Brauchtum

"Weihnachten ist wie Ramadan - bloß in Grün"

Foto: Nadine Zilliges

Der Heiligabend steht vor der Tür und selbst Berliner Muslime können ihm nicht entkommen. Viele wollen es auch gar nicht

Von den Heiligen Drei Königen ist nur einer zur Probe erschienen. Maria, die Mutter in spe des Jesus-Kindes, muss unentwegt kichern und trifft den Ton deshalb nicht so zielsicher wie sonst, aber das größte Problem bei diesem Krippenspiel kommt erst noch: Wer spielt das Schaf? Betretenes Schweigen im Gemeindesaal der evangelischen St. Simeon-Kirche in Kreuzberg. Dreißig Augenpaare sind auf die Frau gerichtet, die dieses etwas andere Krippenspiel auf die Bühne bringt: Viktoriya Balitska. Demonstrativ hält sie ein weißes Kostüm aus flauschiger Wolle in die Höhe. Ihre Darsteller schauen sie entgeistert an. Es sind überwiegend muslimische Kinder zwischen drei und 14 Jahren, in erster Linie Mädchen. "Und die wollen alle einen Engel spielen", entfährt es Balitska nach der Probe seufzend. Sie rollt theatralisch mit den Augen. Für die diplomierte Chordirigentin aus der Ukraine ist es ein Arbeitstag wie jeder anderer. Als Gemeindehelferin ist sie für die Arbeit mit den Kindern zuständig, ihr Mann Sergiy, der Küster der Kirche, kümmert sich um die Technik und die Dekoration.

Die Kinder lieben die drahtige Frau mit den rostroten Haaren. Sie musiziert mit ihnen. Sie spielt mit ihnen Theater. Sogar die Kostüme näht sie selber. Sie sagt, von "Pippi Langstrumpf" bis zum Krippenspiel sei es da nur noch ein kleiner Schritt gewesen.

Interreligiös ist es, das unterscheidet dieses Krippenspiel von den meisten anderen in der Stadt. Das liegt in der Natur dieses Kiezes. Es ist eine der ärmsten Gegenden in Berlin mit einem hohen Anteil von Zuwanderern. 90 Prozent der Kinder, die die Kita der St. Simeon-Kirche auf dem Hof besuchen, sind Muslime.

Eine universelle Botschaft

Es sind Kinder wie Akazya, vier Jahre alt, weißer Lichtkranz im dunklen Haar, weißes Satinkleid. Akazya hat weder im Koran noch in der Bibel geblättert. Doch die Geschichte von Maria und Josef, die ihr erstes Kind in einem Stall in Bethlehem zur Welt bringen, diese Geschichte kennt sie. Wer Jesus ist und was seine Geburt bedeutet, das erschließt sich ihr zwar noch nicht. Doch die Botschaft der Weihnachtsgeschichte, da ist ihre Mutter zuversichtlich, versteht sie schon. "Es geht um Liebe und darum, dass alle gleich sind", sagt Yasemin Cimentepe, 32. Um eine universelle Botschaft also, mit der sich auch sie identifizieren kann.

Yasemin Cimentepe, kniehohe Stiefel, helle Strähnchen im Haar und ein Piercing in der Nase, lächelt. Weihnachten, das ist für sie eine willkommene Gelegenheit, die Töchter in die Kirche zu begleiten, andere Mütter zu treffen und einzutauchen in eine Religion, von der sie sagt, sie unterscheide sich gar nicht so fundamental von ihrer eigenen. "Alle Wege führen zu Gott." Am Heiligabend gibt es bei den Cimentepes Geschenke für die Mädchen, es wird "Oh, du fröhliche" auf dem Klavier gespielt. Dass die Familie vorher zum Krippenspiel in die evangelische Kirche geht, versteht sich fast von allein. Sogar die Oma kommt mit.

Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem Pfarrer Sascha Weber Kopftuchträgerinnen in der ersten Reihe erblickt. Er sagt, zum Christentum sei in seiner Gemeinde noch kein Muslim übergetreten. Aber das Weihnachtsfest nähmen viele gerne mit. "Für sie ist das ein Stück Heimat."

Yasemin Cimentepe hat sich jetzt mit anderen Müttern vor der Bühne postiert und das Smartphone als Kamera gezückt. Die Gelegenheit ist günstig. Kaum haben sich die Darsteller um Maria und Josef gruppiert, geht das Blitzlichtgewitter los.

