10.07.12

Partnerschaft

Lärm versus Liebe

Wenn der Partner schnarcht, kann das zu Streit führen – oder zu getrennten Betten

Foto: Denkou Images
Mann schnarcht, Frau hält sich die Ohren zu
Gewöhnungssache: Schnarchen ist zwar nervig, aber zusammen in einem Bett schlafen, ist laut einer US-Studie trotzdem gesund

Männer und Frauen passen im Bett angeblich nicht zusammen. Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, nebeneinander zu schlafen. Ständig sind dazu Studien nebst vermeintlich ausgeschlafenen Ratschlägen zu lesen. So riet kürzlich der "Seniorenratgeber" – eine der Zeitschriften, die in Apotheken ausliegen – älteren Menschen zu getrennten Schlafzimmern. Begründung: Schnarchende Männer raubten ihren Frauen im Schnitt anderthalb Stunden Schlaf pro Nacht. Dazu hätte eigentlich noch die sonst so gern erzählte Geschichte von Helmut und Loki Schmidts langer Ehe gepasst, von der es heißt, ihr Geheimnis seien separate Schlafzimmer gewesen.

Ein Elend, diese Berichte. Denn sie unterschlagen, dass sich Leiden im Dienste der Beziehung lohnen kann – wie ein befreundetes Paar kürzlich auf die alten Tage erkannte. Ferdinand und Franziska D., beide in den Fünfzigern, hatten jahrelang in getrennten Zimmern geschlafen, weil er notorisch die Nächte "zersägte". Als die Kinder des Paars auszogen, fanden die beiden noch einmal zueinander. "Ich habe mich einsam gefühlt und wollte ihn wieder neben mir", erzählt Franziska. Ihre Bilanz: "Das hat ziemlichen Schwung in unser Liebesleben gebracht."

Frauen reagieren sensibler

Und damit zurück zu all den Studien zum Thema. Besonders oft zitiert werden jene der Wiener Verhaltensbiologen um John Dittami. Demnach reagieren Frauen im Schlaf viel sensibler als Männer auf die Anwesenheit eines Bettpartners und damit verbundene Geräusche. Männer dagegen nächtigen tiefer, wenn ihre Liebste neben ihnen schlummert.

Gründe für die Unterschiede im Schlafprozess ortet John Dittami in der Evolution. "Der Mann reagiert auf den Paarschlaf wie auf den Schlaf in einer Gruppe", so der Forscher. Er fühlt sich sicher und entspannt sich mehr. Frauen dagegen seien trainiert, nachts zu reagieren, sollte Gefahr im Verzug oder ein Kind zu versorgen sein. "Sie reagieren auf Bewegungen des Mannes, als wäre es ein Kind, das gefüttert werden muss", sagt Dittami. Dass Mann und Frau nachts anders ticken, heißt für ihn allerdings nicht, dass sie unbedingt getrennt schlafen sollten: "Frauen genießen den Mann neben sich, auch wenn es sie Minuten oder gar Stunden Schlaf kostet."

Gut möglich, dass sich diese Duldsamkeit sogar positiv auf die Gesundheit auswirkt. So vermuten Forscher, Paare lebten deshalb länger als Singles, weil sie sich ein Bett teilen. Gerade erst wurde dazu wieder eine ältere Studie der Pittsburgher Schlafforscherin Wendy Troxel irgendwo zitiert. Demnach schlafen Frauen in Langzeitbeziehungen deutlich besser als Singles – und haben wohl deshalb weniger vom Stresshormon Cortisol im Blut. "Wie jemand schläft, spielt eine entscheidende Rolle dafür, ob jemand einen Herzinfarkt bekommt oder psychisch erkrankt", so Troxel.

Romantische Erotik des Bürgertums

Tatsächlich hat es auch gesundheitliche Gründe, dass Ferdinand und Franziska wieder in einem Bett schlafen. Dabei geht es jedoch nicht um ihr, sondern um sein Wohlbefinden. So wurde Ferdinand wegen seines Schnarchens medizinisch behandelt, mit Verdacht auf eine sogenannte Schlaf-Apnoe, bei der die Luftzufuhr für viele Sekunden aussetzt. Dass kann lebensgefährlich werden. "Nun, da ich neben ihm schlafe, habe ich ein Gefühl dafür, ob es Ferdinand gut geht", sagt Franziska.

