Erziehung
Wenn Kinder mit Musik aufwachsen
Christoph und Felix sind ein wenig anders als Jungen ihres Alters. Nicht Computer-Ablenkung, sondern Musik füllt die Freizeit der Gebrüder Heesch. Sie brillieren an Cello und Geige. Doch wenn Kinder ein Instrument lernen, ist es auch für die Eltern harte Arbeit.
Von Patrick Goldstein
Bei anderen Jungen ihres Alters hängen an den Kinderzimmerwänden Poster von Shakira, von Angelina oder vom neuesten Lamborghini. Daheim bei Christoph und Felix Heesch dagegen prangen über den Schreibtischen Siegerurkunden von "Jugend musiziert" und exotische Plakate ihrer Auftritte. Spuren, die die Musik im jungen Leben der Brüder aus Zehlendorf hinterlassen hat. Denn Christoph und Felix sind ein wenig anders als Jungen ihres Alters.
Ein Geigenkoffer, ein Cello, zudem ein offenes Notenbuch liegen auf dem Wohnzimmerboden des Eigenheims am Berliner Stadtrand. Der große, helle Raum, dessen fast deckenhohe Fenster die Sicht auf einen saftig grünen Garten frei geben, ist spartanisch eingerichtet. "Ich mag keine Räume mit vielen Möbeln", wird Sebastian Heesch, der 45 Jahre alte Vater von Christoph und Felix, später erklären. Er ist Erster Violinist bei den Berliner Philharmonikern und viel von der Gabe, den Blick auf das Wesentliche zu halten, scheint er seinen Söhnen bereits vermittelt zu haben.
Persönliche Beziehung zur Geige
Der Senior zieht sich zurück, als die Jungen über Musik sprechen. Felix (18) hat die Arme auf die Lehnen eines Ledersofas ausgesteckt, springt allerdings gelegentlich auf, um dem Gast unaufgefordert Wasser nachzugießen. Christoph (13) hockt mal im Schneidersitz, mal mit den Beinen über dem Schoß seines Bruders, der ihn darauf hin und wieder an den Fußsohlen kitzelt.
"Ich habe", kommt Felix schnell ins Schwärmen, "eine ganz persönliche Beziehung zu meiner Geige. Wenn die einen Kratzer bekommt, tut das mir richtig weh." Ein bis zwei Mal pro Woche trägt der hochgewachsene Schüler das edle Stück zur Probe nach Charlottenburg. Ein Meisterwerk aus den Werkstätten der Geigenbauerdynastie Audinot in Paris, gefertigt um 1895. Von vergleichbarem Wert ist Christophs Cello nicht. Aber spricht er von dessen "vielseitigem Klang", strahlt er wie jene Jungs, die endlos über die schier unfassbaren Dimensionen ihrer Playstation referieren können.
Nicht Computer-Ablenkung, sondern Musik füllt die Freizeit der Gebrüder Heesch. Christoph zählt zur Gruppe der "Zwölf Cellisten" an der Universität der Künste, wo er und Felix nach der Schule als sogenannte "Jugendstudenten" Unterricht erhalten. Sie spielen im Orchester, eine Agentur vermittelt ihnen Duo-Auftritte in Belgien, Spanien, Dänemark. Sogar in Japan traten sie auf. "Die Deutschen von Jugend musiziert" stand damals auf dem Plakat, das sie vornehm lächelnd an ihren Instrumenten zeigte.
Erfolg gibt Selbstbewusstsein
Aus Japan stammt auch ihre Mutter. "Sie ist Pianistin, hat etwa zehn Schüler", erzählt Felix. "Aber als ich auf die Welt kam, hat sie sich nur um mich und später um uns beide gekümmert, immer mit uns geübt." Inzwischen sind die Eltern geschieden. "Die Teenagerzeit war schwer für Felix", erzählt Sebastian Heesch, als die Söhne gerade fort sind. "Da hat ihn der Erfolg an der Geige aus einer Lethargie gerettet, die Scheidungskinder oft befällt, und in der sie sich einfach nur in ihre Zimmer verkrümeln wollen."
