11.07.12

Gesundheit

Schreckmoment mit Happy End

Ein Armbruch ist meist kein Drama. Doch Lara (4) konnte plötzlich ihre Hand nicht bewegen

Foto: Massimo Rodari
Massimo Rodari
Arzt und Patientin: Lara (4) hatte sich beim Turnen ihren linken Arm gebrochen und konnte ihre Hand danach nicht mehr bewegen. Professor Sinis operierte sie

Lara turnt am Geländer. Mit beiden Händen hält sich die Vierjährige fest und lässt sich nach hinten fallen. Sie lacht. Ihre Mutter Ivonne beobachtet sie mit einem Lächeln, aus dem ein bisschen Stolz spricht und sehr viel Erleichterung. Denn bis vor ein paar Wochen hätte Lara diese Übung nicht geschafft. Mit ihrer linken Hand konnte sie nach einem Unfall nicht mehr richtig greifen, nichts heben, sich nicht festhalten. Erst eine komplizierte Operation im Mai machte ihre Hand wieder voll funktionsfähig.

Dabei war Lara bis zum 7. Februar immer in Bewegung. Kletternd, turnend, tobend. Und weil sich ihre kleine Tochter so gern bewegte, hatte die Mutter sie zum Sportunterricht angemeldet, "ganz normales Kinderturnen", sagt sie. Es wurde dann auch ganz normal geturnt. Und trotzdem stürzte Lara dabei so sehr, dass sie sich den Arm brach. Wie sie genau stürzte, ist bis jetzt noch nicht geklärt, ein Kasten spielte wohl eine Rolle und ein Stolperer, nichts Spektakuläres jedenfalls.

Der Arm wurde dick, mit dem Rettungswagen wurde Lara ins Krankenhaus gefahren. Dort wurde der gebrochene Arm bei einer Operation mit Drähten stabilisiert und danach eingegipst. Alles ganz normal so weit. Denn Arm- und Beinbrüche sind bei Kindern keine Seltenheit: Mehr als 41.000 "Brüche der Extremitäten" wurden bei Ein- bis 14-Jährigen in Deutschland 2010 im Krankenhaus behandelt, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Bei den meisten Kindern heilte der Bruch ohne Folgen wieder zusammen. Bei Lara kam es anders.

Drei unbewegliche Finger

Als dreieinhalb Wochen später der Gips abgenommen wurde, kam Laras Mutter der Verdacht, dass vielleicht doch nicht alles so normal war. Lara konnte nicht mehr richtig greifen. "Sie hatte keine Kraft im Arm", sagt Ivonne. Mithilfe einer Physiotherapie habe sich die Hand mit der Zeit etwas gebessert, erzählt die Mutter, "Daumen und Zeigefinger konnte sie wieder benutzen". Die anderen drei Finger habe ihre Tochter aber weiter nicht bewegen können, "sie hatte eine Krallenhand".

Die Diagnose änderte Laras Leben. Das früher so bewegungsfreudige Mädchen wurde immer vorsichtiger. Beim Spielen konnte sie oft nicht mehr mitmachen – und traute sich auch immer weniger zu. Einen Ball konnte sie mit nur einer Hand nicht fangen, also saß sie bei Ballspielen oft am Rand. Und auch im Alltag kam Lara deutlich schlechter zurecht als vorher. "Sie konnte Messer und Gabel nicht mehr richtig benutzen", sagt ihre Mutter.

Irgendwann glaubte Ivonne nicht mehr daran, dass sie einfach nur Geduld haben und die Physiotherapien abwarten müsste. Auf dem Ultraschallbild sah zwar alles gut aus – aber weil Laras Mutter immer wieder darauf hinwies, dass sich die Beweglichkeit der Hand nicht besserte, wurde sie in die Charité überwiesen, "zur Nervenmessung", sagt Ivonne. Und dort stellte sich heraus: Die Nervenbahnen waren unterbrochen.

So kam Lara im April schließlich in die Sprechstunde von Professor Nektarios Sinis am St. Marien Krankenhaus in Lankwitz. Der Chefarzt der Klinik für Plastische, Hand- und Rekonstruktive Mikrochirurgie ist Experte für Verletzungen des "Plexus brachialis", also des Nervengeflechts des Arms. Er stellte fest, dass die Nerven, die beim Beugen und Strecken eigentlich über den Ellbogenknochen gleiten sollen, im Narbengewebe verwachsen waren und damit die Muskeln der Hand nicht mehr versorgen konnten.

