Bildung
Wo Kinder zu kleinen Wissenschaftlern werden
In einem Potsdamer Labor können Kita-Kinder wie Wissenschaftler forschen. Mit Asseln, Würmern, Licht und Farben. Und dabei kommen sie zu erstaunlichen Erkenntnissen. So haben zum Beispiel Schnecken keine Nase.
Von Anette von Nayhauß
Konzentriert malt Janek mit einem Wattestäbchen Senf auf sein Blatt Papier. "Mach den Halbkreis ein bisschen größer", rät Ulf Seeger und hilft, als aus dem Halbkreis ein ganzer Kreis zu werden droht. Schließlich braucht die Schnecke einen Ausgang, wenn die Kinder sie gleich neben die Senfspur setzen. Ulf Seeger ist einer der Betreuer im Kinderlabor an der Universität Potsdam, der sechs Jahre alte Janek gehört zu der Kitagruppe aus Ludwigsfelde, die heute das Labor besucht. Auch Tim, Nick und Benjamin haben eine Schnecke in ihren Senf-Halbkreis gesetzt und beobachten nun, welchen Weg das Tier nimmt. Kriecht es über den scharf riechenden Senf - oder wechselt es die Spur?
Eine Nase haben Schnecken nicht, das haben die Kinder schon festgestellt. Aber vielleicht riechen sie trotzdem etwas? Janek und Nick lehnen sich über das Blatt und beobachten, wie die Schnecke auf den Senfrand zu kriecht. Direkt davor bleibt sie stehen, wendet sich zur Seite und sucht sich einen anderen Weg aus dem Halbkreis. "Die kann riechen", stellt Nick zufrieden fest.
Kinder als Forscher
Zufrieden ist auch Dr. Regine Illner, die Leiterin des Kinderlabors. Denn Janek und die anderen Kinder aus Ludwigsfelde haben soeben ein naturwissenschaftliches Experiment nach den Maßstäben ausgeführt, nach denen auch Wissenschaftler arbeiten: mit Fragestellung ("Können Schnecken riechen?"), Vermutung, Experiment und Schlussfolgerung.
Am Nachbartisch sind Kevin, Emely, Gesine und Anabelen schon einen Schritt weiter. Sie testen gerade, ob die Schnecke auch hören kann und pusten direkt neben ihr in eine Trillerpfeife. Kinder und Erzieherin an den Nachbartischen zucken zusammen, die Schnecke kriecht völlig ungerührt weiter. Kevin und Gesine prüfen den Tastsinn - mit Hilfe eines Strohhalms, mit dem sie das Tier berühren und bepusten.
Eine Stunde bleiben die Kinder in dem Laborraum im Erdgeschoss des Instituts für Biochemie und Biologie in Potsdam. Danach haben sie viel gelernt, über Schnecken, aber auch darüber, wie Wissenschaftler arbeiten. "Uns ist wichtig, dass die Kinder den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess nachvollziehen können", sagt Regine Illner. Viele Experimente für Kinder seien darauf ausgerichtet, zu verblüffen - weil plötzlich alles ganz anders ist als erwartet. Das wollen Regine Illner und ihre Mitarbeiter im Kinderlabor nicht. Ihnen geht es darum, mit den Kindern "Alltagsphänomene" zu untersuchen. Und deswegen heißen die Themen im Kinderlabor: "Wo Licht ist, muss auch Schatten sein", "Rutschen und Wippen - was dahinter steckt", "Schön bunt - Farben mischen" - und eben "Regenwürmer &Co. - Experimentieren mit Tieren".
Zu "Co." gehören Asseln und eben die Schnecken, die heute im Kinderlabor auf dem Tisch liegen. Ein paar Tage vorher hat Regine Illner sie im Gebüsch hinter der Uni gesammelt. Die Regenwürmer, die die Kinder bei ihrem letzten Besuch untersucht haben, wurden wieder in die Freiheit entlassen - aber nicht aus dem Gedächtnis der Kinder. "Der hatte keine Nase, aber der konnte trotzdem riechen", weiß Nick noch ganz genau.