Überhaupt: Der Erfolg. Der habe seinen Söhnen eine ganz andere Form des Selbstbewussteins gegeben, sagt Sebastian Heesch: "Musik zu spielen ist eine Herausforderung für die ganze Familie. Es hat uns Eltern viel Mühe gekostet, dies den Kindern näher zu bringen. Wir brauchten Geduld, Zähigkeit. Da anfangs statt 15 Minuten 30 Minuten Probe durchzuhalten ist schon Anlass zur Freude." Dann die Triumphe: "Wenn sie bei Jugend musiziert spielen, bin ich im Publikum immer wahnsinnig nervös", gesteht Heesch. "Haben sie ein Stück erst gemeistert, ist das für sie eine andere Art von Erfolgserlebnis, als wenn sie etwa ein Handy bekommen haben, das sie herumzeigen können."
Jetzt rechnet er mit einem Einser-Abi
Mit Elan fegt Felix dieser Tage durch seine Abiturprüfungen. "In der zehnten Klasse war mir nur wichtig, nicht sitzen zu bleiben", sagt er. Jetzt rechnet er mit einem Einser-Abi. Zuvor hatte er die achte Klasse übersprungen. Werde ihm da nicht das Jahr Jugend, die Momente unbeschwerten Unfugs, irgendwann fehlen? "Nein", sagt er, "dazu hatte ich genug Zeit. Außerdem habe ich damit ein Jahr gewonnen. Ich könnte nach dem Abschluss nach Frankreich gehen, um die Sprache besser zu lernen."
Die Musik von heute vernehmen sie nur morgens aus dem Radio oder wenn Freunde vorbeikommen und ihre Lieblingssongs einlegen. "HipHop oder Pop – ich kenne mich da nicht so aus", sagt Christoph leichthin. Über derlei moderne Strömungen nicht sonderlich Bescheid zu wissen, betrübt ihn wenig. Da kann er sich regelrecht in Rage reden. "Ich halte diese Musik für ein bisschen schlicht. Ich höre das, und die Harmonien verlaufen immer nach einem von zwei oder drei Mustern." Die Faszination dafür ist ihm jedenfalls fremd: "Und wenn dann auch noch die Musiker und Produzenten von solchen Stücken im Interview erzählen, wie schwer das war und wie lange sie gebraucht haben: Das finde ich übertrieben. Die tun so, als sei das wahnsinnig schwer."
Vater rät vom Beruf Musiker ab
Ähnlich nüchtern sehen die Brüder einer möglichen Zukunft in der Klassik entgegen. Felix will lieber Jura studieren, dazu nach Hamburg gehen und sich als Mitglied der Jungen Union dort stärker politisch engagieren als bisher in Berlin. Die Mutter habe eh’ abgeraten, Musiker zu werden. Der Vater wolle ihm überlassen, was er mit seinem Talent anstellt. Mach’ was du willst, aber mach’ es richtig, so sein Rat. "Dabei meint er, dass ich immer eine gute Stelle in einem Orchester bekommen würde", lächelt Felix.
Doch er und Christoph streben nach Höherem. "Ein Musikstudium ist doch sehr einfältig", findet Felix. "Das ist nur auf die Musik fixiert. Und am Ende sitzt man in einem Orchester, das nicht so gut ist, wie man es sich immer erhofft hatte - und ist ein Leben lang frustriert."
Das Abi in weiter Ferne, darf für Christoph die Musik noch Spiel statt Karriere sein. Aber auf Umwegen nähert sich der 13-Jährige langsam einer Entscheidung. Denn während er in seinem geigenden Bruder einen "echten Stubenhocker" sieht, behält Christoph den Kontakt zur Straße. Auf dem Schulhof, nach Schulschluss, im Garten, kickt er mit Freunden. Und so wüsste er wohl, was wäre, wenn er sich zwischen Profifußball und Musikerkarriere entscheiden müsste. "Auch als Fußballer hat man Freizeit. Da würde ich dann Cello spielen", sagt er. "Denn Musik", fügt er nach kurzer Denkpause – vielleicht relativierend, vielleicht als Rückzieher – hinzu, "Musik ist mein Leben."
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