Kunst

Für immer ein bisschen schwanger

Foto: Amin Akhtar

Künstlerin Anja Maria von Behr formt Babybäuche in Gips: Erinnerungen an eine besondere Zeit

Als Yvonne Lange die blaue Maske aufsetzt, ist sie selbst überrascht: "Die passt noch!", ruft sie ganz begeistert. Dabei sind seit der Anfertigung doch schon zwei Wochen vergangen - eine lange Zeit für einen Schwangerenbauch. Mitte Mai war sie bei Anja Maria von Behr, die Bauch und Brust mit Gipsrollen nachgeformt hat. Jetzt hält Yvonne die fertige Bauchmaske in ihren Händen. In nicht einmal zwei Wochen soll ihr Baby zur Welt kommen. Der echte Babybauch wird dann verschwinden - aber der Gipsbauch ist immer noch da. Im Schlafzimmer wird er hängen und Yvonne Lange an die neun Monate erinnern, in denen ihre zweite Tochter in ihrem Bauch heranwuchs.

Ein Souvenir für 280 Euro - so viel zahlt die 33 Jahre alte Bauingenieurin für den bemalten Bauch. Aus der weißen Gipsabformung, die bei der Sitzung im Mai entstanden ist, hat Anja Maria von Behr eine Maske in leuchtenden Blau- und Türkis-Tönen gemacht. Die Idee zu den Bauchmasken brachte sie vor fast zehn Jahren aus den USA mit. "Damals kannte man das hier noch gar nicht", erinnert sie sich. "Wenn man bei Google 'Bauchmaske' eingegeben hat, kam die Frage: 'Meinten Sie: Tauchmaske?'"

Jede Menge Nachahmer

"Bauchmasken-Pionierin" nennt sich Anja Marie von Behr mit ihrem Unternehmen "Bellyart", weil sie in Deutschland die Erste gewesen sei. Inzwischen gebe es eine Menge Nachahmer, die ebenfalls Abformungen von Babybäuchen anbieten. Dennoch bekommt sie Gipsbäuche aus ganz Deutschland geschickt: Wer nicht in Berlin lebt, kann den Bauch mit Hilfe eines "Do-it-yourself-Sets" abformen und das Ergebnis dann zum Bemalen an Anja Maria von Behr schicken. Sie hat Kundinnen aus ganz Europa - in Kürze will sie ihre Bäuche sogar in Korea präsentieren - und jeden Alters. Die jüngste Schwangere war 17, die älteste 44. Und eine Art Stammkundin gibt es auch: Sie kam kürzlich mit dem vierten Babybauch in das "Bellyart"-Studio.

Zwei bis drei Monate müssen die Frauen dann warten, bis der fertige Gipsbauch zurückkommt: ganz in Gold oder in Bronzetönen, mit farbigen Ornamenten oder grafischen Mustern, mit buntem Mosaik, als grüner Frosch oder mit Neonschrift - je nach Kundenwunsch. 80 Euro kostet die weiße Gipsabformung, für die Bemalung gilt: je aufwendiger, desto teurer.

Maja Brönkow muss sich noch entscheiden, wie ihre Maske am Ende aussehen soll. Vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin hat die 35-Jährige gerade ihren Bauch abformen lassen, "zur Erinnerung an eine einmalige Sache", sagt sie und fügt, fast ein bisschen gerührt, hinzu: "Die Zeit kommt nicht wieder!" Fotos im Fotostudio hat die Versicherungskauffrau auch machen lassen: "Aber die legt man in die Schublade, und weg sind sie." Der Bauch dagegen soll an die Wand - allerdings an die im Schlafzimmer, für das Wohnzimmer ist ihr der Abdruck von Bauch und Brust doch etwas zu intim.

So viel Wert auf Privatsphäre legen nicht alle werdenden Eltern. "Der allgemeine Trend zur Aufgabe des Privaten findet auch im Umgang mit einer Schwangerschaft seinen Ausdruck", hat Franziska van Hall festgestellt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité-Klinik für psychologische Medizin am Campus Benjamin Franklin wundert sich immer wieder über Menschen, die Ultraschallfotos ihrer ungeborenen Babys bei Facebook einstellen. Andere hängen sich die Ultraschallbilder sogar im Großformat an die Wand - oder sie lassen eine Gipsbüste vom 3-D-Ultraschallbild anfertigen (s. Kasten). Dahinter stecke oft der Wunsch, "dem lang ersehnten Baby schon in der Schwangerschaft ein Gesicht zu geben", sagt Franziska van Hall.

Vor allem Frauen, die sich eher spät und dann sehr bewusst für eine Schwangerschaft entscheiden, zeigten häufig ausgeprägten mütterlichen Stolz. "Manche von ihnen sehen ihre Mutterschaft als Verdienst und nehmen für sich eine besondere Rolle in der Gesellschaft in Anspruch", findet die Charité-Expertin. Und das wollten sie dann auch nach außen tragen - zum Beispiel, indem sie Schwangerschaft und Ungeborenes für Freunde und Verwandte zur Schau stellen. Die Andenken an die Schwangerschaft gäben den Eltern zudem die Möglichkeit, den vergänglichen Moment festzuhalten, sagt die Ärztin: "Mit dem Gipsbauch zum Beispiel können Frauen die körperlichen Veränderungen dokumentieren, die man sich ja vorher gar nicht vorstellen kann - und die man danach sonst schnell wieder vergisst."

Ein Geschenk für die Tochter

Manja Brönkow muss lachen, als sie und ihr weißer Gipsbauch sich nach der Abformung auf dem Sofa gegenübersitzen. Irgendwann kann sie dann ihrer Tochter zeigen, wie rund der Bauch war, in dem sie herangewachsen ist: "Von meiner Mutter gibt es nicht mal ein Foto aus der Zeit, als sie mit mir schwanger war", sagt sie. Yvonne Lange will den Bauch später ihrer Tochter schenken. "Wenn sie erwachsen ist", zum Beispiel, "oder vielleicht hängt sie sich den Bauch irgendwann ins Kinderzimmer." Natürlich nur, wenn er ihr gefällt, sagt Yvonne Lange: "Das ist ja Typsache, ob man so etwas mag oder nicht."

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