05.06.09

Humor

Warum Kinderwitze nicht komisch sind

Sind Kinder komisch? Nein, fand Sigmund Freud. Heute ist die Forschung weiter. Aber das macht Kinderscherze auch nicht witziger. Jedenfalls nicht für Erwachsene, denn Humor bei Kindern funktioniert ganz anders.

Von Katrin Weber-Klüver
Foto: picture-alliance
Kinderhumor
Komisch oder nicht komisch? Für Kinder zählt das Erlebnis des Witzes, nicht die überraschende Pointe

Paul sitzt im Auto auf der Rückbank und erzählt seinem Freund Anton einen Witz. Es ist ein sehr langer Witz, in dem es darum geht, dass Fritzchen beim Zappen durch Radioprogramme Satzfetzen aufschnappt, dann das Radio aus dem Fenster wirft, um anschließend von einem Polizisten zur Rede gestellt zu werden. Auf dessen Fragen antwortet Fritzchen mit den Worten aus dem Radio. Das Gespräch verläuft so:

"Was sollte das denn mit dem Radio?" – "Das geht Dich gar nichts an!"

"Wie heißt Du?" – "Batman."

"Wie heißen Deine Eltern?" – "Mama Melone, Papa Zitrone."

"Für wen hältst Du mich eigentlich?" – "Baby mit voller Windel."

Es ist relativ schwer, als erwachsener Mensch über diesen Witz zu lachen. Ihm fehlt einiges von dem, was einen konventionellen Erwachsenen-Witz ausmacht. Um das Einfachste zu nennen: eine überraschende Pointe. Für Menschen, die acht Jahre alt sind, spielt das keine Rolle. Für sie zählt das Erlebnis des Witzes, am besten samt der Vorankündigung, dass nun ein Witz erzählt wird. Der konkrete Inhalt hat dabei weniger Bedeutung als die Freude an der Idee des Witzigseins.

Der Reiz der Wiederholung

Wie Kinder in welchem Alter überhaupt Humor entwickeln, ist ein überraschend vernachlässigtes Feld der Forschung. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud, der sich mit Funktion und Bedeutung des Witzes bei Erwachsenen gründlich befasste, beschrieb 1905 Kindheit sogar als Zeit "in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren". Rund ein halbes Jahrhundert später haben Entwicklungspsychologen begonnen, die Angelegenheit noch einmal genauer zu betrachten. Und: Sie haben Witz gefunden. Schlicht und ergreifend. Wie eigenartig Kinderwitze dabei auch sein mögen, sie bauen wie die der Erwachsenen auf das Merkmal der Inkongruenz. Einfacher gesagt: dass etwas aus seinem gewohnten Zusammenhang verrückt und wider Erwarten und Konventionen neu eingesetzt wird. Wie es auch bei Pauls Fritzchen-Witz der Fall ist. Anton also kugelt sich. Paul prustet selbst vor Lachen.

Nur ein völlig ahnungsloser Erwachsener am Steuer kann auf den Gedanken kommen, dieser Witz sei erledigt, nachdem er einmal erzählt worden ist. Denn kaum haben sich Anton und Paul von ihrem Lachanfall erholt, fragt Paul: "Soll ich noch mal erzählen?" Anton ist total begeistert.

Bis ins Grundschulalter ist nicht der Überraschungseffekt der Schluss-Pointe das, was Kinder an Witzen reizt. Jeder Erwachsene weiß, dass es blödsinnig wäre, einem anderen Erwachsenen einen Witz zweimal hintereinander zu erzählen. Kinder aber lieben Wiederholungen, also mögen sie auch Wiederholungen im Witz selbst und sie mögen die Wiederholung des gesamten Witzes. Weil es Spaß macht, etwas zu wiederholen, was einmal Erfolg gebracht hat.

