Veranstaltung
Reise in das Land des Lesens
Bei den "Berliner Bücherinseln" lernen Grundschüler Literatur kennen - und die Menschen und Berufe hinter den Büchern
Die Fahrt von der Lützowstraße in Tiergarten-Süd bis in die Belziger Straße in Schöneberg dauert knapp eine halbe Stunde. Etwas länger, wenn man den Fußweg zur Bushaltestelle hinzurechnet und dieser von knapp 20 quirligen Schülerinnen und Schülern bewältigt werden soll. So wie an diesem sonnigen Frühlingstag. Gleich frühmorgens hat sich die Klasse 4a der Allegro-Grundschule aufgemacht, eine Lesung in der Schöneberger Kinder- und Jugendbuchhandlung "Purzelbuch" zu besuchen. Es ist mehr als eine Fahrt von Stadtteil zu Stadtteil: Es ist eine Reise in eine andere Welt.
"Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy" heißt das Buch, das den Kindern in der Buchhandlung präsentiert wird. Die Vorstellung übernimmt Brigitte Jakobeit. Sie hat das Kinderbuch von Eoin Colfer aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und möchte den Kindern nicht nur die spannende Geschichte, sondern auch ihren Beruf näherbringen. Dafür versucht sie erst einmal, ihr junges Publikum in Bann zu ziehen – mit einem Ausschnitt der Erzählung. Darin werden zwei Brüder von ihrem Vater gezwungen, in den Sommerferien regelmäßig eine Bibliothek zu besuchen, damit sie sich nicht nur Streiche ausdenken, sondern auch mal "was Sinnvolles" unternehmen. Aus der Abwehr der Jungs gegen die vermeintlich langweilige Beschäftigung und die unheimliche Bibliothekarin namens Knolle Murphy entwickelt sich eine Leidenschaft für das Lesen – und eine Freundschaft zu der eigenwilligen Herrin über die Bücher.
Nicht alles wird übersetzt
"She looked surprised and angry at the same time…", liest Brigitte Jakobeit aus dem Originaltext über die erste Begegnung der Brüder mit Knolle Murphy. Über die Jungen heißt es: "We looked like two frightened monkeys." Drei Schüler aus der ersten Reihe lachen. Sie haben im Englischunterricht offenbar gut aufgepasst und verstehen die Botschaft. Dann wechselt Brigitte Jakobeit in die deutsche Übersetzung. Überrascht und ärgerlich zugleich habe Knolle Murphy ausgesehen, heißt es dort – während sich die Brüder aneinanderklammerten "wie zwei verschreckte Äffchen." Etwa eine halbe Stunde lang liest Brigitte Jakobeit vor, die Mädchen und Jungen hängen an ihren Lippen. Sie lachen über die "Käferaugen" der Bibliothekarin, bangen mit Tim, als dieser verbotenerweise den Teppich im Kinderbereich der Bücherei verlässt – und freuen sich mit ihm, dass Mrs Murphy, als sie Tim erwischt, ihm kein Knollengesicht verpasst. Stattdessen bietet sie ihm die Freundschaft an – und einen Leseausweis für alle Werke in der Bibliothek. Batuhan springt spontan auf und ruft: "Ich finde, Sie haben das sehr toll gelesen! Und wer das auch findet, der klatscht jetzt ganz laut!" Er fängt begeistert an, seine Mitschüler stimmen ein.
Brigitte Jakobeit lächelt, Ulrike Nickel auch. Sie ist Initiatorin der "Berliner Bücherinseln", in deren Rahmen die Lesung im "Purzelbuch" stattfindet. Zum vierten Mal sind noch bis Mitte Juni Grundschüler eingeladen, Experten aus der Welt der Bücher an literarischen Orten zu treffen: Schriftsteller und Illustratoren, Lektoren und Verleger, Bibliothekare und Buchhändler – und Übersetzer. "Ihnen verdanken wir den kulturellen Reichtum und die literarische Vielfalt", sagt Ulrike Nickel. "Gerade Kinder ausländischer Herkunft finden über solche Kontakte einen guten Zugang zu Büchern, denn sie erinnern daran, dass jede Sprache eine besondere ästhetische Schönheit besitzt."
