12.07.12

Trend

Prinzessinnen und Baggerfahrer

Spielen Mädchen anders als Jungen? Im Kinderzimmer jedenfalls herrscht oft Geschlechtertrennung

Foto: Annemarie Ballschmiter
Andrea, Olivia und all die anderen: Die Lego-Frauen haben eine eigene Welt. Eine ziemlich rosafarbene
Andrea, Olivia und all die anderen: Die Lego-Frauen haben eine eigene Welt. Eine ziemlich rosafarbene

Das rothaarige Mädchen in Jeanslatzhose hält sein buntes Bauwerk in die Kamera. Irgendetwas, das aussieht wie ein Flugzeug. Neben ihr hockt ihr älterer Bruder. Dem Lächeln der beiden nach zu urteilen, platzen sie fast vor Stolz. So warb Lego Anfang der 80er-Jahre für seine Bausteine. Auch in anderen Anzeigen sah man Jungen und Mädchen zusammen mit demselben Spielzeug. Das sollte altersgerecht sein, nicht aber geschlechtsspezifisch.

Dann kam Prinzessin Lillifee und brachte die Farbe Rosa über die Mädchenkinderzimmer. Und zwar über so gut wie alle. Mittlerweile ist in Elternkreisen gar vom "Terrorregime" der Kinderbuchfigur die Rede. Sie ist halb Prinzessin, halb Fee und lebt in einem Blütenschloss im Garten des Zauberlandes Rosarien. Um sie herum existiert eine ganze Welt aus Merchandising-Produkten vom Federmäppchen bis zum Teeservice. Seitdem kleiden sich Mädchen zwischen drei und sieben wie kleine Blütenfeen, leben in rosaroten Reichen und spielen mit lillifeefarbenem Spielzeug. Sicher, Barbies gab es schon lange vorher, aber das Phänomen, dass sich Mädchen ab einem bestimmten Alter ausschließlich mit rosafarbenen Dingen umgeben wollen, ist relativ neu. Die Tendenz, dass die Spielzeugabteilungen der Kaufhäuser strikt nach Geschlechtern (und damit auch klar nach Farben) getrennt sind, ist erst ein paar Jahre alt.

Kinder fürchten Individualität

Dabei war Rosa mal eine Jungsfarbe, wie allein ein Blick etwa auf Elvis Presleys Anzüge zeigt. Erst seit den 60er-Jahren wurde Blau, bis dahin die Farbe der Jungfrau Maria und damit der Frau an sich, auf einmal mit Uniformen und Arbeitsanzügen konnotiert und somit der männlichen Sphäre zugerechnet.

Dabei lernen Kinder erst im Alter von circa vier Jahren, dass es zwei Geschlechter gibt. Ab da gilt es, sich anhand von Outfit und Spielzeug voneinander abzugrenzen – und dabei auch zu übertreiben. Den Rest erledigt der Gruppenzwang, denn nichts fürchten kleine Kinder so sehr wie Individualität. Aber auch das Spielverhalten entwickelt sich in diesem Alter in verschiedene Richtungen. "Ab einem gewissen Alter unterscheiden sich die Neigungen von Jungen und Mädchen", so Lego-Sprecherin Helena Seppelfricke. "Mädchen bauen zwar auch mit Steinen, spielen aber zusätzlich auch gern miteinander in Rollenspielen." Deswegen hat der Spielzeughersteller neben der seit ein paar Jahren erhältlichen "Mädchensteine-Box" mit Steinen in vermeintlichen Mädchenfarben ("Baue all deine Träume in Rosa und Pink!") nun eine spezielle Serie herausgebracht: "Friends". Sie besteht aus fünf Freundinnen, die in der fiktiven Stadt Heartlake City leben. Die Figuren sind konturierter und detailreicher als die herkömmlichen, etwas quadratschädeligen Lego-Männchen. Auch beim Hersteller Playmobil will man herausgefunden haben, dass Mädchen anders spielen: "Und zwar viel integrativer und beziehungsorientierter als Jungs in ihrem Alter", so Pressesprecherin Judith Weingart. "Dazu passen Themen wie Puppenhäuser oder Prinzessinnenschlösser eben besser als andere." Deswegen bringt das Spielzeugunternehmen demnächst ein in Pink und Rosa gehaltenes Ferienhotel heraus.

