Grundschulen
Verweilen ist anders als Sitzenbleiben
Dienstag, 26. Mai 2009 23:00 - Von Regina Köhler4303 Mädchen und Jungen mussten im Schuljahr 2007/08 die zweite Klasse wiederholen. Shanice gehört zu diesen Berliner Kindern, die nicht in die dritte Klasse aufgerückt sind. Morgenpost Online erzählen die Neunjährige und ihre Mutter, warum das nicht so schlimm ist.

Shanice geht gern zur Schule. „Ich hab viele Freunde und eine tolle Lehrerin“, sagt sie. Sport und Mathematik sind ihre Lieblingsfächer. Und noch etwas macht Shanice besonders gern: anderen Kindern helfen. In diesem Schuljahr hatte sie oft Gelegenheit dazu. Schließlich weiß sie häufig etwas mehr als die anderen und kann vieles besonders gut. Denn sie hatte ausreichend Zeit zum Üben.
Die Neunjährige besucht die Sonnenuhr-Grundschule in Lichtenberg und ist dort Schülerin der Lerngruppe eins, einer gemischten Gruppe, in der Erst- und Zweitklässler zusammen lernen. Shanice gehört zu den 4303 Berliner Schülern, die im vergangenen Schuljahr nicht in die dritte Klasse aufgerückt sind. Nach der zweiten Klasse blieb sie ein weiteres Jahr in ihrer Gruppe. Erst wenn dieses Schuljahr zu Ende ist, wird sie in die dritte Klasse wechseln.
Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU, bezeichnete die große Zahl der sogenannten Verweiler als Zeichen dafür, dass das Modell der flexiblen Schulanfangsphase gescheitert ist. Dieses Modell könne nur an Schulen mit guter Schülerstruktur zum Erfolg führen, sagte er.
Shanice benötigt mehr Zeit
Die Eltern von Shanice sehen das anders. „Wir haben dafür plädiert, dass unsere Tochter noch ein weiteres Jahr in der zweiten Klasse verweilt“, sagt Shanices Mutter Jacqueline Fahnkow. Das Mädchen sei mit sechs Jahren in die Schule gekommen und von Anfang an sehr verspielt und unkonzentriert gewesen. „Wir hätten sie gern zurückstellen lassen, was aber nicht möglich war“, erinnert sich die Mutter. Nach dem zweiten Schuljahr sei dann klar gewesen, dass Shanice mehr Zeit braucht, um das Gelernte zu festigen und selbstbewusster aufzutreten. Außerdem hätten sie gewusst, welche wesentlich härteren Anforderungen mit der dritten Klasse auf die Kinder zukommen. „Wir haben einen älteren Sohn, der jetzt bereits in der fünften Klasse ist, dadurch haben wir den Überblick“, sagt Jacqueline Fahnkow. Für Shanice sei es deshalb eine Chance gewesen, ein weiteres Jahr in der zweiten Klasse bleiben zu können. „Jetzt ist bestens auf die dritte Klasse vorbereitet.“
„Inzwischen hat sich bestätigt, dass das genau der richtige Weg war für Shanice. Sie hat sich sowohl in ihren Leistungen als auch in ihrer Persönlichkeit sehr gefestigt“, sagt die Lehrerin. Während die Leistungen der jetzt Neunjährigen vorher eher befriedigend waren oder darunter lagen, seien sie jetzt gut bis sehr gut. „In Mathematik, was in den ersten beiden Schuljahren ein Problemfach für Shanice war, ist sie den anderen nun bereits voraus und kann zusätzliche Aufgaben lösen“, sagt Lehrerin Angelika Hosumbek. Auch dass sie anderen häufig helfen könne, würde Shanice in ihrer Entwicklung voranbringen. „Das hat ihr Selbstbewusstsein sehr gestärkt.“
Das Mädchen behielt die Klassenlehrerin
Jacqueline Fahnkow ist begeistert darüber, wie sich ihre Tochter in diesem Schuljahr entwickelt hat. „Es war von Anfang an ganz normal für sie, in der zweiten Klasse zu bleiben“, sagt sie. Allerdings sei weder in der Familie noch in der Schule in diesem Zusammenhang von Sitzenbleiben gesprochen worden. „Alle haben wir Shanice vermittelt, dass sie einfach noch etwas mehr Zeit braucht als andere und diese nun bekommt“, sagt Mutter Jacqueline. Die Neunjährige habe darauf sehr positiv reagiert und den Eltern erklärt, dass sie kein Problem damit habe, noch ein weiteres Jahr in der Lerngruppe zu bleiben, sondern sich im Gegenteil schon darauf freue, den jüngeren Kindern dann helfen zu können. Auch dass sie ihre geliebte Klassenlehrerin behalten würde, habe Shanice als Glück empfunden.
Dass ihre Tochter in einer altersgemischten Lerngruppe ist, habe die Sache sehr erleichtert. „Die Erstklässler sind ja in dieser Lerngruppe geblieben, so dass sie auf viele Freunde nicht verzichten musste.“ Mit denen, die in die dritte Klasse gewechselt sind, würde sich Shanice zudem auf dem Schulhof und nachmittags im Hort treffen können, berichtet die Mutter.
Shanice wird in die dritte Klasse versetzt
Am Ende dieses Schuljahres wird das Mädchen in die dritte Klasse aufrücken. Sechs ihrer 26 Mitschüler werden in der Lerngruppe bleiben. „Ich habe die Eltern dieser Kinder seit Weihnachten darauf vorbereitet und ihnen immer wieder gesagt, dass dieses Verweilen nichts mit dem früheren Sitzenbleiben zu tun hat“, sagt Lehrerin Angelika Hosumbek. Die flexible Schulanfangsphase sei so konzipiert, dass sie jedem Schüler Zeit lasse, sich seinem Tempo gemäß zu entwickeln. „Wer es braucht, durchläuft die Anfangsphase in drei Jahren, andere brauchen nur zwei, manche nur ein Jahr“, sagt die Lehrerin. Vor allem die vielen sehr jungen Schulkinder brauchten mehr Zeit. „Diese Kinder sind oft noch sehr zapplig, ihre Feinmotorik ist noch nicht ausreichend entwickelt. Für sie ist es deshalb besser, die Schulanfangsphase in drei Jahren zu durchlaufen. Mit gefestigten Leistungen kommen sie dann in die dritte Klasse.“
Shanice ist jedenfalls guter Dinge: „Ich konnte noch etwas mehr lernen und bin dann in der dritten Klasse ein bisschen besser“, sagt sie. Viele Freunde würden jetzt mit ihr in die dritte Klasse wechseln.

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