Maria gibt sich jetzt einen Ruck und singt ihr Solo. "Joseph, lieber Joseph, mein, hilf mir wiegen mein Kindelein." Die Darstellerin der Jesus-Mutter ist vierzehn Jahre alt, schwarz und Christin: Milena Mandé. Kenan Ertunc, der Joseph spielt, betet, wenn überhaupt, zu Allah, wie die meisten anderen auch. Doch wer welcher Religion angehört, interessiert hier keinen. "Kinder sind Kinder", sagt Victoriya Balitska.

Leben sie nicht genau das vor, wovon Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin schwurbelte, als er in seinem umstrittenen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" forderte, Muslime dürften sich nicht länger in ihrer Parallelgesellschaft einrichten? Wenn jemand diese Frage beantworten kann, dann ist das Bekir Yilmaz, 45, Sohn eines türkischen Zimmermanns, der seine Familie 1979 aus einem Dorf am Schwarzen Meer an die Spree holte. Seine Geschichte klingt wie ein Beispiel aus dem Lehrbuch für Integration. Abitur, BWL-Studium, heute Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Berlin, die 72 Vereine mit 100 000 Mitgliedern vertritt.

Bekir Yilmaz, schwarzer Anzug, freundliches Gesicht, ist gerade von einer Adventsfeier bei der Berliner Polizei zurückgekehrt. Es gab Stollen und türkisches Gebäck, eine evangelische Pastorin las aus der Weihnachtsgeschichte vor. Bekir Yilmaz hat sich lange mit ihr unterhalten. Er kennt die Story aus dem Koran, der Jesus als besonderen Menschen verehrt. Er genießt solche Gespräche. Er sagt, es seien gute Gelegenheiten, um die christliche Religion kennenzulernen. Begegnungen wie diese müsse es viel häufiger geben - allerdings, und an dieser Stelle räuspert sich Bekir Yilmaz vernehmlich, auch in umgekehrter Richtung. Wie zum Beweis hat er die Polizei zum Gegenbesuch eingeladen - zum Fest des Fastenbrechens, das die Muslime zum Abschluss des Fasten-Monats Ramadan feiern.

Anja Schuppan, seit fünf Jahren mit einem muslimischen Bauunternehmer aus dem Kosovo verheiratet und inzwischen selber zum Islam konvertiert, kennt beide Feste: das Fastenbrechen und Heiligabend. Die Frage, ob sie das Weihnachtsfest nicht vermisst, jetzt, da ihr Gott Allah heißt und sie die Weihnachtsgans gegen schweinefleisch-freie Würstchen eingetauscht hat, stimmt sie keineswegs wehmütig.

Anja Schuppan sagt, als Kind der DDR sei sie nicht christlich getauft worden. Bei ihr zu Hause habe man auch nicht die Geburt des Jesus-Kindes gefeiert, sondern die Wintersonnenwende. Dementsprechend leicht sei ihr die Umstellung denn auch gefallen. "Weihnachten ist wie Ramadan - bloß in grün", sagt die Mutter zweier Kinder.

Innehalten. Die Familie treffen. Für Bedürftige spenden. Mit den Kindern singen und die Wohnung schmücken. Das sind so Sachen, die die 37-Jährige Berlinerin im Fastenmonat umtreiben. Sogar einen Ramadan-Kalender hat sie für ihre Söhne gefunden. "Jeden Tag ein Türchen."

Lebkuchen vom türkischen Bäcker

So rücken die beiden Kulturen immer weiter zusammen - mitunter auch gegen den Willen der Muslime. Fatih Bayram, 35, weiß, wie das ist. In seinem Herzen, sagt der Betreiber eines Back- und Coffee-Shops in Moabit, sei er gläubiger Moslem. So haben ihn seine Eltern erzogen. Orthodoxe Muslime, die schon fünfmal nach Mekka gepilgert sind. Auch Fatih Bayram beginnt jeden Tag mit einem Gebet. Er sagt, er habe Hochachtung vor der christlichen Religion, aber "ein Tannenbaum wäre mit unserer Tradition nicht vereinbar".

Es ist ein Dogma, doch es bröckelt. Selbst in Fatih Bayrams eigener Familie. Bayram ist Vater einer siebenjährigen Tochter. Ihr am Heiligabend etwas zu schenken, darum kommt auch er gar nicht herum. Zähneknirschend hat er sogar sein Café weihnachtlich geschmückt.

Er sagt, das sei er seinen Gästen schuldig. 90 Prozent von ihnen seien Deutsche. Sie mögen es, wenn Adventsgestecke auf den Tischen liegen. Sie mögen auch den Lebkuchen. Ein türkischer Bäcker liefert sie täglich frisch aus Neukölln. In Herzform, sagt Fatih Bayram und lächelt. Soviel Weihnachten muss sein.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter