Sozialpolitik

Nicht nur pflegebedürftige Senioren, auch ihre Angehörigen brauchen Hilfe

Wie zeitaufwendig, aufreibend und kostenintensiv die Betreuung und Pflege von Senioren ist, hat mittlerweile auch die Politik erkannt. Um pflegende Angehörige zu unterstützen (und damit auch das Gesundheitssystem zu entlasten), wurde Anfang des Jahres die Familienpflegezeit geschaffen.

Familienpflegezeit können nahe Angehörige eines Pflegebedürftigen beanspruchen. Dabei können sie ihre Arbeitszeit für die Dauer von zwei Jahren auf bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren. Das Bruttogehalt wird entsprechend gekürzt, doch gibt der Arbeitgeber einen Gehaltsvorschuss. Nach Ablauf der Pflegezeit arbeitet der Angehörige wieder in Vollzeit, bekommt aber so lange ein reduziertes Gehalt, bis der Gehaltsvorschuss wieder ausgeglichen worden ist. Anders als bei der Elternzeit haben Arbeitnehmer keinen Rechtsanspruch auf die Pflegezeit, sondern sie sind auf die Zustimmung des Arbeitgebers angewiesen.

Experten zweifeln allerdings daran, ob die Familienpflegezeit ein passendes Instrument ist. "Mir ist niemand bekannt, der auch nur erwogen hat, die Pflegezeit in Anspruch zu nehmen", sagt Rosemarie Drenhaus-Wagner von der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. in Berlin. "Das spricht wohl eher dafür, dass die Pflegezeit nicht den Bedürfnissen der Angehörigen entspricht - ganz abgesehen von den Arbeitgebern, die ja auch einwilligen müssen."

Durchschnittlich acht Jahre Pflege

Ein Problem ist, dass die Familienpflegezeit mit einer Dauer von maximal zwei Jahren häufig zu kurz greift. Denn die Pflege von Angehörigen erstreckt sich durchschnittlich über 8,2 Jahre. Zahlen, wie viele pflegende Angehörige in Deutschland die Familienpflegezeit in Anspruch nehmen, gibt es noch nicht.

Ein weiteres Problem bei der Versorgung von pflegebedürftigen Senioren ist der finanzielle Ausgleich im Rahmen des Pflegegeldes. "Gerade die Angehörigen von Demenzkranken stehen derzeit im Regen", sagt Dr. Peter Michell-Auli, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA). "Demenzkranke brauchen eine allgemeine Begleitung und Anleitung, die sehr anstrengend, aber finanziell nicht abgedeckt ist." Denn die Einordnung in die unterschiedlichen Pflegestufen, für die es unterschiedlich viel Pflegegeld gibt, ist "verrichtungsbezogen". Das heißt, dass "Zähneputzen" eine Tätigkeit ist, die angerechnet wird. "Die Anleitung zum Zähneputzen und die reine Anwesenheit zählen dagegen nicht", kritisiert Michell-Auli.

Der Experte erwartet, dass gerade die Alzheimer-Krankheit helfen wird, die Pflege-Problematik stärker in den Fokus zu rücken. "In unserer Gesellschaft gibt es wenig Wissen und auch wenig Bereitschaft, sich mit dem Alter zu beschäftigen", findet er. Die Angst der Mehrheit vor Gebrechlichkeit, Krankheit und Tod führe zu einer Verdrängung. "Doch kommt das Thema Demenz geballt auf uns zu, weil wir immer älter werden und die Krankheit stark altersabhängig ist", sagt Michell-Auli. So sei unter den 60-Jährigen ein Prozent der Bevölkerung an Demenz erkrankt, während es bei den 90-Jährigen schon ein Drittel sei.

