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29.12.10

WM-Gastgeber Südafrika

"Löws mächtige Männer" bleiben in bester Erinnerung

Im deutschen WM-Quartier von Südafrika wirkt der Aufenthalt des Nationalteams auch ein halbes Jahr später noch nach. In Kapstadt herrscht dagegen Kater.

dpa

Tröööt: Die WM 2010 war nicht nur begleitet vom Lärm der Vuvuzelas. Sondern auch vom Gejammer über die Plastikdinger.

12 Bilder

Ruhig ist es an diesem Nachmittag im Atteridgeville-Township von Pretoria. Am Abend werden hier die beiden Fußballteams SuperSport United und AmaZulu gegeneinander spielen. Zwei Teams aus dem unteren Mittelfeld der Liga, vor etwa 5000 Zuschauern. Fußball-Alltag.

Ein paar Meter vom Stadion entfernt, am Ende der Maunde Street, steht "Papi’s Kitchen". Ein kleines Steinhaus mit stählerner Kücheneinrichtung. Isaac Letsoalo und seine Frau Ruth servieren hier den besten Burger weit und breit. Noch ist wenig los in dem Schnellimbiss, Letsoalo gerät ins Plaudern. Er lächelt bei der Erinnerung an die Weltmeisterschaft, als die deutsche Nationalmannschaft fast jeden Tag hier im Stadion trainiert hat.

"Müller – großartig."

"Ich bin so oft wie möglich hingegangen und habe ihnen zugeschaut", erzählt er, und setzt sich auf die Kühltruhe. "Sie waren sehr nett, manchmal konnte man nach dem Training noch ein paar Worte mit ihnen wechseln." Und dann rasselt er all die Namen herunter, die er bis vor einem halben Jahr nie gehört hatte: "Müller – großartig. Özil? Was für ein Stratege. Und euer Torwart, wie heißt der noch? Ach ja, Neuer, ich hätte Angst vor ihm als Stürmer." Er hätte nichts dagegen, wenn Südafrika jedes Jahr die WM ausrichten würde.

Dann kommen zwei Kunden, Letsoalo rutscht von der Kühltruhe und nimmt die Bestellung auf. Zweimal Hühnchen, zweimal Limo. Die deutschen Kicker sind weg, das normale Leben wieder da. Und mit ihm die Erinnerungen. Die DFB-Elf in Überschallgeschwindigkeit, mit dem neben Spanien attraktivsten Fußball des Turniers. Vielleicht war das der eigentliche Grund für die unglaubliche Begeisterung in Deutschland angesichts des dritten Platzes: Respektiert wurde unser Fußball meistens. Aber ein Stil, der durch seine Eleganz besticht? Das ist neu.

Deutschland wie ein Geländewagen

Im Hotel Velmore, dem deutschen WM-Quartier zwischen Johannesburg und Pretoria, bezeichnen die Angestellten das Team von Joachim Löw noch immer nur als "4x4". So werden in Südafrika eigentlich Geländewagen genannt. Doch nachdem Deutschland mit vollem Antrieb Australien, England und Argentinien vier Gegentreffer bescherten, haben auch sie diesen Spitznamen inne.

Wer das gigantische Hotelareal fünf Monate nach dem Auszug besucht, der findet noch immer Spuren der prominenten Gäste. In der Eingangshalle, direkt neben der Rezeption, hängt in einem riesigen Rahmen ein DIN-A-4-Brief des Verbands: "Für beinahe sechs Wochen hatten unsere Spieler und Betreuer das Privileg eines zweiten Zuhauses", bedankten sich General-Sekretär Wolfgang Niersbach und Team-Manager Oliver Bierhoff im Namen der Mannschaft.

Emil Keyser sitzt in der Lounge auf einer der edlen, weißen Lederbänke, auf denen sich im Sommer noch – um dem Duktus südafrikanischer TV-Reporter gerecht zu werden – "Bästiän Schwainstaiga" und "Tommas Mulla" entspannten.

