Zufüttern
Es gibt Brei, Baby!
Die ersten sechs Monate ist alles noch ganz einfach. Da sollen Babys laut Weltgesundheitsorganisation nur Milch bekommen. Danach wird es komplizierter. Möhre oder Kartoffel? Milchfrei oder glutenfrei? Selber kochen oder Gläschen kaufen? Der erste Brei ist zu einer viel diskutierten Lebensfrage geworden. Katja Thörl (38) aus Charlottenburg beschreibt in ihrem Tagebuch das große Abenteuer Zufüttern.
Noch acht Wochen:
Wir waren zu Besuch bei meinen Schwiegereltern. Beim Abendbrot, die vier Monate alte Lotta schlief auf meinem Arm, sagt meine Schwiegermutter: "Na, Lotta, du freust dich bestimmt schon auf dein erstes Leberwurstbrot." Wie absurd! Wo ich mir nicht mal vorstellen kann, dass Lotta mal Brei isst, geschweige denn Leberwurstbrot.
Noch vier Wochen:
In 30 Tagen ist Lotta ein halbes Jahr alt. Dann geht es los mit dem Brei. Ich freue mich darauf, aber es ist auch ein Abschied. Lotta ist unser zweites Kind, und mehr wollen wir eigentlich nicht. Ich werde also nie wieder stillen. Aber nicht nur deshalb stille ich ein halbes Jahr voll, sondern auch wegen der allergischen Vorbelastung in unserer Familie. Es gibt da ja zwei Fronten, was die Stilldauer anbelangt: Die einen, die den ersten Brei kaum erwarten können. Und dann die Stillverfechter, die gleich den Rest der Mütterwelt bekehren wollen. Ich erinnere mich noch genau an die entsetzten Blicke der anderen Mütter, als ein erst vier Monate altes Kind beim Pekip mal ein bisschen Möhre ausspuckte.
Noch drei Wochen:
Es ist ja eine Wissenschaft für sich, mit welchem Gemüse man anfangen soll. Ich hab mich jetzt für Pastinake entschieden. Ein paar Mütter setzen traditionell auf Möhren, aber das ist nichts für Allergiker-Kinder – und außerdem gehen die Flecken nie wieder raus!
Noch zwei Wochen:
Ich habe mir ausgerechnet, wann Lotta wohl eine ganze Mahlzeit essen wird. Das heißt: Wann ich mal länger am Stück weg sein kann. Ich habe da jetzt schon mal einen Termin in meinem Büro vereinbart, um in Ruhe den Wiedereinstieg in den Job zu besprechen. Überhaupt mal rauszukommen, so ganz ohne Kind, darauf freue ich mich. Einfach mal allein losgehen, ohne Anhang, ohne Kinderwagen.
Noch eine Woche:
Heute wird gekocht. Anderthalb Kilo Pastinaken habe ich im Bioladen gekauft und 50 Mini-Plastikdöschen, in die ich den Pastinakenbrei fülle und einfriere. Dazu mussten wir erst mal alle Pizzen aufessen, um Platz im Tiefkühlschrank zu schaffen. Zwei Stunden hat die Kochaktion und Abfüllerei gedauert. Eine ziemliche Schweinerei. Ein paar Mal habe ich da gedacht: Tun es Gläschen nicht auch? Aber vor einigen Jahren gab es mal so einen Gläschendeckelskandal. Da koche ich lieber selber. Außerdem schmeckt das Zeug aus dem Glas nicht. Ich habe bei Oskar mal die Gläschenpalette durchprobiert. Manches erinnerte mich eher an püriertes Stroh als an Gemüse.
Noch vier Tage:
An der Tür hing heute ein Lätzchen für Lotta, ein Geschenk einer Nachbarin. Ein untrügliches Zeichen: Jetzt geht es bald los. Wir starten einen Tag nach Lottas erstem halben Geburtstag. Da hat auch mein Mann Geburtstag. Dann feiern Papa und Tochter gemeinsam.
Noch drei Tage:
Gerade kam eine Freundin mit dem Zufütter-Tagebuch ihrer Schwiegermutter zu mir. Die Frau beschreibt, was sie ihrem Sohn wann zu essen gegeben hat. Und tatsächlich steht da: "Vier Monate, neun Tage – zerdrückte Weißwurst, neun Löffel. Gern gegessen." Heute wäre so etwas undenkbar. In meinem Freundeskreis wird seit Wochen darüber diskutiert, wann man welches Gemüse füttert.
Noch ein Tag:
Der große Bruder Oskar ist ganz aufgeregt. Der findet es nämlich super, dass seine Schwester endlich etwas "Richtiges" zu essen bekommt. Er schwärmt ihr schon von Schokolade vor. Ich bin mal gespannt, wann er ihr das erste Stück in den Mund stopft. Beim zweiten Kind kann man diese Sachen ja eh nicht so lange zurückhalten. Und ich mach mir schon die ganze Zeit Gedanken, wie wir das morgen anstellen: Wir wollen mittags ins Café, aber wie bekomme ich Lottas Essen da warm hin? Das ist doch komisch: Man denkt, mit dem Zufüttern wird man flexibler, aber tatsächlich ist man am Anfang viel unflexibler als beim Stillen.
Der Tag X:
Die ersten drei Löffel in Lottas Leben. Unter strahlender Sonne und mit gefühlten 100 Fotos dokumentiert. Sie fand das spannend, auch wenn sie, glaube ich, gar nicht kapiert hat, worum es geht.
Der zweite Tag:
Ich weiß gar nicht, wie ich Lotta hinsetzen soll. Richtig sitzen kann sie ja noch nicht. Und in der Wippe, halb sitzend, halb liegend, findet sie es doof. Immer wenn der Löffel kommt, rutschte sie tiefer, bis sie fast liegt. Aber im Liegen kann man ja nicht essen. Dann habe ich es auf dem Schoß probiert, aber da hätte ich drei Hände gebraucht.
Der dritte Tag:
Das macht nicht gerade Spaß. Immer langt Lotta gerade hin, wenn ich mit dem Löffel komme. Lotta und ich könnten nach dem Füttern eigentlich direkt duschen, alles ist eingesaut und klebt. Heute kam meine Mutter am Nachmittag und sagte gleich: "Wie siehst du denn aus?" Ich hatte einen schwarzen Pullunder an – mit Pastinaken-Spuren vorne drauf. Aber eine Küchenschürze ist mir dann doch zu spießig. Eine Freundin, die Zwillinge hat, erzählte mir, sie hatte in ein Bettlaken zwei Öffnungen geschnitten und das Tuch dann beim Füttern über die beiden Kinder gestülpt, dann konnten sie mit ihren Händchen relativ wenig ausrichten. Aber Lotta ist doch kein Gespenst!
Der fünfte Tag:
Lotta will nicht mehr. Wenn sie den Löffel sieht, dreht sie den Kopf weg. Und wenn sie den Mund versehentlich aufmacht und ich schnell etwas hineinstopfe, bekommt sie einen Würgereiz. Ich glaube, ich stell auf Süßkartoffel um. Aber erst mal eine kleine Portion. Erstens sind die Döschen noch voll mit Pastinake, außerdem isst sie das ja vielleicht auch nicht.
Der siebte Tag:
Ich bin erleichtert. Süßkartoffel scheint zu schmecken. Lotta hat immerhin freiwillig ein paar Löffel genommen. Aber wenn das in dem Tempo weitergeht, isst Lotta in einem Jahr noch immer nicht mit dem Rest der Familie.
Aufgezeichnet von Annette Kuhn


