Den Kindern wird das nach und nach bewusst, indem Brigitte Jakobeit sie auf Unterschiede in der englischen und deutschen Fassung aufmerksam macht. "Habt ihr überhaupt gemerkt, dass das ein übersetztes Buch war?", fragt sie in die Runde. "Na ja… die Bibliothekarin heißt Murphy…", überlegt Batuhan laut. "Richtig, oft merkt man an den fremden Namen, dass ein Text aus einem anderen Kulturkreis stammt", sagt Brigitte Jakobeit und nickt. Sie erklärt, dass sie nicht einzelne Wörter, sondern ganze Sätze übersetzt, damit alles einen Sinn ergibt. Dass es leichter ist, gute Texte als schlechte zu übersetzen, weil sie nichts verbessern, aber trotzdem einen schönen Text schaffen will. Dass man auch mal Details in der Originalsprache belassen sollte, damit das Typische erhalten bleibt. "Man sollte also 'Fish and Chips' besser nicht mit 'Bratwurst mit Pommes' übersetzen", gibt sie ein Beispiel. Auch dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, etwas in Deutsche zu bringen, zeigt Brigitte Jakobeit den Kindern auf. "Der wichtigste Teil meiner Arbeit ist, Entscheidungen zu treffen", sagt die Hamburgerin, die bereits an die 50 Bücher übersetzt hat, darunter den Beststeller "Die Frau des Zeitreisenden".
Vom Schreibtisch in den Laden
Auch für die ganz praktischen Seiten des Berufs interessieren sich die Kinder. "Wie lange haben Sie gebraucht, um Englisch zu lernen?", will Jasmin wissen. Berru interessiert sich dafür, ob Brigitte Jakobeit Geld für ihre Arbeit bekommt – und wenn ja, wie viel. Sie werde pro Manuskriptseite bezahlt, erklärt die Übersetzerin, und 19 Euro pro Kinderbuchseite sei ein guter Preis. Spannend finden die Schüler, dass Brigitte Jakobeit regelmäßig in englischsprachige Länder reist und dort recherchiert, um die Sprache nicht zu verlernen und regionale Besonderheiten zu erfahren. Und dass sie nur an Büchern arbeitet, die ihr gefallen. "Einen Roman für Erwachsene zu übersetzen dauert manchmal vier bis fünf Monate", erzählt Brigitte Jakobeit. "Wenn einem der Text nicht gefällt, kann man über eine so lange Zeit trübsinnig werden."
Dass die vierte Klasse auch etwas über den Weg eines Manuskripts von Brigitte Jakobeits Schreibtisch bis in die Buchhandlungen erfährt, dafür sorgt die Übersetzerin gemeinsam mit der Inhaberin von "Purzelbuch", Ulrike Hasenfuß. Die Buchhändlerin schleppt die Pakete an, in denen sie die Verlagsvorschauen und Leseexemplare bekommt, und die großen Bücherkisten aus Plastik, in denen der Bücherwagendienst die bestellte Ware nachts anliefert. "Die neuen Bücher kommen ins Schaufenster oder auf einen Extratisch", sagt Ulrike Hasenfuß. "Der steht normalerweise dort, wo ihr gerade sitzt."
Die Kinder schauen sich um. Sie sind umgeben von 4000 Büchern: kleinen, großen, dicken, dünnen, schwarz-weißen und kunterbunten. Viele Exemplare sind aus Papier, manche aus Pappe, einige wenige aus Holz oder Plastik. Sie sind geschrieben für Babys, Kleinkinder, Kinder im Kitaalter, Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene. Es ist eine ganz eigene Welt, in die sie da gereist sind, stellen die Kinder fest. Eine Welt aus Wörtern, Illustrationen, Fotos, Geschichten. Ihre ganz persönliche Bücherinsel.
Nur zu gern nimmt die Klasse einige Exemplare der "Knolle Murphy"-Bände zum Weiterlesen mit. Vielleicht wird es ja einigen Kindern so gehen wie den Brüdern im Buch, die durch den Besuch in der Leihbücherei zu echten Leseratten wurden.
Initiatorin Ulrike Nickel ist schon jetzt zufrieden. "Keine Frage: Das Buch ist vom Inhalt her ein guter Botschafter. Aber durch das Reden darüber ist noch mehr passiert. Die Kinder verstehen nun, wie viel Arbeit in einem Buch steckt. Das erzeugt Respekt."


















