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Heiraten

Die Tücken auf dem Weg zur Traumhochzeit

Birgit Nickel berät heiratswillige Paare – und erlebt so manche Überraschung. Doch nichts bringt die Arrangeurin ausgefallener Hochzeiten aus der Ruhe. Wer bei ihr bucht, gibt auch die Verantwortung und die viele Arbeit ab, die eine perfekte Hochzeit mit sich bringt.

Hochzeitssplanerin Birgit Nickel ist selbst bekennende Romantikerin
Foto: Christian Hahn
Hochzeitssplanerin Birgit Nickel ist selbst bekennende Romantikerin

Der verflixte Hochzeitsstrauß rutschte zum dritten Male herunter. Birgit Nickel bückte sich, holte tief Luft, biss die Zähne zusammen und drückte das Gesteck, an dessen Unterseite ein Magnet befestigt war, erneut auf den prachtvoll glänzenden Lack des gemieteten Bentleys. Jeden Moment würde das Brautpaar erscheinen. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Schließlich ist es ihr Geschäft, Lösungen zu finden, wenn einem Bräutigam überraschend das Geld für die Trauringe ausgeht, wenn 150.000-Euro-Hochzeiten auf jahrhundertealten Schlössern bestellt werden oder es eben gilt, haltlose Hochzeitssträuße zu bändigen. Eigentlich also ein ganz normaler Vormittag im Berufsleben von Birgit Nickel – der Hochzeitsplanerin.

Vom diffusen Aufbruch bis zur stilsicheren Ankunft im Hafen der Ehe dauert es unter ihrer Anleitung rund zwölf Monate. Unentwegt ist die 43 Jahre alte Alleinerziehende in Terminen oder unterwegs dorthin. Es gibt immer wen zu verheiraten. Demnächst werde sie sie sich wohl Verstärkung zulegen müssen, sagt sie.

Ihr Büro auf Rädern, einen schwarzer BMW-Geländewagen, zieren Internetadresse und Handy-Nummer. So schellte im Auto jüngst ein Paar an, das sie soeben überholt hatte. „Sie fahren so forsch, sie sind die Richtige für uns“, rief ihr der angehende Kunde zu. Andere Ehewillige, etwa eine Verliebte aus europäischem Königshaus samt Partner, fanden Birgit Nickel bei einer Hochzeitsmesse auf Schloss Diedersdorf.

„Beim ersten näheren Treff besuche ich das Paar gern daheim“, sagt sie. Das beantworte flink Fragen wie: „Welchen Geschmack habe die Kunden, was sind das für Menschen?“ Ihr eigenes Domizil ist eine Dachgeschosswohnung in Wannseenähe, eine Stadtvilla mit bonbon-blauem Anstrich. Das Treppenhaus dagegen ziert ein Wandgemälde, das einen versonnen dreinblickenden Friedrich II. zeigt, wie er Freund Voltaire beim Verlesen neuester Zeilen lauscht.

Chefin und Akkordarbeiterin

Oben sitzt Birgit Nickel in sonnendurchflutetem Wohnzimmer am rustikalen Esstisch über Akten und Handy. In ihrer Traumfabrik ist sie Chefin und Akkordarbeiterin zugleich. Aus top-moderner Anlage plätschert Softrock, auf dem Kaminsims liegt ein Gondoliere-Strohhut vom letzten Job in Venedig. Der Blick durch die gläserne Wand hinaus ins Grün ist atemberaubend, atemberaubender noch, sagt die Mutter eines zehnjährigen Jungen, wenn am nächsten Tag Hochzeit gefeiert wird: „Dann ist die Terrasse voller Hortensien fürs Fest.“

Im Gespräch legt sie oft behutsam die Fingerspitzen aufeinander, einen Ellenbogen apart auf die Armstütze ihres mediterranen Drahtstuhls gelehnt. Natürlich sei sie Romantikerin. Den Glauben an die große Liebe habe sie – trotz eigener Erfahrungen – nicht aufgegeben.

Als sie 2005 nach zwölf Jahren ihr Reisebüro schloss, um ein lukrativeres Arbeitsfeld zu finden, stieß sie auf die Hochzeiterei, wo die gebürtige Köpenickerin heute Liebenden begegnet, die sich erst beim Klassentreffen fanden, Menschen, die vertrauensvoll-blind dem Anderen folgen, Männer, die liebestrunken all den kostspieligen Wünschen der Gattin (neuer Busen, Fett absaugen) nachgeben.

„Das Leben kann so schön sein“, denke sie da oft. „Es kann doch noch klappen.“ Das sei auch „Eigentherapie“, was ihr der Beruf täglich liefere, sagt Birgit Nickel enthusiastisch.

Ein Adressverzeichnis und die richtigen Kontakte sind ihr Kapital. Mit ihr an der Seite können Paare mitunter gratis das Hochzeitsmenü testen, mit ihr lässt sich immer irgendwie ein Veranstaltungsort finden. In Rom, Paris, Venedig und Mallorca, hauptsächlich aber in Berlin. „Jährlich heiraten hier rund 12.000 Paare, am liebsten am Sonnabend – bei stadtweit nur 300 Festsälen, in denen gegessen und getanzt werden kann.“

Eine Braut, drei Mütter

Bis zum Tag der Trauung ist sie mit ihren Paaren oft so vertraut geworden, dass das „Du“ ganz selbstverständlich ist. „Man erfährt ja bei der Vorbereitung so viel voneinander, Sachen, die ich einfach wissen muss – etwa über die Braut, die drei Mütter mit zur Hochzeit brachte: die leibliche Mutter, die Stiefmutter und die Neue ihres Vaters. Die konnte ich natürlich unmöglich alle zusammensetzen“, erinnert sich Nickel. Einen Augenblick nur das Feingefühl verlieren, und 365 Tage Hochzeitplanung sind dahin.