Das Essen kam fünf Minuten zu spät

Am Vorabend beherbergte Keysers Hotel noch eine Konferenz mit 2000 Delegierten. Das Programm habe sich so lange hingezogen, erzählt er, dass das Essen schließlich drei Stunden später als geplant serviert werden musste. "Beim DFB wäre das undenkbar gewesen. Ich habe noch nie so gut organisierte Menschen getroffen. Am ersten Tag haben wir das Essen nicht wie verabredet um zwölf, sondern um fünf nach zwölf serviert. Danach teilten sie höflich aber bestimmt mit, dass sie es für zwölf Uhr vorgesehen hatten. Daran haben wir uns fortan gehalten."

Martin Juby kommt in den Raum. Er trägt eines der DFB-Poloshirts, die der Verband dem Hotel geschenkt hat. Eigentlich ist Juby Architekt in Keysers Baufirma, aber für die Zeit der WM war er ausschließlich als Assistent von DFB-Zeugwart Thomas Mai zuständig. Für jedes Spiel mussten zwei Trikotsätze zur Verfügung stehen, dazu Aufwärmshirts, Freizeithemden, Ausgeh-Anzüge. Ein wichtiger Job bei Großereignissen.

"Der Tag war in 15-Minuten-Schritte eingeteilt", sagt Juby, "das hat wie ein Uhrwerk funktioniert. Das wirkt immer noch nach, wir haben einige Abläufe verbessert." Jeder Tag, jede Trainingseinheit wurde vom DFB dokumentiert.

Die "4x4"-Profis

Freundlich reden sie hier von den "4x4"-Profis, die sie nach den Spielen mit dem Shosholoza-Volkslied am Eingangstor empfingen. "Ich habe mir Fußballprofis ein bisschen hochnäsig vorgestellt", erzählt Keyser, "das Gegenteil war der Fall. Sie waren absolut freundlich und normal im Umgang." Im Fitnessraum hängen nun Fotos von Manuel Neuer und anderen WM-Stars, geplant ist sogar ein kleines Denkmal auf dem Gelände, um an das Turnier zu erinnern.

Nicht an allen Orten, die Schauplatz von "Löws mächtigen Männern" (Sunday Times) waren, ist die Bilanz so positiv wie im Hotel Velmore. Am 3. Juli erreichte die deutsche WM-Formkurve ihren Höhepunkt, als Deutschland in Kapstadt das Viertelfinale gegen Argentinien mit 4:0 gewann. Das ausverkaufte Cape-Town-Stadion war an diesem Tag wohl einer der lebhaftesten Orte des Planeten.

Inzwischen erhebt sich das 64.100-Zuschauer-Stadion weiterhin mächtig vor dem Tafelberg, den die Fifa vor dem Turnier als PR-freundlichen Hintergrund gefordert hatte. Es mangelt, wie auch in vielen anderen Arenen an Nutzungsmöglichkeiten. Die Stadtverwaltung sucht einen neuen Betreiber, nachdem im Oktober das Unternehmen Stade de France wegen zu hoher Betriebskosten überraschend von einem Pachtvertrag für 30 Jahre absprang, weil die Zahl potenzieller Kunden zu begrenzt war. "Gegenwärtig liegt die Stadionmiete bei rund 50.000 Euro pro Spiel, was für uns einfach zu viel ist", klagt John Comitis, Besitzer von Ajax Kapstadt, dem größten der drei örtlichen Fußballklubs. Die für gewöhnlich allenfalls 10.000 Fans, die der Verein bei normalen Ligaspielen ins Stadion lockt, füllen oft nur die unteren Ränge der eleganten Arena.

"Die Zeit hat Spaß gemacht"

Finanziell hat sich die WM, wie das bei großen Partys nun einmal die Regel ist, für Südafrika nicht gelohnt. Doch vor dem Stadion in Atteridgeville, 100 Meter von "Papi’s Kitchen" entfernt, lächelt Solomon Hlophe beim Gedanken an die WM. Der 28-Jährige verkauft Süßigkeiten. Ein mühsames Geschäft. "Es war eine gute Sache für unser Land. Diese Zeit hat uns stolz gemacht", erzählt er.

Die überzogenen Erwartungen vieler Landsleute an das Turnier hat er nie geteilt. Ihm sei immer klar gewesen, dass sich sein Leben durch die WM nicht ändern werde. "Aber die Erinnerungen kann mir keiner nehmen."

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