Dabei trifft nicht nur die Zunahme der Krankheitsfälle, sondern auch die Art der Symptome den Nerv der Gesellschaft, beobachtet Michell-Auli - weil sich die Demenz in kognitiven Einschränkungen bemerkbar macht. Gerade davor gebe es jedoch die größte Angst, sagt er: "Bei kognitiven Verlusten wird dem Bürger hierzulande leicht das Menschsein abgesprochen, weil sich unsere Gesellschaft über das Denken definiert." Michell-Auli wünscht sich einen Wertewandel hin zu mehr Offenheit und Toleranz und gibt ein Beispiel. "Ein demenzkranker Mann steht in einem Restaurant plötzlich auf und fängt an zu singen. Wäre es nicht schön, wenn das niemandem peinlich wäre und sich die Angehörigen nicht schämen und verstecken müssten?", fragt Michell-Auli und ergänzt: "Dies käme nicht nur den Senioren und ihren Angehörigen zugute, sondern würde auch Familien mit kleinen Kindern entlasten, die ähnliche Situationen erleben." Schließlich, betont er, berge die Krankheit auch Chancen. "Oft erzählen Angehörige von Demenzkranken, dass sie ihren Vater oder ihre Mutter ganz neu erleben, weil die Krankheit die gefühlsbetonte Seite hervortreten lässt." Dies werde als Bereicherung empfunden.

Hilfe annehmen ist wichtig

Da die Pflegesituation jedoch vor allem sehr kräftezehrend ist, ermutigen Experten die Angehörigen, gut für die eigenen Belange zu sorgen. "Nur wenn man selbst gesund bleibt, kann man auch helfen", sagt KDA-Geschäftsführer Michell-Auli. Rosemarie Drenhaus-Wagner von der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. beobachtet, dass die Punkte, zu denen Angehörige selbst sagen, dass sie dann und dann den Erkrankten in die Obhut professioneller Pflege geben würden, sich regelmäßig nach hinten verschieben. Die deutliche Mehrheit der Angehörigen von Menschen mit Demenz versuche, mit der Situation allein zurecht zu kommen. "Das ist dann für beide verhängnisvoll", betont sie. "Hilfe sollten alle in Anspruch nehmen, also auch die, die fähig und bereit sind, Betreuung und Pflege zu leisten." Sie brauchten diese, um schonend mit ihren eigenen Kräften umzugehen. Zudem müssten sie regelmäßig Kraft tanken, um der schweren Aufgabe lange Zeit nachkommen zu können. Die Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. bietet in Berlin neben betreuten Gruppen für Erkrankte auch Angehörigengesprächsgruppen an, dazu Online-Selbsthilfegruppen und betreute Urlaube.

Peter Michell-Auli rät Angehörigen, weniger die Steuerung der Betreuung als vielmehr einzelne Arbeitsaufgaben aus der Hand zu geben, und zwar frühzeitig. Es sei wichtig, auch noch für Freude im eigenen Leben zu sorgen - und sich möglichst umfassend Rat einzuholen, etwa bei der Krankenkasse, der Kommune, Selbsthilfeorganisationen oder auch der Verbraucherzentrale.

Auch Nichtbetroffene können helfen, pflegebedürftige Senioren und ihre Angehörigen zu unterstützen. Sei es durch mehr Verständnis für die Situation und die Anerkennung der Betreuungsleistung, sei es durch eigenes Engagement. Eine der vordringlichen Aufgaben bei der Verbesserung der Pflegesituation ist nach Ansicht von Fachleuten, die Lebensräume seniorengerecht zu gestalten, etwa durch barrierefreie Wohnungen, eine generationengerechte Infrastruktur und mehr Beratung und Begleitung. Michell-Auli ist überzeugt: "Durch eine altersgerechte Quartiersentwicklung und mehr bürgerschaftliches Engagement ließen sich vielfach stationäre Pflegeaufenthalte vermeiden - und die häusliche Pflege verbessern."

Mehr Informationen zur Familienpflegezeit unter: www.familien-pflege-zeit.de , zur Unterstützung von Alzheimerkranken und ihren Angehörigen: www.alzheimerforum.de , zu den Aktivitäten des Kuratoriums Deutsche Altershilfe: www.kda.de

"Es gibt in unserer Gesellschaft wenig Wissen und Bereitschaft, sich mit dem Alter zu beschäftigen"

Dr. Peter Michell-Auli, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe

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