhören, aber angestrengt wegschauen. Dann versuche ich die richtigen Worte zu finden, ihm die Schrecken des Krieges zu erklären. Meine Eltern habe ich damals nicht nach solchen Dingen gefragt. Warum will er das schon wissen? Wo kommt dieses Interesse her? Durch mich? Durch die Schule? Durch das Fernsehen? Durch alles, meint Otto.
"Wir wollen alles besser machen als unsere Eltern"
"Auf die Dauer haben mich Spielplätze genervt"

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