70 Prozent wollen Experimente
Wie gern Kinder experimentieren - und wie gut sie sich ihre Erkenntnisse merken können - bestätigt auch eine Studie der Bielefelder Professorin für Chemie-Didaktik Gisela Lück. Sie stellte vor einigen Jahren für eine Studie Kindergartenkinder vor die Wahl: Sie konnten bei einem Experiment mitmachen oder spielen. "Wir haben attraktive Alternativangebote gemacht, Fußball oder Planschbecken", versichert Gisela Lück. Und trotzdem hätten sich immer mindestens 70 Prozent der Kinder für das Experimentieren entschieden. "Das noch viel schönere Ergebnis" aber, so die Bielefelder Professorin, sei gewesen, dass sich die Kinder noch ein halbes Jahr später an die Hälfte der Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Experiment erinnern konnten.
Die Studie habe sie mit Kindern aus eher bildungsfernen Familien wiederholt, sagt Gisela Lück, "und die Ergebnisse waren genau so. Darin liegt der Zauber für mich. Mit solchen Experimenten, mit ersten Erfahrungen mit Chemie und Physik, können wir Kindern unabhängig vom Elternhaus einen Zugang zu Bildung verschaffen."
Neue Entwicklung
Noch vor 15 Jahren spielten Chemie und Physik im Kindergartenalltag keine Rolle. Heute entdecken die Kitas die Naturwissenschaften. Viele Erzieherinnen besuchen die Vorträge von Gisela Lück, in denen sie über frühkindliche Bildung in den Naturwissenschaften spricht. Oft kämen 300, 400 Teilnehmer, berichtet sie. Es gibt Initiativen wie das "Haus der kleinen Forscher", denen es ebenfalls um die alltägliche Begegnung mit Naturwissenschaften in den Kitas geht. Die Stiftung unter der Schirmherrschaft des Bundesbildungsministeriums bildet bundesweit Trainer für die Erzieherinnen aus. Wie macht man Brausepulver? Warum bewegen sich Gardinen über der Heizung? Weshalb hat der Mond so viele Krater? Die Erzieherinnen lernen Experimente kennen, erfahren die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge - und können die Versuche anschließend mit den Kindern wiederholen.
Das könnte vielleicht sogar dazu beitragen, dass sich an den Universitäten künftig wieder mehr Studenten für Chemie oder Physik entscheiden. Denn bei einer Umfrage der Universität Bielefeld unter Chemiestudenten sagte fast jeder Vierte, er habe seine Begeisterung für das Fach bereits im Vorschulalter entdeckt.
Ganz so langfristig planen die Wissenschaftler im Potsdamer Kinderlabor nicht. Regine Illner und ihren Mitarbeitern wollen Kinder an die Naturwissenschaften heranführen. "Es geht nicht um die Vermittlung von Fakten", betont Regine Illner. Die Betreuer - Lehramtsstudenten im Praktikum - sollen den Kindern nicht einfach nur erklären, was sie sehen, sondern ihnen dabei helfen, selbst Antworten auf ihre Fragen zu finden.
Schnecken aus Salzteig
Das Kinderlabor bietet deshalb auch Erzieher-Fortbildungen an. Dabei hat auch Martina Kaminski, die Erzieherin der Kitagruppe aus Ludwigsfelde, erstmals Kontakt zum Kinderlabor aufgenommen. Inzwischen kommt sie regelmäßig mit ihren Vorschulkindern und hat festgestellt, dass die Kinder nicht nur viel über Biologie, Chemie, Physik lernen: "Die Kinder gehen ganz anders auf unbekannte Situationen zu", sagt sie.
Und sie nehmen etwas mit nach Hause: Fachausdrücke wie Gehäuse, Fühler oder Atemloch. Aber auch handfeste Dinge. Diesmal Schnecken aus Salzteig, die haben die Kinder nach dem Experiment geknetet. Martina Kaminski trägt die Werke aus dem Labor. Die echten Schnecken aber dürfen die Kinder nicht mit nach Ludwigsfelde nehmen. Die werden im Gebüsch hinter der Uni wieder freigelassen - ein paar Tage später, nach einer weiteren Begegnung mit Senf, Trillerpfeife und Strohhalm und einer neuen Kitagruppe.
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