06.08.12

Altenpflege

"Ich freue mich immer, wenn sie kommt"

Für viele alte Menschen ist die Pflegekraft der einzige Besuch. Sie hilft beim Duschen, Anziehen und im Haushalt und bringt ein wenig Leben in die Einsamkeit. Aus dem Alltag einer Pflegekraft

Von Annete Kuhn
Foto: Massimo Rodari

Schön für den Tag: Frau Bliss schafft noch vieles allein. Aber die Haare lässt sie sich gern von Sabine Malzahn richten

5 Bilder

6 Uhr

Mit schnellem Schritt geht Sabine Malzahn die paar Schritte vom U-Bahnhof zu ihrem Arbeitsplatz, der Caritas-Sozialstation Tiergarten in der Turmstraße. Die 53-Jährige ist keine Frühaufsteherin, "daran werde ich mich wohl nie gewöhnen", sagt sie, aber im Sommer, wenn es früh hell ist, fällt es ihr leichter. Und sie hat im Frühaufstehen mehr als 30 Jahre Übung. So lange arbeitet sie schon als Pflegekraft bei der Caritas, meist in der Frühschicht.

Zunächst war es nur ein Job, um sich das Studium zu finanzieren. Aber schließlich hat sie die Anglistik an den Nagel gehängt und ist ganz in die Altenpflege eingestiegen. Statt Vorlesungen über Alt-Englisch hat sie einen 200-Stunden-Kurs über Pflege besucht und ein Praktikum gemacht.

In der Sozialstation sind die Handgriffe eingespielt. Sabine Malzahn ist auf "Tour 3" eingeteilt. Sie greift sich das Tourenhandy, ihren Plan und das Schlüsselbund zur Tour. Den Rest hat sie ohnehin in der Tasche: Einmalhandschuhe, Plastikschürzen, Desinfektionsmittel. Wenn noch Zeit ist, trinkt sie einen Kaffee mit Kollegen – "dieser Austausch ist mir wichtig, den Tag über bin ich ja Einzelkämpfer", erklärt sie.

7 Uhr

Ihre erste Anlaufstation: ein Seniorenzentrum in Charlottenburg. Fünf Patienten erwarten sie hier. Kleine Wäsche, große Wäsche, Müll wegbringen, Nachttöpfe entleeren. Sie klingelt bei Elfriede Bliss. 95 Jahre ist die Dame, sieht aber höchstens wie 80 aus.

Schon früh morgens ist die kleine Wohnung gut gelüftet und alles sitzt: die Bluse, der Rock, die weißen Haare. Ein bisschen hilft Sabine Malzahn noch mal nach mit dem Kamm. "Frau Bliss mag es gern, wenn ich ihr die Haare mache", sagt sie, "nicht wahr, Frau Bliss?"

Frau Bliss nickt und macht es sich bequem auf ihrem Stuhl, legt den Kopf ein bisschen zurück – soweit es mit 95 Jahren eben noch geht und lächelt. Die rüstige Rentnerin wohnt seit neun Jahren hier, aber erst seit zwei Jahren, nach Sturz und Krankenhaus, bekommt sie ein wenig Hilfe: Dreimal in der Woche wird sie geduscht, an den anderen Tagen hilft die Pflegerin nur nach Bedarf und entsorgt das Inkontinenz-Material der Nacht.

Sie desinfiziert ihre Hände, streift die Einmalhandschuhe über, huscht vom Schlafzimmer zur Toilette und wieder zurück, muss noch schnell ihren Besuch in der Akte eintragen und steht bald schon mit der Mülltüte in der Hand an der Tür, um sich zu verabschieden. Ein Blitzbesuch, "aber trotzdem freue ich mich immer, wenn sie kommt", sagt Elfriede Bliss. Es rhythmisiert ihren Tag.

7.30 Uhr

Die Handgriffe sitzen bei Sabine Malzahn. Ihre Routine strahlt Sicherheit aus. Eine Sicherheit, die sich auf ihre Kunden überträgt. Kunden, sagt Sabine Malzahn. So heißt es in der Pflegesprache. Patienten, alte Menschen, das klingt zu wenig nach Dienstleistung. Ihre nächste Kundin ist Ingrid Wippich.

Allein traut sich die 71-Jährige, die unter Asthma leidet, nicht mehr zu duschen, mit der Pflegekraft fühlt sie sich im Bad sicherer. Schon bevor Sabine Malzahn klingelt, die Wohnung aufschließt und mit kräftiger Stimme "Frau Wippich, ich bin da", ruft, hat diese ihre Garderobe für den Tag an die Tür des Kleiderschranks gehängt. "Die orangene Bluse – passt die zur Hose?", fragt sie, als sie langsam im Bademantel hinter dem Schlafzimmervorhang hervortritt.

