Söhne und Töchter von alkoholkranken Eltern

Und plötzlich ist die Kindheit vorbei

Ob es ein guter oder ein schlechter Tag ist, spürt Lena schon, wenn sie nach der Schule zu Hause die Tür öffnet. Wenn ihre Eltern sich nicht streiten, ihr Vater im Büro sitzt, die Mutter Zeit hat, mit ihr über die Schule zu sprechen - dann ist es ein guter Tag. Einer, an dem ihr Vater nicht so viel getrunken hat.

Lenas Kindheit, das ist: ein Einfamilienhaus in einem Dorf im Rheinland, zwei, später drei Geschwister, die Eltern haben ihr eigenes kleines Unternehmen aufgebaut, in dem sie gemeinsam arbeiten. Und das ist der Alkohol, der alles kaputt macht. Fast jedenfalls. Lenas Vater schafft nach ein paar Jahren den Weg aus der Sucht, die Familie bleibt zusammen, das Haus, das Unternehmen gibt es noch. Und trotzdem hat Lenas Geschichte kein richtiges Happy End. Denn auch wenn es inzwischen mehr als zehn Jahre her ist, dass ihr Vater trocken wurde, begleiten die Erfahrungen Lena bis heute. Auch deshalb will die 22-Jährige nicht ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen. Aber ihre Geschichte will sie erzählen, weil sie es wichtig findet, dass sich andere Menschen damit auseinandersetzen, was alkoholkranke Eltern für ein Kind bedeuten. Wenn ein Elternteil trinkt, können Kinder nicht Kind sein. Sie lernen schnell, dass sie jetzt das sein müssen, was sonst die Erwachsenen sind: vernünftig, verantwortungsbewusst. "Und das tragen sie auch als Erwachsene mit sich herum", sagt Henning Mielke von Nacoa Deutschland. Der Berliner Verein versteht sich als Interessenvertretung von Kindern aus Suchtfamilien.

Flachmann in der Jackentasche

Lena ist noch klein, als ihr Vater anfängt, regelmäßig zu trinken. Am Anfang merkt sie nur, "dass die Stimmung schlecht ist". Dann, mit fünf, versteht sie, dass der Alkohol dahintersteckt. "An den Tag kann ich mich genau erinnern", sagt sie. Der Vater kündigt an, er wolle spazieren gehen, sie geht mit. Durch die Schaufensterscheibe sieht sie zu, wie er in einem kleinen Geschäft Süßigkeiten kauft und in die eine Jackentasche steckt. Der Flachmann mit dem Pflaumenschnaps kommt in die andere Tasche. "Als er rauskam, hat er gesagt, fass mal in die Jackentasche", erinnert sich Lena. "Da habe ich ganz bewusst in die falsche Tasche gefasst und die Flasche rausgeholt. Ich hab gefragt, was das ist, mein Vater hat behauptet, es sei Pflaumensaft. Aber mein Bruder, der zweieinhalb Jahre älter ist als ich, hat mir gesagt: 'Nein, das ist Alkohol.' Das wusste ich damals schon: Alkohol ist schlimm."

Etwa 2,6 Millionen Kinder in Deutschland haben Eltern, die alkoholabhängig sind oder Drogen nehmen. Gemeinsam mit zwei Vereinen aus Hamburg und Düsseldorf ruft Nacoa Deutschland in der kommenden Woche zur bundesweiten "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien" auf. "Damit wollen wir die Öffentlichkeit auf diese Kinder aufmerksam machen", sagt Henning Mielke. "Die beste Unterstützung für die Kinder ist es, wenn es eine Vertrauensperson gibt, an die sie sich wenden können." Das könne die Großmutter sein, aber auch die Erzieherin, der Lehrer, der Trainer. "Die Eltern kreisen oft nur noch um sich selbst", so Mielke. Das Kind loben, es unterstützen - was die Eltern sonst übernehmen, fällt in diesen Familien oft aus. Lena muss weitgehend allein mit den Alkoholproblemen ihres Vaters zurechtkommen. "Meine Mutter ist irgendwann zu einer Angehörigengruppe gegangen, aber so etwas gab es für Kinder gar nicht bei uns auf dem Dorf", sagt sie. Deshalb bedrängt sie immer wieder ihre Mutter, mit ihr über den Vater zu sprechen. Und die Mutter, die damals noch nach außen so tut, als sei in der Familie alles in Ordnung, zieht die kleine Tochter schließlich ins Vertrauen. "Im Nachhinein weiß ich, dass das nicht gut war", sagt Lena, "aber damals war das für mich wichtig, ich wollte immer alles unter Kontrolle haben." Sie hat ihre Rolle in der Familie gefunden: die Vernünftige, Hilfsbereite, die ihren Eltern so viel wie möglich abnimmt. Die nicht wartet, bis ihr jemand eine Aufgabe gibt, sondern selbst überlegt, was zu tun ist. Als sie neun ist, wird ihre jüngste Schwester geboren, von da an kümmert sie sich um das Baby, badet und wickelt es, "ich war wirklich so eine kleine Mama".

