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Arme Kinder

Wenn Papa plötzlich keine Arbeit mehr hat

Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland haben Eltern ohne Job. Vielen gelingt es, trotz Frusts ihren Kindern ein liebevolles Zuhause zu bieten. Doch andere geben vor allem ihre Hoffnungslosigkeit an die Kleinen weiter. Ein Report aus Marzahn-Hellersdorf.

Kinder- und Jugendeinrichtung "Arche" in Berlin-Hellersdorf
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa
In der Arche in Hellersdorf finden Kinder jemanden, der ihnen zuhört und treffen Spielgefährten

Von der Schule hält Marvin (10) nicht besonders viel: Er hat nur Fußball im Kopf. Am liebsten ist er den ganzen Tag mit seinem Ball unterwegs. Zu Hause ist er eher selten. Dort leben noch seine drei Geschwister. Sie sind 21, 20 und 12 Jahre alt. Und auch die Eltern sind meistens da. Mein Papa ist Schweißer“, sagt er, „aber seit einem halben Jahr hat er keine Arbeit mehr.“

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Für mehr als zwei Millionen Mädchen und Jungen in Deutschland ist Arbeitslosigkeit in der Familie Realität. In der Plattenbaussiedlung Marzahn-Hellersdorf, in der auch Marvin lebt, ist die Arbeitslosenquote besonders hoch. Mehr als 22.000 Menschen sind hier ohne Job. Am höchsten ist die Arbeitslosigkeit dort in der „Hellen Mitte“. Jeder Vierte im Alter von 15 bis 64 Jahren hat dort keine Arbeit. Existenzängste, Armut, Familienkrisen sind an der Tagesordnung. Und die Leidtragenden sind vor allem die Kinder.

Immer mehr von ihnen bekommen zu Hause keine Ansprache, keine Geborgenheit – aber auch oft kein Mittagessen mehr. Manche dieser Kinder treffen sich dann in der Hilfseinrichtung „Arche“. Dort können sie essen, spielen, machen Hausaufgaben, werden gefördert.

"Arbeitslos sind doch fast alle“

Auch Marvin kommt regelmäßig in die Arche. Was es für ihn bedeutet, dass seine Eltern keine Arbeit haben? Marvin zuckt mit den Schultern. „Arbeitslos sind doch fast alle“, sagt er, „das ist doch gar nichts Besonderes.“

Wolfgang Büscher, Sprecher der Arche, schätzt, dass rund 55 Prozent der Kinder in Deutschland in Familien geboren werden, „die nur sehr wenig Geld zur Verfügung haben“, sagt er, „aber auch diese Kinder haben eine Chance auf eine unbeschwerte Kindheit und Förderung verdient.“

Marvin findet die Nachmittage in der Arche toll. Er bleibt jeden Tag bis zum Feierabend um 18 Uhr. Und auch mit seinen Eltern ist er sehr zufrieden, „die sind nicht streng“. „Am schönsten ist für mich, dass wir von Kassel hierher gezogen sind. Dort hat es mir nicht so gut gefallen.“ Auch die Sommerferien wird er vor allem in der Jugendeinrichtung verbringen. Er fährt nicht in den Urlaub. Und er kennt auch niemanden, der in Urlaub fährt.

Jetzt ist Papa wenigstens häufiger zu Hause

Ebenso wie Tobias (9), auch er ist regelmäßig in der Arche. Ein nachdenklicher kleiner Junge, der gern zur Schule geht. Auch er kommt aus einer Großfamilie, hat noch vier Geschwister. Sie sind elf, sechs, vier und zwei Jahre alt. Seit wann sein Vater arbeitslos ist, das weiß er ganz genau. Nämlich seit dem letzten Dezember. Was er davor gearbeitet hat allerdings nicht so richtig. „In einem Laden“, sagt Tobias etwas unsicher. „Mein Papa würde gern wieder arbeiten, er sucht jeden Tag. Einmal hat es fast geklappt. Aber dann wurde es doch nichts.“ Das findet Tobias aber nicht so schlimm. „Es ist ja auch schön, dass er jetzt immer zu Hause ist. Wir gehen oft zusammen spazieren oder spielen Ball im Hof oder buddeln. Ich weiß schon: Wer Arbeit hat, hat mehr Geld, und ich wünsche mir, dass er bald etwas findet. Aber für mich freue ich mich, dass Papa jetzt so viel Zeit für mich hat. Viele Kinder, die ich kenne, haben nämlich gar keinen Vater, der bei ihnen wohnt, und das finde ich schade.“