Zusammen in einem Bett zu schlafen ist historisch gesehen eine moderne Sache. Zwar schliefen Menschen seit der Urzeit in Gruppen, aber erst nachdem Privatheit und Intimität sozial akzeptiert waren, kam das Paarschlafverhalten im Ehebett in Mode. Genauer: im Biedermeier Anfang des 19. Jahrhunderts, als das Bürgertum erstarkte und romantische Erotik als Wert aufkam – und mit ihm das Bett für zwei.

Es ist für Mann und Frau also keinesfalls naturgegeben, nebeneinander zu schlafen. Aber sie können es lernen, wie der US-Soziologe Paul Rosenblatt in seinem Buch "Two in a Bed: The Social System of Couple Bed Sharing" erklärt. Rosenblatt erkundigte sich bei 40 Pärchen nach ihrer Koordination im Kingsize-Bett. Manche erzählten vom Deckenkampf, vom Streit ums offene Fenster und die perfekte Schlaftemperatur. " Aber die meisten Paare lachen darüber", so der Soziologe.

Mit Humor als verbindendem Element entwickeln sie ein System für die gemeinsame Nacht, der Rest ist Routine. Die besteht darin, "wie sie zu Bett gehen, was sie tun, wenn sie dort sind, wie sie einschlafen und aufwachen".

Deutung der Schlafposition

Wissenschaftler haben sogar untersucht, wie genau Paare zusammen nächtigen. Liegt das Paar etwa Po an Po, handele es sich um starke Charaktere, so US-Forscher Mark Goulsten. Da vereint sich Intimität mit Unabhängigkeit. Schläft das Paar in der Löffelchen-Stellung ein, weist das auf Vertrautheit und ein intensives Wirgefühl hin. Schließlich gibt es noch die Schutzengel-Stellung, bei der ein Partner dem anderen den Arm um die Schulter legt. Das ist etwas für die Phase intensiver Verliebtheit.

Nebeneinander schlafen bringt Nähe – wie Franziska D. bestätigt. "Da ist jetzt viel mehr Vertrauen", sagt sie. Trotz des Schnarchens. Auch der Regensburger Professor Jürgen Zulley, bekannt als Schlaftrainer und Autor etlicher Bücher zum Thema, kann nachweisen, dass die Schlafqualität für zwei Partner im gemeinsamen Bett nicht gleich gut ist – und kennt doch noch eine andere Dimension: das Verhältnis von geschlafener Zeit zu der Zeit, die man im Bett verbracht hat. Wer hier gute Werte erreiche, schlafe gut. Anders gesagt: Wichtig ist, dass es im Bett klappt.

Das hat wiederum Auswirkungen auf den Schlaf. Die Wiener Forschungsgruppe um den Verhaltensbiologen John Dittami hat herausgefunden, dass Paare besser schliefen, wenn sie vorher miteinander Sex hatten. "Das wirkt sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern positiv auf den Schlaf aus", so der Professor. Zusammen die Nacht zu verbringen drängt sich noch aus einem anderen Grund auf: Es ist so gut wie unmöglich, ein Pärchen-Hobby zu finden, bei dem man mehr Zeit miteinander verbringt

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Gesunder Schlaf
  • Schnarchen

    Etwa 60 Prozent der Männer, 40 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Kinder schnarchen. Ursache ist eine Blockade der Atemwege, die unterschiedliche Gründe haben kann. Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an Schlafstörungen. Das kann im Extremfall krank und laut Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm („Die Schlafmangel-Fett-Falle“, Systemed Verlag) auch dick machen.

  • Schlafhygiene

    Für einen gesunden Schlaf ist laut Interdisziplinärem Schlafmedizinischen Zentrum der Charité wichtig:

    - abends keine vollen Mahlzeiten. Milchprodukte enthalten das schlaffördernde Tryptophan

    - drei bis vier Stunden vorher kein Koffein oder Alkohol

    - regelmäßiger Sport, allerdings nur bis sechs Stunden vorher

    - ein dunkler, gut gelüfteter Raum

  • Doppelbett

    Wenn Paare in einem Bett schlafen, leben sie gesünder, selbst wenn einer schnarcht. Das fanden Wissenschaftler der University of Pittsburgh heraus. Grund ist ein niedriges Level des Stresshormons Cortisol.

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