19.05.12

Familie

So wartete eine Berlinerin auf ihr Pflegekind

Mit eigenem Nachwuchs hat es bei Veronica Hamer (41) nicht geklappt. Nun bereitet sie sich auf das Leben mit einem fremden Kind vor.

Von Anette Nayhauß
Foto: The Image Works / VISUM
Leben mit einem fremden Kind: Was kommt auf die Pflegemutter zu?
Leben mit einem fremden Kind: Was kommt auf die Pflegemutter zu?

Veronica Hamer wusste immer, dass sie Kinder will. Ein leibliches Kind hatten ihr Mann und sie sich vorgestellt, dazu ein Adoptivkind. Mit dem leiblichen klappte es nicht, und aus einer Adoption würde jetzt wohl auch nichts mehr werden: Veronica Hamer ist 41, ihr Mann und sie leben seit eineinhalb Jahren nicht mehr zusammen. "Nach der Trennung wollte ich nicht versuchen, noch schwanger zu werden" sagt sie. "Ich hatte schon von dem Gedanken Abschied genommen, ein leibliches Kind zu bekommen. Dahin muss man sich selbst bringen – und diesen Weg wollte ich nicht wieder zurückgehen."

Jetzt also ein Pflegekind. "Das klingt vielleicht so, als hätte ich meine Vorstellungen immer niedriger geschraubt: Erst wollte ich ein leibliches Kind, dann ein Adoptivkind, nun ein Pflegekind", sagt sie, "aber ich empfinde das nicht so. Das sind einfach verschiedene Wege, mit einem Kind zusammenzuleben."

17./18. September 2011

Für dieses Wochenende stehen in Veronica Hamers Kalender keine Verabredungen. Die Neuköllnerin hat etwas Wichtigeres vor: Sie bewirbt sich als Mutter. Sie will ein Kind bei sich aufnehmen, das in seiner Herkunfts-Familie nicht mehr leben kann. Beim Info-Abend des Kreuzberger Vereins "Pflegekinder im Kiez" (PiK) hat sie die Mappe mit den Fragebögen mitgenommen, mit denen der Verein im Auftrag des Jugendamts Neukölln Pflegeeltern-Bewerber überprüft. Zwei Tage denkt sie nach, wägt ab, schreibt und verwirft ihre Antworten wieder. Dann ist sie zufrieden mit ihrer "Lebensgeschichte". So nennt PiK das Schreiben, in dem die angehenden Pflegeltern von sich erzählen. Veronica Hamer beschreibt, warum sie sich ein Pflegekind wünscht, aber auch über ihre Erziehungsvorstellungen und die Erfahrungen in ihrer eigenen Kindheit. Ein polizeiliches Führungszeugnis, Einkommensnachweise und eine Gesundheitsbescheinigung vom Hausarzt müssen noch dazu, dann schickt sie ihre Bewerbung ab.

16. November 2011

Morgens um neun Uhr steht Veronica Hamer vor der PiK-Tür in der Dieffenbachstraße. Beim ersten Gespräch mit den beiden Familienberaterinnen geht es vor allem um die Frage, was für ein Kind Veronica Hamer aufnehmen möchte. "Ich bin alleinerziehend und muss relativ schnell wieder arbeiten gehen, weil man als Pflegeeltern Elternzeit nehmen kann, aber kein Elterngeld bekommt", erklärt sie. Zwar gibt es Pflegegeld – das reicht jedoch nicht, um dieses finanzielle Loch zu schließen. Deshalb kann sie nur ein Kind nehmen, das täglich in eine Kita geht. Für ein schwer körperbehindertes Kind wäre ihre Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug nicht geeignet. Und sie hätte gern zwei Kinder, damit die sich miteinander beschäftigen können. Neben diesen eher praktischen Gründen hat sie natürlich noch ihre Idealvorstellung: "Einen Jungen und ein Mädchen", wünscht sie sich.

6. Dezember 2011

Beim zweiten Gespräch geht es weniger um das Kind, dafür um die Familiengeschichte der künftigen Pflegemutter. Welches Verhältnis hat sie zu ihren Eltern, wie sieht sie ihre Rolle in der eigenen Familie?

14. Dezember 2011

Veronica Hamer hat die Wohnung aufgeräumt, Kerzen angezündet und Weihnachtsplätzchen auf den Tisch gestellt. Die beiden PiK-Beraterinnen kommen zum Hausbesuch. Sie wollen sehen, wo das Pflegekind leben wird. Veronica Hamer erklärt, wie sie die Wohnung umräumen will, wenn ein Kind einzieht: Ihr Schlafzimmer soll Kinderzimmer werden, sie selbst schläft im bisherigen Arbeitszimmer. Einrichten will sie das Kinderzimmer erst, wenn sie ihr Pflegekind kennengelernt hat: "Ich muss ja erst einmal sehen, wie das Kind tickt – ob das Zimmer unbedingt rosa sein muss, zum Beispiel."

20. Dezember 2011

Veronica Hamer bittet ihre Chefin um ein Gespräch – und die ahnt, worum es geht. In den vergangenen Monaten standen schon andere Mitarbeiterinnen mit dieser Mischung aus Freude, Aufregung und einem Anflug von schlechtem Gewissen im Gesicht vor ihr, um anzukündigen: "Ich bekomme ein Kind!" Eine angehende Pflegemutter war bislang nicht dabei. Die Chefin verspricht, Veronica Hamer zu unterstützen. Nach der Elternzeit wird sie erst einmal Teilzeit arbeiten.

7. Januar 2012

Veronica Hamer und die Beraterinnen treffen sich, um die Ergebnisse der bisherigen Gespräche zu diskutieren. Natürlich muss sie den offiziellen Brief vom Jugendamt abwarten, aber das Signal ist klar: Die PiK-Mitarbeiterinnen wollen Veronica Hamer als Pflegemutter empfehlen. Zur Pflegeelternschule meldet sie sich schon mal an. Die Warteliste ist lang. "In der Regel lebt das Kind bereits bei einem, wenn man dort hingeht", erzählt sie. Sie findet das gut: "Natürlich wird es Situationen geben, in denen ich nicht weiter weiß. Da ist es gut zu wissen, dass die Schulung kommt."

24. Januar 2012

Im Briefkasten liegt Post vom Jugendamt: Veronica Hamer steht jetzt auf der Liste von Familien, die ein Pflegekind bei sich aufnehmen können. Sie ruft Freunde und Familie an, um ihnen von dem Brief zu erzählen. Die meisten wissen schon länger von ihrem Plan – und unterstützen sie. "Viele haben gesagt, dass sie mich mutig finden", erinnert sie sich. Nur eine Freundin äußert Bedenken: "Sie glaubt, ich wünsche mir doch eher ein leibliches Kind." Die meisten Reaktionen aber sind positiv. Allerdings: "Ich hatte den Eindruck, viele Leute haben ein schlechtes Gewissen, dass sie das nicht machen. Dabei sollen das alle so machen, wie es für sie richtig ist."

17. Februar 2012

Anruf von PiK: Für zwei Kinder wird eine Pflegefamilie gesucht. Ob Veronica Hamer sie aufnehmen will? Sie überlegt lange – und sagt ab. "Eigentlich hatte ich mir ja zwei Kinder gewünscht", sagt sie. "Aber dagegen sprachen ganz praktische Erwägungen: Die Kinder hatten einen großen Altersabstand und hätten zwei Zimmer gebraucht. Den Platz habe ich nicht."

6. März 2012

Der zweite Vorschlag: Diesmal ist es ein dreijähriges Mädchen, das aus der Kurzzeitpflege in eine Dauerpflegefamilie wechseln soll. Warum Mia* nicht bei den leiblichen Eltern leben soll, darüber will Veronica Hamer nicht sprechen. Sie sagt nur: "Der Hintergrund ist bei vielen Kindern ähnlich. Oft geht es um Drogen, oder es ist eine sehr junge Mutter, die sich nicht ausreichend um das Kind kümmern kann." In den kommenden Wochen wird Veronica Hamer Mias Eltern kennenlernen. Davon hängt viel ab, denn: "Mit der Herkunftsfamilie muss man sich weiter auseinandersetzen." In der Regel behalten die leiblichen Eltern zumindest teilweise das Sorgerecht. Sie dürfen beispielsweise mitentscheiden, auf welche Schule das Kind gehen soll und müssen zustimmen, wenn eine Operation notwendig wird. "Dass man so abhängig ist von den leiblichen Eltern, ist für viele potenzielle Pflegeeltern ein Hinderungsgrund", weiß Veronica Hamer.

19. April 2012

Veronica Hamer wartet am Spielplatz in der Hasenheide. Sie ist ein bisschen zu früh da, weil sie so aufgeregt ist: Gleich lernt sie das Kind kennen, das demnächst bei ihr leben soll. "Das erste Treffen findet möglichst in einer neutralen Umgebung statt", erzählt sie, deshalb der Spielplatz. Beim nächsten Termin treffen sich Pflegemutter und –tochter bei der Kurzzeitpflegemutter. Danach gibt es ein Treffen in Veronica Hamers Wohnung, die erste Übernachtung – dann soll Mia bleiben. Aber bis dahin sind noch ein paar Wochen Zeit. "Zuerst war sie ein bisschen schüchtern", erzählt Veronica Hamer nach der ersten Begegnung. Zum Glück fasst Mia schnell Vertrauen zu ihrer künftigen Pflegemutter: Am Ende des Nachmittages lässt sie sich von Veronica Hamer auf der Schaukel anschubsen und buddelt mit ihr in der Sandkiste.

18. Mai 2012

Veronica Hamer hat angefangen, ihre Wohnung umzuräumen. Freunde haben ihr Kindermöbel geschenkt, aus denen deren Kinder herausgewachsen sind. Im Sommer soll Mia in der Kita eingewöhnt werden, bis dahin treffen sich Veronica Hamer und sie regelmäßig, gehen zum Beispiel zusammen in den Streichelzoo. Angst vor der neuen Aufgabe hat Veronica Hamer nicht: "Ich bin mir bewusst, dass es schwierig wird", sagt sie. Schließlich habe jedes Pflegekind eine Vorgeschichte. "Dafür habe ich natürlich kein Patentrezept. Aber ich bin total zuversichtlich und zweifele nicht daran, dass ich das hinbekomme."

*Name von der Redaktion geändert

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