Stadtteilmütter Neukölln

Sie helfen, wenn Sozialarbeit keine Chance hat

Sie haben selbst Kinder, sprechen gut Deutsch. 140 Stadtteilmütter helfen im Neuköllner Kiez, in dem von 300.000 Einwohnern fast die Hälfte einen Migrationshintergrund hat. Die Einsatzbereiche reichen vom Schulsystem, gesunder Ernährung, körperlicher und seelischer Entwicklung bis hin zu Sexualentwicklung und gewaltfreier Erziehung.

Foto: Marion Hunger Marion Hunger / Hunger

Emine Elci gähnt, reibt sich die Augen, schaut müde auf die Uhr. Seit 6 Uhr morgens ist sie bereits auf den Beinen. Jetzt steht sie im Flur eines Mehrfamilienhauses im Neuköllner Flughafenkiez. Sie rückt ihr Kopftuch zurecht. Dann drückt sie auf den Klingelknopf an der Wohnungstür. Heute steht Familie Erdogan auf ihrem Terminplan. Es ist 10.30 Uhr. Die Integrationsarbeit kann beginnen.

Emine (38) ist eine von 140 Neuköllner Stadtteilmüttern. Frauen mit vorwiegend türkisch-arabischem Migrationshintergrund, die sich um Familien aus demselben Kulturkreis kümmern, dieselbe Sprache sprechen. Sie sollen die erreichen, bei denen deutsche Sozialarbeiter nicht mehr weiterkommen. Und das ist gar nicht so selten in Neukölln, wo von gut 300.000 Einwohnern mehr als 120.000 Menschen einen Migrationshintergrund haben.

Erst die eigene Familie versorgen

Emine macht ihre Arbeit aus Überzeugung. Ihr Tag beginnt morgens um 6 Uhr. Sie weckt ihre Kinder, versorgt die jüngste Tochter (3) und bringt sie in die Kita. Dann macht sie sich auf den Weg "zu den Familien, die meine Hilfe brauchen", sagt sie, und in ihrer Stimme klingt Stolz. "Denn viele schaffen die Integration nicht allein, haben Angst vor deutschen Behörden oder verkriechen sich in ihren Wohnungen." Sie kann das nachvollziehen. "Ich hätte auch manchmal gern eine Stadtteilmutter gehabt, die mir ein bisschen zur Seite steht, mir hilft, wenn ich nicht so richtig weiter weiß", sagt sie. Emine ist in Berlin geboren, ihren Mann hat sie in der Türkei kennen gelernt. Er kam 1996 mit ihr nach Neukölln. Die beiden haben fünf Kinder. Der älteste Sohn (21) ist bereits verheiratet, die vier Töchter leben noch zu Hause. Sie kennt die Probleme, die in Migrantenfamilien auftauchen, sie weiß, wo es Hilfe gibt. Sie kennt den Kiez.

Hartz IV als Lebensgrundlage

Emines Einsatzgebiet gilt als sozialer Brennpunkt. Hartz IV ist oft die Lebensgrundlage. Es ist das Gebiet, wo Schulabgänger zu zwei Dritteln gar keinen oder nur einen Hauptschulabschluss erreichen. Daran konnten bisher auch die mehr als 40 Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen nichts ändern. Denn rund 35 Spielotheken, 20 Fitnesscenter und 140 Dönerbuden sind ein starkes Gegengewicht.

Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) kennt die Probleme: "Die Familien kommen oft mit den einfachsten Dingen nicht zurecht, leben hinter verschlossenen Türen und ziehen sich in die eigene Ethnie zurück."

Wenn es erst soweit gekommen ist, ist es schwer, einen Zugang zu den Familien zu finden. Sozialarbeiter stehen oft ratlos vor verschlossenen Türen - und wenn ihnen geöffnet wird, ist die Sprachbarriere zu hoch. Und es fehlt auch das Vertrauen. Buschkowsky weiß das. Und deshalb setzt er auf die Stadtteilmütter: "Wenn einer bei diesen Familien Vertrauen und Gehör findet, dann sind sie es", sagt er.

Emine ist sich dieser Verantwortung bewusst. "Ich mache diese Arbeit jetzt schon seit zwei Jahren. Es ist anstrengend. Oft hoffnungslos. Aber auch ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann", sagt die 38-Jährige. Und wartet, dass sich die Wohnungstür von Familie Erdogan öffnet. Sie klingelt nochmals - dann erscheint im Türspalt das Gesicht einer jungen Frau. Es ist Birsen Erdogan (36)*. Sie lächelt freundlich, bittet Emine herein, nimmt ihr den Mantel ab. "Ich habe uns einen Früchtetee gekocht", sagt sie und serviert. Beide setzen sich - auf buntgemusterte Stühle in Birsens kleinem Arbeitszimmer. Hier bereitet sie sich auf ihr Medizinstudium vor, das sie im Oktober beginnt.