Eine komplizierte, lange Operation stand an: In ein Kunstvlies aus Collagen würde er den Nerv bei der Operation einnähen, erklärte er der Mutter, um so die Gleitfähigkeit wieder herzustellen. Danach könnten die Nerven ihre Aufgabe wieder übernehmen. Verletzungen wie an Laras Arm gebe es häufig bei Verkehrsunfällen – und während der Geburt, wenn der Arm durch die Kräfte, die während der Wehen auf das Baby wirken, überdehnt wird.

Nach dem Gespräch mit dem Arzt saßen Laras Eltern lange zusammen und diskutierten über die Operation. Einerseits die Frage: Wollten sie ihrer Vierjährigen wirklich eine so lange Operation mit Vollnarkose zumuten? Was, wenn doch etwas schiefgeht? Wäre dann der jetzige Zustand nicht das kleinere Übel?

Andererseits: Sollte ihre kleine Tochter mit einer solchen Einschränkung aufwachsen, wenn das doch gar nicht sein musste? Und eine Einschränkung wäre es auch bei jahrelangen Physiotherapien wohl geblieben. Professor Sinis ist überzeugt: "Ein Handwerk hätte das Kind nicht erlernen können."

Schließlich sagten die Eltern zu – und kurz vorher wieder ab. Zu groß war die Angst vor der Operation. In langen Gesprächen erklärte der Arzt den Eltern noch einmal, was genau er vorhatte – und im Mai wurde Lara dann doch operiert. "Wir wussten, dass wir die Entscheidung nicht mehr lange aufschieben können", sagt ihre Mutter. Denn die Operation musste spätestens ein halbes Jahr nach dem Unfall stattgefunden haben. "Und vier Monate waren ja schon vergangen."

Fünf Stunden Operation

An den Moment, als ihre Tochter in den Operationssaal gerollt wurde, denkt Ivonne nicht gern zurück. Fünf Stunden dauerte es, bevor sie den Anruf bekam: "Ihre Tochter ist aufgewacht." Und so richtig verschwanden ihre Sorgen erst, als sie schließlich an Laras Bett saß – und die Vierjährige die Hand hob und sagte: "Guck mal, Mama, ich kann Klavier spielen." Die OP war geglückt: Alle Finger ließen sich bewegen.

Seither wird Laras Hand jeden Tag ein Stück beweglicher – und die Vierjährige wieder so waghalsig wie vor dem Unfall. "Vor der Operation war sie sehr vorsichtig", erinnert sich ihre Mutter und fügt trocken hinzu: "Danach nicht mehr."

Lara fährt Fahrrad, Laufrad, springt auf die Schaukel, schlägt Purzelbäume, alles, was Vierjährige eben so tun. Ihre Mutter versucht nicht, sie zu bremsen: "Wenn ich ängstlicher wäre, würde sie das übernehmen. Ich will, dass sie ihren Lebensmut behält", sagt sie.

Zur Physiotherapie muss Lara trotzdem weiter, und auch regelmäßig zur Kontrolle beim Arzt. Das lässt sie mehr oder minder geduldig über sich ergehen. Eigentlich aber will sie gar nicht mehr über ihre Hand nachdenken. Schließlich gibt es in den nächsten Monaten viel aufregendere Ereignisse in der Familie: Im September bekommt sie ein Geschwisterkind.

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Tipps zum Vorbeugen
  • Häufigkeit

    Mehr als 41.000 Kinder bis 14 Jahren werden jedes Jahr wegen Brüchen der Extremitäten behandelt. Am häufigsten brechen sich die Fünf- bis 14-Jährigen Arm oder Bein.

  • Unfallorte

    Die meisten Unfälle passieren im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause. Unfälle im Straßenverkehr sind zwar seltener, aber dafür besonders gefährlich: 40 Prozent der tödlichen Unfälle bei Kindern waren im Jahr 2010 „Transportmittelunfälle“. Zu Hause verletzen sich Kinder vor allem bei Stürzen oder bei Zusammenstößen, gefolgt von Verletzungen durch spitze Gegenstände und Einklemmen (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder).

  • Vorbeugung

    Unfälle lassen sich nicht völlig vermeiden. Wer sein Kind auch Sicherheitsgründen im Haus behält, tut ihm keinen Gefallen. Kinder, die sich regelmäßig bewegen, sind motorisch sicherer und haben deshalb seltener Unfälle. Aber Eltern können einiges dazu beitragen, dass ihre Kinder beim Sport und in der Freizeit sicher unterwegs sind. So können sie zu Hause Stolper- und andere Gefahrenquellen aufspüren und beseitigen. Beim Sport sollten Kinder die empfohlene Schutzausrüstung tragen. Weitere Tipps: www.kindersicherheit.de

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