Brandanschlag

Sporthalle in Nauen wird wieder aufgebaut

Kampf gegen den Rechtsextremismus: Nauen ein Jahr nach dem Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft.

Foto: Julian Stähle / dpa

Nauen. Neben dem Oberstufenzentrum von Nauen im Havelland liegen Sandhaufen. "Wir bauen die Sporthalle für vier Millionen Euro wieder auf", sagt Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD). "Auch als Zeichen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen." Die alte Sporthalle war in der Nacht zum 25. August 2015 in Brand gesetzt worden, kurz bevor dort rund 100 Flüchtlinge ein Notquartier beziehen sollten. Den mutmaßlichen Tätern aus der rechten Szene um den NPD-Stadtverordneten Maik Schneider soll bald der Prozess gemacht werden.

"Als ich an jenem 25. August in den frühen Morgenstunden über den Brand der OSZ-Turnhalle informiert wurde, hatte ich sofort ein ungutes Gefühl", erinnert sich der Bürgermeister. "Nachdem sich bestätigt hatte, dass es sich dabei um einen gezielten Anschlag handelte, war ich natürlich erst einmal schockiert und fassungslos." Er fügt gegenüber der Berliner Morgenpost hinzu: "Auch wenn wir wussten, dass die Stimmung in unserer Stadt aufgeheizt war – mit solch einer schlimmen Tat hatten wir nicht gerechnet. Das Bild der abgebrannten Turnhalle werde ich noch lange im Kopf behalten."

Er sei traurig darüber gewesen, dass dies nun das Bild wäre, welches von Nauen bleiben würde. "Nauen ist keine Stadt voller Rassisten", seit dem Brandanschlag habe sich vieles geändert, sagt Fleischmann. "Wir haben einen runden Tisch gegründet, und immer mehr Bürger engagieren sich in Willkommensinitiativen", so der Bürgermeister. Im Nauener Kinosommer liefen Filme zur Thematik Flüchtlinge. Die Stadt organisiert Podiumsdiskussionen, auf denen Geflüchtete von ihrem Schicksal berichten.

Die Mittel für die Jegendarbeit halbiert

Die veränderte Stadtpolitik bestätigt Dirk Wilking vom Potsdamer demos­Institut, das Gemeinden in Brandenburg im Kampf gegen Rechtsextremismus berät. "Früher waren wir die Feinde – und jetzt ruft uns der Bürgermeister", sagt Wilking. Seine Einschätzung: "Das Problem in Nauen sind weniger die Nazis, sondern dass es lange keine Gegenkräfte gab." Gegendemonstranten wie bei vielen rechten Kundgebungen zur Asylpolitik seien ausgeblieben. Zudem sei die Stadtpolitik völlig verkrustet gewesen, meint der Experte. "Das ist die Beton-SPD: Fleischmann ist schon seit mehr als 20 Jahren an der Stadtspitze", sagt Wilking. "Da wurden die Mittel für die Jugendarbeit halbiert und das Problem des Rechtsextremismus ausgeblendet." So hätten die Rechten leichteres Spiel und ihre Umtriebe erreichten schon ein halbes Jahr vor dem Anschlag ein gefährliches Ausmaß. "Da wurde von einer Gruppe um den NPD-Mann Schneider eine Sitzung des Stadtparlaments gesprengt, in der über den Bau eines Flüchtlingsheims entschieden wurde", so der Experte. "So etwas ist hochgefährlich für die Demokratie. Aber vom Bürgermeister kam wenig dazu."

Schon mehrfach seien aber inzwischen Mitarbeiter des Instituts zu Informationsveranstaltungen in Nauen eingeladen worden. Auch zu einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Brandanschlags an diesem Mittwochabend. "Und die Fraktionen im Stadtparlament haben sich gegen rechts zusammengeschlossen und treten Aktionen der Rechten entschlossen entgegen", so Wilking.

Prozess gegen die Brandstifter startet bald

Eine positive Entwicklung beobachtet auch Nico Schlott, der sich in seiner Heimatstadt seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert. "Es ist derzeit ruhig, regelmäßige Demos der Rechten gegen Asylheime wie im vergangenen Jahr gibt es nicht mehr." Sorgen bereitet ihm allerdings, dass das in der rechten Szene beliebte Textilunternehmen Thor Steinar die alte Zuckerfabrik ersteigert hat, unweit des inzwischen fertiggestellten Flüchtlingsheims. "Es wäre nicht gut, wenn sich dort ein Szenetreffpunkt entwickelt", meint Schlott. Bislang sieht man auf dem Gelände nichts von der Firma. Aus seiner Sicht sind einige junge Menschen aus Nauen zur rechten Szene gestoßen, weil sie kaum noch aus dem Ort hinausgekommen seien. "Alle Veränderungen in ihrem kleinen Nauen erscheinen ihnen bedrohlich", meint Schlott. "Das sind keine Nationalisten, sondern Lokalisten." Die Entwicklung eines Jugendlichen hin zur rechten Szene hat er vor Jahren als Betreuer im Jugendförderverein Mikado erlebt. "Er ist irgendwann in Berlin in die Hooliganszene geraten", erzählt Schlott. "Da hatte er dann leider seine Familie gefunden und war verloren."

Derzeit herrscht Ruhe in Nauen. Doch dies könnte sich zum Prozess gegen die mutmaßlichen Brandstifter ändern. Die Staatsanwaltschaft hat vor einem Monat Anklage gegen sechs Männer erhoben, der Rädelsführer soll der Nauener NPD-Mann Schneider sein. Der Prozess vor dem Landgericht Potsdam wird wohl im Herbst beginnen. In Nauen hoffen viele Bürger, dass das Verfahren auch deutlich macht, wie der Rechtsstaat mit Anschlägen umgeht.

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