Klischees werden zementiert

Das wäre alles gar kein so großes Problem, läge nicht der Verdacht nahe, damit würden vor allem Geschlechterklischees zementiert. Zudem kommen einem die Möglichkeiten, die Mädchen in Spielwelten wie "Heartland" angeboten werden, ein wenig beschränkt vor: Wenn sich Olivia nicht gerade dem Backspaß hingibt oder Emma im Schönheitssalon steht, schlürfen die Freundinnen Milchshakes auf der Sonnenterrasse des Cafés.

"Jungs gehen raus ins feindliche Leben und erobern die Welt und beschützen die Prinzessinnen, die zu Hause auf sie warten", fasst die Kölner Professorin für Gender und Design, Uta Brandes, die im Spielzeug auftauchenden Geschlechter-Stereotype zusammen. "Damit wären wir zurück in der bürgerlichen Idylle des %19. Jahrhunderts." Sicher geht die Rosaphase früher oder später vorüber, aber es besteht Grund zur Annahme, dass die in der Kindheit eingeübten Rollenmuster noch im Erwachsenenleben aus dem Hintergrund wirken. Ein Befund, den wiederum Lego mit seiner speziell auf Männer zugeschnittenen Kampagne zu bestätigen scheint: Mit Claims wie "Weil Männer etwas bewegen wollen" bewirbt die Spielzeugfirma seit drei Jahren einzelne, ursprünglich für Jungen gedachte Produkte gezielt bei Erwachsenen. Da gibt es Bauwerke wie den Big Ben in realitätsgetreuen, weil von Architekten entwickelten Miniaturversionen zum Nachbauen. Oder für besonders jung gebliebene Männer den 120 Zentimeter langen Star-Wars-Super-Sternenzerstörer mit 3000 Teilen zum Preis von knapp 400 Euro. Das Resultat: Mehr als 15 Prozent der Lego-Produkte im Bereich Technik werden mittlerweile von Männern gekauft – für sich selbst.

Gesellschaftliche Tendenzen

Nach Meinung von Designforscherin Brandes greift die Industrie jedoch nur bereits vorhandene gesellschaftliche Tendenzen auf. Darauf weisen auch die bis zu 200 Briefe von Kindern hin, die monatlich bei Playmobil eintreffen. Die Entwicklung des Playmobil-Ferienhotels war eine direkte Reaktion auf den Spielzeugwunsch vieler Mädchen. Eltern müssen ihren dreijährigen Jungen nicht einmal mit den Worten "Das ist doch nur etwas für Mädchen" aus der Puppenecke des Spielwarenladens zerren, um Einfluss aufs Spielverhalten zu nehmen. Vielmehr seien unbewusste Mechanismen am Werk: "Arbeitende Frauen erklimmen mittlerweile hohe gesellschaftliche Positionen. Viele Männer jedoch haben sich nicht in der gleichen Weise entwickelt und noch immer ein Problem damit, dass Frauen in immer mehr ehemals rein männliche Sphären vordringen." Deswegen, so Brandes, fingen einige Mütter an, sich mittels ihres Erscheinungsbildes zu verniedlichen – etwa über Kleidung, die eindeutig weiblich kodiert ist. Was sich wiederum in der Erscheinung der Töchter spiegele. Die Botschaft lautet: "Eigentlich bin ich ganz harmlos." Parallel zur flächendeckenden Rosafärbung des Mädchenspielzeuges lässt sich eine zunehmende Martialisierung von Spielsachen für Jungen feststellen, vorherrschende Themen sind hier Roboterkrieg und die Eroberung des Weltraums. "Wenn Väter mit ihren Söhnen spielen, ist das oft sehr action- und abenteuerbetont. Es soll als Vorbereitung auf das feindliche Leben da draußen dienen", so Brandes.

Bei Lego bestreitet man, dass das geschlechtsspezifische Spielzeug den Kindern allzu rigide Vorgaben macht, Kinder sollten ihre eigenen Welten bauen. Mit backender Olivia, Lego-Polizist und Ninja-Kämpferin. Pinktöne, das haben Untersuchungen in Gefängnissen und Schulen gezeigt, wirken beruhigend und aggressionshemmend. Ein weiterer Grund, Kinder öfter mal wieder mit demselben Spielzeug spielen zu lassen.

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