"Klar", antwortet Sabine Malzahn, die bei der Arbeit selbst ein rotes Caritas-Polohemd trägt. Darüber bindet sie jetzt eine fast bodenlange durchsichtige Plastikschürze, immerhin steht heute bei Frau Wippich die große Körperpflege an. Während die Pflegerin mit Ingrid Wippich im Bad verschwindet, sie seift und abduscht, erzählt diese von ihren Erlebnissen den Tag zuvor und dass sie sich gleich schon auf die Tagespflege freut.

Das Plaudern ist für die alten Menschen wichtig, oft ist die Pflegerin die einzige Person, die zu ihnen kommt. Aber Zeit bleibt dafür selten. In den Pflegemodulen, wie es im Organisationsdeutsch heißt, ist Plauderei nicht vorgesehen. Minutiös werden von der Pflegekasse die Leistungen wie Waschung, Hilfe bei der Nahrungsaufnahme oder hauswirtschaftliche Versorgung abgerechnet, wer einfach nur reden will, muss das Modul " Soziale Betreuung" buchen.

Doch kaum einer kann oder will für gemeinsames Blättern im Fotoalbum, einen kleinen Spaziergang durch den Park oder eine Partie Halma extra zahlen. Auch wenn der Wert sozialer Kontakte für das Wohlbefinden und die Gesundheit alter Menschen immer wieder in Studien belegt wird, erscheint es vielen doch absurd, dafür zu zahlen.

So finden die Gespräche nebenbei statt, zwischen Abtrocknen, Absprachen am Telefon, Aufräumen, Eintragungen in die Akte. "Was darüber hinausgeht, ist mein Privatvergnügen", sagt Sabine Malzahn. Oft genug nimmt sie sich das, "schließlich ist es gerade das Interessante an meinem Beruf Menschen kennenzulernen".

8 Uhr

Ingrid Wippich sitzt geduscht und angezogen in ihrem Lieblingssessel und streckt der Pflegekraft ihre Füße entgegen. Es fällt ihr schwer, selbst die Socken anzuziehen, das weiß Sabine Malzahn. Sie kennt die Vorlieben ihrer Kunden. Das schaffe Vertrauen und das wiederum sei wichtig für die Zusammenarbeit.

Denn die Menschen, zu denen sie kommt, stehen ja nackt vor ihr – nicht nur im Bad, auch in ihrer Hilflosigkeit. Meist findet Sabine Malzahn aber schnell einen Draht zu ihnen. "Ich kann gut mit Menschen", sagt sie, und Ingrid Wippich nickt: "Sie ist wie eine Schwester zu mir." Auch wenn sie gleich abwinkt, solche Sätze freuen Sabine Malzahn doch, denn dann spürt sie, dass es richtig ist, was sie macht.

Natürlich gibt es auch die anderen Kunden, wo die Chemie nicht stimmt, wo sie schweigend ihre Arbeit verrichtet. Aber das sei die Ausnahme, versichert die Pflegerin. Es klingelt: der Altenpfleger. Er verabreicht Ingrid Wippich ihre Medikamente und schließt ihr das Inhalationsgerät an. Arbeiten, die Sabine Malzahn nicht machen darf.

"Medikamente dürfen nur die Examinierten geben", erklärt sie. Die Examinierten sind die Altenpfleger, Sabine Malzahn ist eine Pflegekraft und in erster Linie für Körperpflege und Haushaltshilfe zuständig. Sie schaut auf die Uhr. Sie muss los, denn sie kennt auch die Vorliebe ihres nächsten Kunden: Pünktlichkeit.

8.20 Uhr

Tatsächlich: "Sie kommen fünf Minuten zu spät", heißt es an der Tür ein paar Flure weiter, aber dann beschwichtigend hinterher: "Ist nur eine Feststellung." Immer wieder versucht Sabine Malzahn zu vermitteln, dass etwas dazwischenkommen kann, dass sich ein Kunde vielleicht schlecht fühlt und sie einen Arzt anrufen muss oder er mehr Hilfe braucht als sonst, um in den Tag zu kommen.

"Ich habe es ja mit Menschen zu tun", sagt sie, da laufe nicht alles minutengenau. Nicht jeder ist aber so flexibel, das einzusehen. Es gibt noch andere Anspruchshaltungen: "Sie glauben gar nicht, wie viele verschiedene Arten es gibt, ein Bett zu machen", erzählt Sabine Malzahn. Ein Kunde wollte mal ein Hotelbett, "da war ich erst einmal ratlos". Inzwischen beherrscht sie wohl jede Variante des Bettenmachens.

9.30 Uhr

Nach fünf Mal Waschung und Stuhlentsorgung tritt Sabine Malzahn vor die Tür und atmet tief durch. Acht Minuten Fußweg – in flottem Tempo – sind es bis zu ihrer nächsten Kundin. Sie schließt die Wohnung von Frau Heymann auf, ruft ihren Namen und für einen Moment ist alles an ihr gespannt.

Zweimal in ihrer beruflichen Laufbahn hat sie keine Antwort bekommen. Einmal stand sie vor einer Tür, konnte aber nicht aufschließen, weil der Schlüssel von innen steckte. Sie rief die Feuerwehr, aber es war zu spät. Ein anderes Mal hatte sie zunächst gar nicht bemerkt, dass der Mann tot war. Der Fernseher lief noch. Von der Stulle, die neben seiner Hand auf einem Teller lag, hatte er einmal abgebissen. Es muss der letzte Bissen seines Lebens gewesen sein.