Kinderwitze sind oft prima dummes Zeug. Was zum einen kindliche Lebensfreude ausdrückt, zum anderen aber auch das wohlige Gefühl von Überlegenheit vermittelt. Es wird im Witz ja immer jemand, der man nicht selbst ist, zum Gelackmeierten. Ein reines Kinderphänomen ist dieser Spaß am Spott mitnichten. Erstaunlich viele Erwachsene können sich wieder und wieder kringeln, wenn sie Videos mit Kinder-Missgeschicken ansehen. Das ist ein sich wiederholender Bruch der Konventionen der etwas anderen Art. Schließlich ist es nicht schicklich, darüber zu lachen, wie ein Kind in einen Gully fällt.

Vielen Menschen bleibt dieser Slapstickhumor ein Leben lang. Bei praktisch allen steht er am Anfang der Humorbildung. Schon mit gut einem Jahr haben Kinder Spaß am Spaßmachen. Sie mögen es nun, ihre Füße in Kisten oder Töpfe zu stecken und darin herumzustaksen. Der amerikanische Psychologe Paul McGhee, der als einer der ersten die Humorentwicklung bei Kindern systematisch untersuchte, beschreibt schon dies als Inkongruenz-Aktion. Die Kinder wissen, dass zwei Dinge eigentlich nicht zusammengehören. Genau das amüsiert sie. Dass es auch die Erwachsenen amüsiert, freut sie zusätzlich. Nach den nonverbalen Späßen folgt in der Kleinkindphase die absichtliche falsche Benennung von Objekten – die Nase wird zum Vergnügen Mund genannt. Etwa mit fünf Jahren entdecken Kinder das Vergnügen an Nonsens-Reimen sowie dem Erzählen und Erfinden von Witzen.

"Humor", sagt Frank Kühne, beim Carlsen-Verlag für die Kinderbücher verantwortlich, "ist für Kinder sehr, sehr, sehr wichtig." Und er ist simpel. "Klar in der Pointe, nicht feinsinnig, nicht ironisch", sagt Kühne, müsse humorvolle Unterhaltung für Kinder bis ins Grundschulalter sein. Deftige Szenen wie die Großmutter, die den Dieb mit der Bratpfanne verfolgt, der Humor des Kasperletheaters also, funktionieren in diesem Alter am besten. Erst mit acht, neun Jahren beginnen Kinder für ironische Verdrehungen empfänglich zu werden, einige mehr, andere weniger. So wie es auch unter Erwachsenen solche gibt, die Ironie nie begreifen und andere, die kaum von ihr lassen können.

Grenzen der Ironie

Die schlichteste Form sokratischer Ironie, des Sich-dumm-Stellens, schätzen allerdings schon kleine Kinder. Wenn ein Erwachsener gestenreich und mit clownesker Mimik so tut, als suche er ratlos die Mütze, die er doch schon auf dem Kopf hat, verstehen Vierjährige den Scherz. Kinder begreifen auch, wenn ein Erwachsener sein eigenes Missgeschick ironisch entschärft, indem er lachend kommentiert: "Das habe ich ja super hinbekommen." Problematisch ist erwachsene Ironie, wenn sie Konflikte nicht entschärft, sondern schürt. Ein verächtliches "Ganz große Klasse" beim Anblick einer zertrümmerten Vase führt zuverlässig dazu, dass ein Kind das nächste ernst gemeinte Lob nicht richtig einschätzen kann. "Kinder verstehen Dinge wörtlich und sie müssen dem gesprochenen Wort vertrauen können", sagt Kühne.

Derber Quatsch als Witz mit Ansage in Wiederholungsschleifen – das ist die Quintessenz von Kinderhumor. Man sollte Kinder nun zwar nicht bei jeder Gelegenheit mit Humor malträtieren, in der Annahme, der Ernst des Lebens setze ihnen sonst zu sehr zu. Erledigt hat sich aber die Idee, in der Kindheit würde Humor gar nicht gebraucht, "um uns im Leben glücklich zu fühlen". Auch diese Mutmaßung stammt von Freud. Er hat eben nie Jungen herumkutschiert, die vor Vergnügen quietschen, wenn einer von ihnen "Mama Melone" sagt.

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