Tobias sagt, er vermisst nichts. Heute hat ihm sein Papa, als er von der Sparkasse kam, sogar fünf Euro Taschengeld gegeben. „Davon kaufe ich mir ein Eis, den Rest spare ich.“ Auch sonst hat der Junge keine großen Ansprüche: „Abends essen wir oft Stullen und eine Suppe aus aufgekochtem Wasser, das wird über harte Nudeln gegossen, die werden dann weich. Das ist mein Lieblingsessen, total lecker!“

Sein Ziel im Leben ist trotzdem ein anderes. Er möchte später auf keinen Fall arbeitslos werden, davor hat er Angst. Unglücklich wirkt der Junge trotzdem nicht. „Das Schönste in meinem Leben ist, dass ich meine besten Freunde Steve und Max habe und dass meine Eltern so nett sind.“

"Mama sagt, ich kann keine Lehrerin sein"

So ein liebevolles Zuhause mit familiären Bindungen und Zuwendung haben längst nicht alle Kinder, die sich in der Arche treffen.

„Den meisten fehlt ein Zuhause, das Geborgenheit, Sicherheit, klare Strukturen und Grenzen vermittelt“, sagt Damaris Freischlad (29). Sie ist Lehrerin und betreut die Kinder in der Arche. „Kinder wollen geliebt und beachtet werden. Wenn das nicht auf normalem Weg geschieht, entwickeln sie ihre eigenen Wege.“ Einer davon, ist möglichst cool zu sein. Nichts an sich heran zu lassen, Sprüche zu klopfen, auch mal aggressiv sein. „Das ist für sie eine Form von Dazugehören und Beachtetwerden“, sagt Damaris Freischlad. Sie und ihre Kollegen in der Arche versuchen dagegenzusteuern. „Wir versuchen, den Kindern genau das zu vermitteln, was ihnen fehlt: dass sie wertvoll sind in unseren und Gottes Augen, dass sie Fähigkeiten und Begabungen haben, dass ganz viel Potenzial in ihnen steckt“, sagt die Pädagogin, „aber wir zeigen auch Grenzen auf, die sie dringend brauchen, um sich in einem sicheren Rahmen bewegen zu können.“

Der kleinen Jamina (9) zum Beispiel. Sie ist ein Temperamentsbündel, immer in Bewegung. Kaum vorstellbar, dass sie zehn Minuten still sitzen kann. Jamina hat zwei Brüder (sieben und zwei) und ist eine gute Schülerin. „Außer in Deutsch“, sagt sie. Auch ihr Vater hat vor einiger Zeit seine Arbeit verloren. „Das war im letzten Winter“, sagt sie. „Ich glaube, er ist Bauarbeiter.“ Seitdem sind ihre Eltern den ganzen Tag zu Hause. „Sie kümmern sich vor allem um unsere Katzen ,Moritz’, ,Lilli’ und ,Tarzan’“, sagt Jamina, „Oder sie gucken ganz viel Fernsehen.“

Jamina wünscht sich, dass ihr Vater schnell wieder Arbeit findet. „Dann ist er besser gelaunt“, sagt das Mädchen. „denn wenn ich Mist gebaut habe, dann kann er ziemlich ausrasten.“ Ansonsten findet sie ihr Leben schön. “Abends gucke ich mit Mama ,Gute Zeiten schlechte Zeiten’, dazu essen wir Stullen.“ Ins Bett muss Jamina dann noch lange nicht. „Ich gehe dann noch nach draußen mit meiner besten Freundin Jasmin, die wohnt nebenan.“ Und dann fügt sie stolz hinzu: „Ich darf nämlich immer bis zehn Uhr aufbleiben.“

Jaminas Zukunftspläne sind schon ganz konkret: „Ich will heiraten und zwei Kinder haben. Und ich will Lehrerin werden. Aber Mama sagt, ich kann keine Lehrerin sein. Warum, das hat sie mir allerdings nicht gesagt.“

Wolfgang Büscher von der Arche läuft es bei dieser Antwort kalt über den Rücken. „Genau das ist das Problem“, sagt er, „die Familien können sich gar nicht mehr vorstellen, aus ihrer Situation, aus ihrem Elend, herauszukommen. Sie sehen keine Perspektive. Und das geben sie auch noch an ihre Kinder weiter.“

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