Birsen spricht fließend Deutsch, wurde in Berlin geboren, hat ihre zwei Kinder (zehn und zwölf Jahre) in Neukölln zur Welt gebracht. Dort gehen sie auch zur Schule. Sie ist verheiratet: "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt sie. "Meinetwegen kam er mit nach Deutschland." Das ist jetzt zwölf Jahre her. Seitdem leben sie zusammen in ihrer gepflegten Vier-Zimmer-Wohnung.

Birsen kommt gut zurecht in der deutschen Gesellschaft. Und doch ist auch sie dankbar über die Besuche "ihrer" Stadtteilmutter. "Auch sie fragt sich Dinge, weiß manchmal nicht weiter", sagt Emine. "Zweisprachige Erziehung ist ein Thema, Möglichkeiten, um die Bildung zu fördern, und auch die Frage, wie bringe ich meinen Kindern ihre Tradition näher, ohne sie von dem deutschen Sozialsystem abzuschotten?" dann betont die Stadtteilmutter noch: "Nur weil man in Deutschland geboren wurde, ist man nicht automatisch integriert."

Zwei Familien betreut sie im Monat. Und das jeweils zehn Mal. "Manche sprechen kaum ein Wort Deutsch und wollen nur, dass ich für sie die Amtsgänge erledige", sagt Emine. Auch Ablehnung und Distanz hat Emine schon erlebt. "Anfangs habe ich mir das zu Herzen genommen. Jetzt weiß ich, dass es nicht an mir liegt."

Die Berufspraxis hat Emine gelassen gemacht. Sie weiß, dass Erziehung das größte Thema in den Familien ist. Manchmal spricht Emine zwei Stunden mit der Mutter, berät den Vater, liest mit den Kindern. "Viele Familien haben mehr als drei Kinder, sind vollkommen überfordert", sagt Emine, "einige gehen weder in eine Kita noch in die Schule." Auch Gewalt ist oft ein Thema. "Wir müssen die Eltern davon überzeugen, dass man mit Schlägen nichts erreicht", betont Emine.

Um Stadtteilmutter zu werden, müssen die Frauen mit Migrationshintergrund einige Kriterien erfüllen: Sie müssen aus Neukölln kommen, selbst Mutter und sozial kompetent sein, außerdem Deutsch und ihre Herkunftssprache sprechen und lesen können. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, folgt eine sechsmonatige Ausbildung zu zehn verschiedenen Themen. Vom Schulsystem, gesunder Ernährung, körperlicher und seelischer Entwicklung bis hin zu Sexualentwicklung und gewaltfreier Erziehung.

Das Projekt ist erfolgreich. Schon sieben nationale und internationale Preise haben die Stadtteilmütter gewonnen, zuletzt den Metropolis Award 2007 in Sydney. Kaum jemand freut sich mehr über diesen Erfolg als Neuköllns Rathauschef Heinz Buschkowsky. Er hat 2006 das damals kleine Projekt in die Bezirkspolitik integriert, auf ganz Nord-Neukölln ausgeweitet und lange Zeit Klinken geputzt, damit das Geld nicht versiegt.

Hilfe und Anerkennung

Bis 2010 können die Stadtteilmütter nun erst mal weitermachen. "Die Gesamtkosten belaufen sich auf 3,8 Millionen Euro bis dahin. Davon profitieren 2400 Familien mit Migrationshintergrund", sagt Buschkowsky. Den Frauen zu einem völlig neuen Selbstvertrauen zu verhelfen, indem sie zum ersten Mal in ihrem Leben über ein eigenes reguläres Einkommen verfügten, sei viel sinnvoller, als einfach Hartz IV zu überweisen, betont Buschkowsky und erklärt: "Die Familien erhalten Hilfe, und die Frauen, die als Stadtteilmütter arbeiten, wachsen in eine völlig neue Rolle und bekommen Anerkennung - ein schöner Doppel-Whopper!"

Auch Emine ist stolz auf ihren Job. Sie nimmt noch einen Schluck Tee, dann holt sie ihre Unterlagen aus der Tasche. Zwei Stunden Zeit hat sie für Birsen. Dann muss sie weiter, die nächste Familie wartet auf ihre Hilfe.

*Name geändert

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