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11.08.09

Forsa-Umfrage

Das würden Eltern am politischen System ändern

Eltern sind unzufrieden mit dem politischen System. Sie wünschen sich bessere Schulen, Vereinbarkeit von Beruf und Karriere, mehr Chancengleichheit bei den Gehältern von Frauen und Männern, und, vor allem ein Ende der Benachteiligung von Müttern bei der Rente.

© picture-alliance/chromorange
4jähriger Junge, Knabe mit Eltern, Familie und Spielzeug

Wenn es nach deutschen Eltern ginge, würde der Föderalismus in der Bildungspolitik sofort abgeschafft. Wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" ergab, möchten 91 Prozent der Eltern die Zuständigkeit der Bundesländer für die Schulen beseitigen und die Bedingungen für ihre Kinder in ganz Deutschland vereinheitlichen.

"Das Bildungssystem an sich ist marode, das zeigt doch allein der internationale Vergleich", sagt auch Anna Riege, 32-jährige Mutter zweier Kinder aus Wilmersdorf. Zu wenig Lehrer, zu große Klassen, teures Schulmaterial - die Mängelliste ist da lang. Bildung hat für Anna Riege in der Politik oberste Priorität - auch wenn ihre Kinder Renee (2) und Ben (3 Monate) noch längst nicht in die Schule gehen. "Allein schon, weil Bildung für die Gesellschaft so ein wichtiges Thema ist, sollte da viel mehr gemacht werden."

Mit ihrer Meinung ist Anna Riege nicht allein: Vor allem ist es das Schulsystem, bei dem deutsche Eltern vor der Bundestagswahl den größten Handlungsbedarf für die Politik sehen. 81 Prozent wünschen sich dringend Verbesserungen an den Schulen und 54 Prozent der insgesamt 1000 befragten Mütter und Väter von Kindern unter 18 Jahren finden das Schulsystem so schlecht, dass sie ihren Nachwuchs auf eine Privatschule schicken würden, sofern sie das Geld dazu hätten. Knapp zwei Drittel der Eltern (64%) sehen in der frühen Trennung der Kinder in die unterschiedlichen Schulformen einen großen Nachteil für ihren Nachwuchs.

Schlechte Erfahrungen bei ihren eigenen Kindern haben aber - anders als die Mängelliste der Eltern vermuten lassen würde - nur wenige Mütter und Väter mit dem Bildungssystem gemacht. 58 Prozent der Befragten im Osten und 50 Prozent im Westen sind bisher von den negativen Seiten des Schulsystems verschont geblieben. Umgekehrt gesehen ist damit aber immer noch fast die Hälfte aller Befragten in der Lage, über schlechte Erfahrungen aus den Schulen ihrer Kinder zu berichten. Dennoch: Es geht den Eltern - wie Anna Riege - nicht nur um das individuelle Wohl ihrer Kinder in der Schule, sondern um eine Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem an sich.

Bildung wichtiger als Wirtschaft

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage spielen laut der Umfrage Bildungs- und Familienfragen für 62 Prozent der Eltern eine ebenso große Rolle bei ihrer Wahlentscheidung wie die Bekämpfung der Wirtschaftskrise - für 24 Prozent sogar eine größere. Die Wilmersdorfer Familie Riege etwa nennt die Wirtschaft erst an dritter Stelle - hinter der Familien- und Umweltpolitik.

Auf das Ergebnis der "Sonntagsfrage" hat diese Prioritätensetzung von Vätern und Müttern allerdings kaum Auswirkungen - Eltern wählen laut der repräsentativen Forsa-Umfrage kaum anders als die Gesamtbevölkerung: 35 Prozent der Eltern würden sich für die CDU entscheiden, 26 Prozent für die SPD, 14 für die FDP. 13 Prozent hätten für die Grünen gestimmt und acht Prozent der Eltern würden Die Linke wählen.

Verglichen mit aktuellen Wahlumfragen der Gesamtbevölkerung bekommen SPD und Grüne je zwei Prozentpunkte mehr, FDP und Linke einen Punkt weniger, die Union schneidet gleich ab. Allerdings: Jeder vierte Befragte (23 %) wäre gar nicht zur Wahl gegangen. Damit sind Eltern größere Wahlverweigerer als der Durchschnitt der Wahlberechtigten (rund 20 %). Das trifft besonders auf jüngere Mütter und Väter zu: Von den 18- bis 34-Jährigen will ein Drittel (33 %) nicht an der Bundestagswahl teilnehmen.

Grundsicherung für Kinder

Familienförderung wird in den Parteien von links nach rechts groß geschrieben - von Ideenreichtum kann in den Programmen aber keine Rede sein, die vorgeschlagenen Maßnahmen ähneln sich insgesamt stark. Dabei können die Parteien mit dem Thema bei den Eltern auf Stimmenfang gehen: 77 Prozent wünschen sich mehr finanzielle Entlastungen als Unterstützung für ihre Familie. Eine Mehrheit von 35 Prozent könnte sich eine Grundsicherung für jedes Kind als Fördermaßnahme vorstellen - dies haben nur die Grünen im Wahlprogramm. 34 Prozent möchten kostenlose Kinderbetreuung, was fast alle großen Parteien bis auf die FDP anstreben. 31 Prozent wollen mehr Kindergeld - hier sind sich die Union und Die Linke ausnahmsweise mal einig.