"Ja-ha" dringt von hinten aus der Wohnung und Sabine Malzahn atmet ein wenig kräftiger aus. Alles in Ordnung mit Ingeborg Heymann. Die 88-Jährige lebt noch in ihren eigenen vier Wänden, "hier bekommt mich auch keiner raus", sagt sie lachend. Viel hat sie hier erlebt, mit ihrem Mann und ihrem Sohn, inzwischen leben beide nicht mehr, "ich bin die letzte", sagt sie nüchtern. Das vergisst sie nicht, anderes allerdings schon.

Frau Heymann leidet an Demenz. Sie lebt im Augenblick, und der heißt für sie jetzt: Sabine Malzahn. Mehr als eine Stunde wird die Pflegekraft bei ihr sein: Aufräumen, Saugen, Einkaufen, Zubereitung einer Mahlzeit und eine große Körperpflege stehen an. Erst einmal entsorgt Sabine Malzahn die halb aufgegessenen und dann vergessenen Mahlzeiten. Eklig findet sie das nicht. Die Pflegerin hat nur wenig Berührungsängste: "Zimperlich darf man für den Beruf nicht sein." Nur bei Erbrochenem ist für sie die Schmerzgrenze erreicht, da muss auch sie die Luft anhalten.

10.15 Uhr

Im Supermarkt sind die Griffe eingespielt. "Ich brauche eigentlich gar nichts Neues zu probieren, das isst sie sowieso nicht", sagt Sabine Malzahn und greift ohne hinzuschauen nach Frau Heymanns Lieblings-Knäckebrot. Und natürlich Bananen, Frau Heymanns Lieblingsobst. Mit drei Tüten geht es zurück zur Wohnung. Dort muss Sabine Malzahn die Ausgaben ins Haushaltsbuch eintragen, auspacken, ein Schälchen frische Erdbeeren zubereiten.

Ich habe schön Zucker drübergemacht", ruft sie Frau Heymann zu. Und die lächelt – süß muss es schon sein bei ihr. Dann greift Sabine Malzahn zum Staubsauger, immer den Knäckebrotkrümeln nach. Sabine Malzahn kommt schon seit vielen Jahren zu Frau Heymann, und sie kommt gern. Besonders schön ist es, wenn Frau Heymann von früher erzählt, dem Berlin der Nachkriegsjahre, dem Berlin der Jahre des Kalten Kriegs.

Die beiden sind miteinander vertraut, auch wenn sie immer beim Sie geblieben sind. "Nein, Duzen, das ist nichts", sagt die Pflegerin. Am Anfang habe sie sich schon mal drauf eingelassen, wenn Kunden ihr das Du angeboten hatten, aber das sei nicht gut gegangen. Die Anspruchshaltung sei gestiegen und Sabine Malzahn hat sich gefühlt, wie ein Mädchen für alles, über das man frei verfügen könne. " Distanz zu wahren ist wichtig", weiß Sabine Malzahn.

11 Uhr

Als Frau Heymann später vor ihren zuckersüßen Erdbeeren sitzt, hat Sabine Malzahn noch zwei Kunden vor sich. Für sie ist es ein ruhiger Tag. Manchmal macht sie auch 14 Besuche, je nachdem, was ansteht: "Kein Tag ist wie der andere". Aber heute gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Am Mittag wird sie mit einem guten Gefühl ihr Diensthandy in der Sozialstation abgeben.

Die Sorgen nimmt sie nicht mit nach Hause. Das habe sie über die Jahre gelernt: Mit vollem Einsatz kümmert sie sich um die Menschen, wenn sie bei ihnen ist, aber sie will sich nicht vorstellen, was alles passieren könnte, wenn sie die Tür hinter sich schließt. Das würde nur Kraft rauben. Kraft, die sie für ihren Beruf braucht.

Sorgen macht sich Sabine Malzahn um die Anerkennung ihres Berufes. "Die Leute glauben, das kann jeder", aber das sieht sie anders. Viele seien zu zimperlich und könnten nicht mit Menschen umgehen, aber ohne das gehe es nicht. Mehr Anerkennung würde sie sich auch finanziell wünschen. 8,75 Euro verdient sie in der Stunde, brutto, das entspricht dem Mindestlohn.

Trotzdem, wenn Sabine Malzahn die Uhr noch einmal zurückdrehen würde, dann würde sie wieder ihren Beruf wählen. "Ich glaube, ich kann das richtig gut", sagt sie. Und wichtig findet sie ihn auch. Manchmal denkt sie daran, wie es wird, wenn sie selbst einmal alt und gebrechlich ist. Sie ist verheiratet, hat aber keine Kinder. Später wird sie selbst einmal auf Pflegekräfte angewiesen sein. Auf Menschen wie sie.

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