Alt in Berlin
Ein neues Zuhause für den kurzen Rest des Lebens
In keiner anderen Stadt gibt es so viele Demenz-WGs wie in Berlin. Sie sind eine Alternative zum Pflegeheim und helfen den Senioren, selbstständig zu bleiben – so lange es geht.
Von Uta Keseling
"Nein", sagt Gisela Heinrichs, "dass es schon wieder so spät ist!" Sie schaut auf ihre Armbanduhr, es ist zehn Uhr früh. "Zeit fürs Mittagessen!", sagt sie. "Ja, aber erst um zwölf", sagt Manuela Kasch, die junge Frau legt der alten Dame kurz die Hand auf den Arm. "Um zwölf gibt’s Essen, okay?" – "Na gut", gibt sich die alte Dame zufrieden, greift zur Mundharmonika und stimmt in das Lied ein, das die anderen vier Damen am Tisch singen: "Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen".
Die hochbetagten Frauen leben gemeinsam in einer Wohngemeinschaft des Union-Hilfswerks in Treptow: Else (80), Frieda (86), Gisela (85), Gerda (93), Charlotte (88) und Karl (83): Allein die Vornamen erzählen von einer anderen Zeit. Als die älteste, Gerda, geboren wurde, im Jahr 1916 mitten im Ersten Weltkrieg, deutete nichts darauf hin, dass sie einst in einer modernen Wohnform leben würde, die heute kurz "WG" genannt wird – und deren Notwendigkeit wohl damals niemand gesehen hätte.
Fast könnte man die singende Runde für ein fröhliches Kaffeekränzchen halten. Wäre da nicht das Stimmchen, das in einer Pause verträumt weiter singt: "Oh, du Fröhliche…" – Altenpflegehelferin Manuela Kasch und ihre Kollegin Katrin Schöpf lachen: "Es ist Mai! Nicht Weihnachten!" Die Damen nehmen die Information mit höflichem Unverständnis entgegen.
Rund eine Million Menschen in Deutschland leiden an Demenz, bis 2030 wird sich die Zahl schätzungsweise verdoppeln. Doch nur die Wenigsten finden eine Einrichtung, die auf das Leben mit dem Vergessen spezialisiert ist. In Berlin gibt es inzwischen rund 300 sogenannte Demenz-WGs, mehr als in jeder anderen Stadt. Was in den 90er-Jahren als alternatives Projekt begann, gilt heute als Weg in die Zukunft der Betreuung alter Menschen.
So viel wie möglich selbst entscheiden
In der WG sind die Bewohner nicht Patienten oder gar Heiminsassen, sondern Mieter jeweils eines Raumes in der Sieben-Zimmer Wohnung. Es gibt zwei geräumige Bäder, eine große Küche und ein gemütliches Wohnzimmer. Sitzgruppe, Fernseher, Schrankwand, eine alte Pendeluhr haben die Bewohner und ihre Angehörigen mitgebracht oder gemeinsam angeschafft. Manche schlafen sogar in ihren eigenen Betten. Zwei Altenpflegehelfer betreuen, singen und spielen mit – sie haben Zeit für Dinge, die in herkömmlichen Heimen nie da wäre.
Als ein Gast eintrifft – ein Techniker, der Frau W. einen Rollstuhl anpasst – kommt kurz Unruhe auf. Der Mann hat sich auf den Stuhl von Frau F. gesetzt. "Jeder hat hier seinen festen Platz", erklärt Katrin Schöpf und lächelt. Sie sucht Frau Heinrichs Blockflöte heraus, als die Unruhe zu groß wird und die alte Dame immer wieder nervös auf die Uhr schaut. Dann bricht auch noch Frau H. in Tränen aus, sie wartet seit Stunden sehnsuchtsvoll auf eine freiwillige Helferin, die sie zum Ausflug abholen soll. "Ich muss hier raus", weint Frau H., und beruhigt sich erst, als Frau Heinrichs mit dem Blockflötenspiel beginnt. Läufe, Tonfolgen, alles gelingt sauber und im Takt.
Die Damen klatschen. "Welches Lied haben Sie gespielt?" fragt Manuela Kasch. Frau Heinrichs fragt zögernd zurück: "Hab’ ich vergessen?" Plötzlich ist die Verunsicherung wieder da: jener Schatten, der demenzkranke Menschen immer begleitet.
"Sie sind ständig auf der Suche nach Orientierung", sagt Klaus Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alte Menschen", der in den 90er-Jahren die ersten Demenz-Wohngemeinschaften in Berlin gründete. "Wir stellten fest, dass Heime gerade für diese Menschen überhaupt nicht geeignet waren", sagt Pawletko, der damals als Heimberater im Auftrag des Senats tätig war. "Demenzkranke brauchen überschaubare Räume, festgelegte Tagesstrukturen und einen begrenzten Kreis von vertrauten Personen." Anfangs seien sie auf viel Widerstand bei Heimbetreibern und Behörden gestoßen, sagt Pawletko. Heute begleitet sein Verein sieben Wohngemeinschaften. Die große Zahl der WGs heute sieht Pawletko kritisch: "Man muss genau hinschauen, ob es sich nicht in Wirklichkeit doch um kleine 'Heime’ handelt." Wichtig sei, dass die Anzahl der Bewohner überschaubar bleibe, und dass sie und die Angehörigen so viel wie möglich selbst entscheiden könnten.