Kindertagesstätten und Schulen sollten zudem die gleiche Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft erfahren, findet Anna Riege. Die junge Mutter ärgert sich darüber, dass Schule kostenlos ist und Familien für frühkindliche Bildung dagegen in die Tasche greifen müssen: "Das ist nicht gerecht. Da kommt doch schnell ein Essensgeld hier und ein Ausflug da noch obendrauf - das können sich viele Eltern, gerade Alleinerziehende, nicht leisten. Man kann die Kosten so schlecht überblicken."

Keine Spur von Betreuungsoffensive

Eine gezielte finanzielle Unterstützung schwächerer Familien findet Anna Riege dennoch weniger sinnvoll, als Investitionen in das gesamte Bildungssystem. "Einzelne Zahlungen sind schwer zu kanalisieren. Wer kann denn sagen, wie viel Geld wirklich den Kindern zugute kommt?" Diese Bedenken scheinen viele Eltern zu teilen. Denn: Geht es um die Art der Familienpolitik insgesamt, so sind deutsche Eltern generell mit dem Staat unzufrieden: Eine große Mehrheit von 66 Prozent findet, dass der Staat die falschen Schwerpunkte setzt. Statt einzelne Familien mit direkten Zahlungen zu fördern, sollte das Geld in Bildung und Betreuung investiert werden. Besonders Anhänger von SPD (73 Prozent) und FDP (69 Prozent) sind dieser Meinung. Wähler der Linken (60 Prozent) und der Union (62 Prozent) können sich am wenigsten damit anfreunden.

Zwar wirbt Familienministerin Ursula von der Leyen unermüdlich mit der "Betreuungsoffensive" für die Investitionen der Bundesregierung, aber laut der Studie geben 72 Prozent der Eltern an, davon bislang "so gut wie nichts" gespürt zu haben. Erwartungsgemäß bemängeln die Eltern zu wenige Betreuungsplätze für Vorschulkinder.

Teilzeit als Wunsch

Aber die Umfrageergebnisse beleuchten auch einen Bereich, der in der aktuellen Diskussion derzeit kaum eine Rolle spielt: Ein Viertel der Befragten wünscht sich ebenfalls mehr Betreuung für Schulkinder bis 14 Jahren. Dazu passt, dass sich 52 Prozent der Eltern mehr Ganztagsschulen wünschen.

Anna Riege ist momentan bei ihrem Säugling Ben zu Hause, sobald er wie seine große Schwester Renee in die Kita kommt, möchte sie wieder in Teilzeit arbeiten. Ihr Mann Andreas arbeitet in Vollzeit. "Er ist selbstständig, da hat sich das so am besten angeboten", sagt sie.

So wie bei den Rieges geht es in vielen deutschen Familien. Eltern möchten ihr Lebensmodell flexibel den Lebensumständen anpassen können. 52 Prozent empfindet die freie Wahl des Lebensmodells als besonders wichtig. Die traditionelle Rollenteilung als selbstverständlich hinzunehmen, ist längst passé. Doch um sich wirklich frei für Kinder entscheiden zu können, müsste Familienarbeit besser anerkannt werden, findet eine große Mehrheit. 88 Prozent der Befragten fänden es gut, wenn jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine "Care-Zeit" zugestanden bekäme. Und für die berufliche Auszeit zur Erziehung dürfe man bei der Rente nicht schlechter dastehen, sagen überwältigende 96 Prozent.

Keine freie Wahl

Nur ein Drittel der befragten Eltern glaubt, dass Gesellschaft und Politik alle Lebensmodelle gleich behandeln. 85 Prozent monieren, die Gehälter von Männern und Frauen müssten angeglichen werden, damit ein Paar wirklich frei entscheiden kann, wie die Aufgaben geteilt werden.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bereitet insgesamt 19 Prozent der befragten Väter und Mütter große Probleme, immerhin 36 Prozent beklagen, "einige Probleme" zu haben, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Bei den Befragten der unteren Gehaltsklassen und den Alleinerziehenden steigt die Unzufriedenheit rapide an - 29 Prozent mit einem Nettoeinkommen von unter 2000 Euro und 36 Prozent der Alleinerziehenden haben dabei große Probleme.

"Ganz tief in der DNA dieses Landes steckt immer noch die Bevorzugung des Einverdienermodells, das belegt allein die Existenz einer Steuerklasse 5", sagt Eltern-Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki. Die klassische Rollenverteilung, bei der der Mann das Geld verdient und die Frau die Kinder hütet, werde längst nicht mehr von allen als optimal empfunden. Da kann sich die Zeitschrift "Eltern" auch an die eigene Nase fassen: Unter dem Logo "Eltern" auf der Pressemappe prangte der Slogan "Für Frauen, die alles leben."

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