Das Baby wird ihre Aufgabe, der Halt, mit dem sie es schafft, die schlechten Tage zu Hause zu überstehen. Zum Glück gibt es ja auch noch die guten Tage, an denen ihr Vater sich um seine Kinder kümmert: "Dann ist er zum Beispiel mit mir Drachen steigen lassen gegangen, er hat mir vertraut, dass ich das kann. Da habe ich mich ganz, ganz stark gefühlt", sagt Lena. Ihr Vater sei immer liebevoll gewesen, "da haben wir Glück gehabt, es gibt ja auch viele, die ihre Kinder schlagen, wenn sie getrunken haben".

Trotzdem wird das Verhältnis zum Vater mit den Jahren distanzierter. Lena sieht, wie sehr die Situation die Mutter belastet, die neben der Familie auch das Unternehmen allein weiterführen muss. "Ich hab immer zu meiner Mutter gehalten", sagt sie. Die mittlere Schwester dagegen, vier Jahre jünger als Lena, hält zum Vater, "ich dachte immer, warum kapiert die denn nicht, was hier los ist?", erzählt Lena. Der große Bruder wird aggressiv, wenn der Vater trinkt, auch das ist für Lena schwer erträglich.

Außenseiterin auf Partys

Und auch ihre Freunde können nicht helfen. In der Grundschule hat es sich unter den Eltern schnell herumgesprochen, wie es in Lenas Familie aussieht. "Manche Kinder durften deshalb nicht mit mir nach Hause gehen", sagt sie, und bis heute klingt in ihrer Stimme mit, wie sehr sie das damals verletzt hat. In Teenagerzeiten fühlt sich Lena erneut als Außenseiter, als es bei Partys plötzlich auch Alkohol gibt. Sie versucht, ihren Freunden klarzumachen, warum sie nicht mitmachen will - aber niemand will ihre Geschichte hören.

Erst viel später, als ihr Vater schon trocken ist, findet Lena jemanden, der ihr zuhört - und hilft. In der Psychotherapie lernt sie zu verstehen, woher ihre Ängste kommen, der Zwang, alles unter Kontrolle zu haben, warum es ihr so schwerfällt, anderen Menschen zu vertrauen. "Ich musste erst lernen, dass mich jemand auch anerkennt und mag, ohne dass ich etwas dafür leiste", beschreibt sie, was sie aus ihren Therapiesitzungen mitnimmt.

"Drei typische Wege" für Kinder aus Suchtfamilien beschreibt Henning Mielke vom Verein Nacoa: "Ein Drittel wird selbst süchtig. Ein Drittel entwickelt psychische oder soziale Probleme. Und ein Drittel geht einigermaßen unbeschadet daraus hervor - und das sind die Kinder, die im sozialen Umfeld eine Person hatten, zu der sie immer gehen konnten." Dass sich dieser Weg für mehr als ein Drittel der Kinder öffnet, dass mehr Kinder einen Erwachsenen finden, der ihnen zuhört, ist das Ziel der Aktionswoche.

Wie wichtig es für sie gewesen wäre, mit jemandem über die Probleme ihrer Familie zu sprechen, spürt auch Lena: "Ich glaube schon, dass es mir geholfen hätte, wenn ein Außenstehender auf mich aufgepasst hätte und darauf, wie sich meine Rolle in der Familie entwickelt." In der Therapie setzt sie sich mit ihrer Geschichte auseinander - und übt, wenigstens heute ihre Bedürfnisse anzumelden. "Es fällt mir bis heute schwer, sauer auf meinen Vater zu sein. Man denkt immer, dass man ihn mit Samthandschuhen anfassen muss, weil er krank war. Aber ich möchte, dass auch meine Probleme gesehen werden", sagt sie sehr entschieden und fügt hinzu: "Ich mache meinen Eltern keine Vorwürfe, aber ich möchte, dass sie sehen, welche Folgen die Krankheit meines Vaters bis heute für mich hat."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.