Wichtig sind die anderen Menschen
Lutz Glandien, der 54-jährige Sohn von Frau Heinrichs, nennt es "ein großes Glück", dass seine Mutter den WG-Platz bekam. Gisela Heinrichs hat mehr als 60 Jahre in einer Kleinstadt bei Magdeburg gelebt. Der erste, der die Krankheit bemerkt hatte, sei sein Sohn Philippe gewesen, erinnert sich Glandien. "Meine Vergesse-Oma", hat er sie genannt. Verschlimmert habe sich die Krankheit, als Gisela Heinrichs Mann Fritz starb – "sie vergaß plötzlich immer mehr, verlegte Dinge, war ungehalten und traurig", sagt der Sohn. "Und wenn wir sie daran erinnerten, dass unser Vater doch tot sei, sagte sie: Zeig mir die Zeitung, wo das steht!" Die Brüder brachten sie an das Grab des Vaters. "Da fragte sie: 'Warum hat mir das keiner gesagt?’"
Bei Ärzten und Ämtern fanden die Söhne wenig Unterstützung. "Das Ordnungsamt drohte uns sogar, sie in die Psychiatrie einweisen zu lassen." Zuletzt fuhren sein Bruder und er Hunderte Kilometer pro Woche, um die Mutter zu betreuen. "Es war klar, dass es so nicht weiterging." Vor gut einem Jahr zog Gisela Heinrichs dann in "ihre" WG. Kurze Zeit später brachte der Sohn ihr die Blockflöte mit. "Ich hatte gelesen, dass das emotionale und das musikalische Gedächtnis am längsten erhalten bleiben." Und wirklich: "Ihre Finger fanden die Töne auf Anhieb", sagt Glandien begeistert, der von Beruf Komponist ist. "Das Spielen hat sie als Kind gelernt", sagt er. Seit der Krankheit denkt er oft über das Leben seiner Mutter nach: "Ihr Vater und ihr Bruder starben früh. Sie selbst floh mit meiner Großmutter aus Ostpreußen – ein traumatisches Erlebnis." Er macht dieses Trauma mitverantwortlich für die Krankheit seiner Mutter. Doch die Demenzforschung steckt noch in den Anfängen.
"Oh, da ist ja der Lutz", sagt Gisela Heinrichs, als der Sohn zu ihr ins Zimmer tritt. Sie legt ihm in einer rührenden Geste die Hand an die Wange, ebenso wie er es mit ihr macht: einen Moment lang sind sie eine Familie. Oft aber wisse die Mutter seinen Namen nicht, auch wenn es eine Art "biochemisches Erkennen" gebe, meint er. Das wichtigste für seine Mutter sei, dass sie in der WG die Gesellschaft anderer Menschen gefunden habe. "Dadurch hat sie eine Gelassenheit, die ich früher nicht an ihr kannte."
Wer raus will, bekommt Begleitung
Zur Gesellschaft gezwungen wird in der WG jedoch niemand. "Die Bewohner werden nicht geweckt oder aus den Zimmern geholt", sagt Katrin Schöpf. Was gegessen wird, entscheidet ebenfalls das "Plenum", gekocht wird gemeinsam. Frau H. legt am liebsten die Wäsche zusammen, die vor Ort gewaschen wird. Zweimal am Tag kommt die Krankenschwester, einmal die Woche gibt es Tier- und Ergotherapie. Einmal im Monat kommt der Friseur. Und wer "raus" will und nicht allein gehen kann, bekommt Begleitung. So wie Frau Hertel, die am Mittag überglücklich in Hut und Mantel in der Tür steht: die Begleiterin kam doch noch.
Frau Heinrichs sitzt am liebsten mit den anderen im Wohnzimmer. Ihr Sohn schaut hinaus in den großen Garten, in dem ein Grüppchen alter Leute unter knallgelben Sonnenschirmen sitzt, und sagt, seine Mutter habe inzwischen viel mehr Gelassenheit gefunden – und er ebenso. "In ihrer Welt wohnt meine Großmutter eben wieder im ersten Stock und mein Vater ist gerade im Garten." Er lächelt. "Und wenn sie fragt, ob er auch Geld mitgenommen habe, um sich etwas zu essen zu kaufen, dann verbessere ich sie nicht mehr, sondern sage einfach Ja."
Lutz Glandien kommt einmal die Woche hierher – und zwar gern. Er hat sich unter anderem in die verrückt-poetischen Sätze einer Mitbewohnerin verliebt. Manchmal spricht sie von Maßen und Preisen – sie war Schneiderin. "Dann aber sagt sie wunderbare Dinge wie 'Würden Sie so freundlich sein, den Anfang meines Schlafes zu behüten?’" Einmal habe sie sich bei ihm für etwas mit den Worten bedankt: "Dafür möchte ich Ihnen aber jetzt die Augen küssen!" Lutz Glandien denkt inzwischen darüber nach, mit einer Regisseurin ein Hörspiel über das Leben in der WG zu machen.
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