Es gab auch Fälle, in denen sich vormals Verliebte inmitten Nickels Hochzeitsplanung trennten: „Einmal saßen wir beim Test des Hochzeitsmenüs beisammen, das Paar, die Verwandten, als plötzlich die zukünftige Braut wortlos aufstand und ging. Ihre Verwandtschaft hinterher. Alles vorbei – obwohl die Zwei mehrere Jahrzehnte schon zusammen gewesen waren. Die Braut hat wohl kalte Füße bekommen“, vermutet Nickel. Ein anderes Mal musste der Bräutigam, ein Bundeswehrsoldat, vor der Trauung noch zum Afghanistan-Einsatz. „Als er zurückkehrte, war das ein ganz anderer Mensch. Von den Erlebnissen dort gezeichnet.“ Zwei Wochen vor dem großen Tag ließ das Paar die Hochzeit platzen.

Im Normalfall indes ist Birgit Nickel am Hochzeitstag gegen acht Uhr bei der Braut, um sicher zu stellen, dass sich die Friseurin nicht verirrt hat. Dann gilt es am Trauungsort die Gäste zu empfangen, sie zu ihren Plätzen zu geleiten, dem Brautpaar das Eintrittszeichen zu geben. Neulich hat sie zwei Musiker zur Zeremonie bestellt. Die spielten einen ABBA-Song mit einem Text, der auf das auf das Brautpaar gedichtet war. „Es gab kaum einen, der nicht geweint hat. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, “ sagt Birgit Nickel, Romantikerin.

Danach ihr Juwel jeder Hochzeitsplanung: Die Location. Für eine Medizinerin und einen hohen Bundeswehrmilitär arrangierte sie etwa ein edles Fest im ehemaligen britischen Offiziersclub am Funkturm. „Für die Herren – alle in Uniform – war im Obergeschoss die Lounge vorbereitet, mit Zigarren und Sinatra-Sound. Unten unterhielt derweil ein Pianist die Damen mit Elton-John-Melodien“, sagt die Hochzeitsplanerin nicht ohne Stolz.

Ein anderes Mal galt es, nachträglich die Deutsche Teilung zu überwinden. Da die Brautleute aus Wismar und Bayern stammten, gefährdeten zudem noch Nord-Süd Differenzen eine harmonisches Nebeneinander der Gäste. Birgit Nickel brach das Eis durch offensiven Folklore-Einsatz. Nordlichter und Landvolk versammelte sie auf einem Schiff, setzte ihnen einen Schuhplattler-Bua’m und einen Akkordeonspieler mit Seemannslied-Repertoire vor – und kaum hatte der Kahn abgelegt, sang schon die ganze Gesellschaft mit.

Keine Zeit für Vorbereitungen

Ist sie in solchen Momenten „die gute Fee im Hintergrund“, deren Zauber mal wieder aufgegangen ist, sehe sie ihren Job als getan, sagt Nickel. Ihre Dienste werden so zunehmend gefragter. „Meine Kunden verbindet nicht etwa ein großes Gehalt – zu mir kommen ja ebenso BSR-Angestellte wie Professoren“, so. „Was sie alle gemein haben ist vielmehr, dass das Brautpaar zu 100 Prozent berufstätig ist und einfach keine Zeit für Vorbereitungen hat.“

Ein Paar beispielsweise – sie Brasilianerin, er aus Zehlendorf, beide im IT-Geschäft und ständig auf Weltreise – traf Birgit Nickel nur ein einziges Mal bevor sie sie drei Monate später zur Hochzeit bat. Für die Familie der Braut wiederholte sie das Kunststück. In Rio. Und was wurde nun damals aus dem Hochzeitsstrauß, der vor dem Aufbruch zum Standesamt partout nicht auf der gemieteten Bentley-Limousine halten wollte? „Zunächst mal lag das daran“, sagt die Hochzeitsplanerin grimmig, „dass im Metall eines Bentleys so etwas wie Aluminium steckt, an dem ein Magnet eben nicht haften bleibt. Ich bin also zu meinem Floristen gerast, der für mich einen wunderbaren Bund Seidenblumen hatte: täuschend echt und zum Glück mit Saugnapf auf der Rückseite. Der Bund kamen auf den Bentley, der echte Strauß wanderte auf die Hutablage – und niemand hat je gemerkt, dass die Motorhaube ein Kunstgebinde zierte.“

Es sei dies eben die hohe Kunst ihres Geschäft, schließt Birgit Nickel, lächelt und legt neuerlich die Fingerspitzen aufeinander. „Viel ist improvisiert, doch in den Augen von Brautpaar und Gästen läuft alles wie am Schnürchen.“

Informationen im Internet finden Sie HIER

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