05.03.13

Bildung

Brandenburg will wieder mit sechs Jahren einschulen

Die Zahl der zurückgestellten Kinder hat sich in Brandenburg fast verdoppelt. Auch Vergleichstests in der sechsten Klasse werden abgeschafft.

Von Gudrun Mallwitz und Florentine Anders
Foto: ZB

Finger hoch: In Brandenburg sollen die Kinder wieder in einem Alter von sechs Jahren in die erste Klasse gehen. Frühere Einschulungen haben sich nicht bewährt
Finger hoch: In Brandenburg sollen die Kinder wieder in einem Alter von sechs Jahren in die erste Klasse gehen. Frühere Einschulungen haben sich nicht bewährt

Brandenburg will künftig die Kinder wieder mit sechs Jahren einschulen und zur alten Stichtagsregelung 30. Juni zurückkehren. Bildungsministerin Martina Münch (parteilos) kündigte am Montag in Potsdam an, eine Änderung des Einschulungsalters prüfen zu lassen. Die Ministerin begründete dies damit, dass die Zahl der Rückstellungen deutlich gestiegen sei – von 6,8 auf zwölf Prozent eines Jahrgangs.

Gerade bei den knapp Sechsjährigen würden auch flankierende Maßnahmen oftmals nicht deren Defizite ausgleichen. Als Beispiel nannte Münch Konzentrationsschwäche. Momentan werden Kinder regulär eingeschult, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden. Da das Schuljahr meist im Sommer beginnt, kommen somit sehr viele Fünfjährige in die erste Klasse.

Bildungsministerin Münch verweist auf eine damalige Empfehlung der Kultusministerkonferenz, das Einschulungsalter vorzuziehen. Der Hintergrund: Deutschlands Schüler sind relativ alt, wenn sie Abitur machen. Vor einigen Jahren waren auch noch 13 Jahre bis zum Abitur Pflicht. Brandenburg gehörte zu den Ländern, die das Einschulungsalter daraufhin vorgezogen hatten.

Auch in Berlin ist das frühe Einschulungsalter umstritten

"Die mögliche Rückkehr zur ursprünglichen Regelung 30. Juni wird frühestens Kinder betreffen, die im Schuljahr 2015/16 eingeschult werden", sagte Bildungsministerin Münch. Das habe mit den langen Vorlaufzeiten bei den Anmeldeverfahren zu tun.

"Wir machen natürlich keinen Alleingang in Brandenburg", betonte sie. Auch andere Länder wie Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und das Saarland seien den Schritt schon gegangen. Auch in Berlin ist das frühe Einschulungsalter umstritten. Anders als in Brandenburg werden die Kinder hier schon ab fünfeinhalb Jahren eingeschult.

Auch in Berlin ist die Zahl der Kinder, die um ein Jahr von der Schule zurückgestellt werden, in den vergangenen Jahren gestiegen. Die CDU will die Rückstellungen weiter erleichtern und die Eltern darüber entscheiden lassen. Die Grünen haben einen Antrag auf Verschiebung des Stichtages um ein Vierteljahr gestellt.

Vergleichsarbeiten in der sechsten Klasse werden wieder abgeschafft

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will an der Früheinschulung festhalten. Immerhin kündigte sie eine Studie an, die untersuchen soll, ob Kinder, die mit fünfeinhalb Jahren eingeschult wurden, schlechtere Leistungen in der Schule bringen.

Brandenburgs Bildungsministerin Münch kündigte am Montag eine zweite Veränderung in der Grundschule an. Die bei Lehrern und Eltern umstrittenen zentralen Vergleichsarbeiten in der sechsten Klasse werden wieder abgeschafft. Die zentralen Prüfungen in Mathematik und Deutsch dienten ursprünglich als Tests für den Übergang in die weiterführenden Schulen.

"Sie haben sich nicht bewährt", sagte Münch. "Die Grundschulgutachten und die Orientierungsarbeiten in den Jahrgangsstufen 2, 4 und 8 informieren Eltern wie Lehrer verlässlich über die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler." Beide Änderungen sollen in dieser Legislaturperiode bis Herbst 2013 vollzogen, aber erst später wirksam werden.

10.000 Teilnehmer bei Demonstration in Potsdam erwartet

Mit der Abschaffung der Vergleichsarbeiten in der sechsten Klasse kommt die Ministerin Forderungen der Gewerkschaften entgegen. Die Lehrergewerkschaft GEW hat die Tests von Anfang an kritisiert. Die Lehrer in Brandenburg klagen über zunehmende Überlastung.

Am Mittwochnachmittag wollen sich die Lehrer an der zentralen Protestdemonstration in Potsdam beteiligen. Ver.di und GEW sowie die Gewerkschaft der Polizei und der Deutsche Beamtenbund rechnen mit mindestens 10.000 Teilnehmern. Gleichzeitig ruft Ver.di die Angestellten, Arbeiter und Auszubildenden im Brandenburger Landesdienst zum Warnstreik am Mittwoch auf. Aber auch die Schüler sollen entlastet werden.

Die Vergleichsarbeiten waren zum Schuljahr 2007/8 unter dem damaligen Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) eingeführt worden. Sie hatten bei den Eltern für große Empörung gesorgt, da die 45-minütigen Tests die Hürde für den Übergang an das Gymnasium höher legten. Zunächst zählten die Arbeiten für die Note im Übertrittszeugnis zu 40 Prozent, später nur noch zu 20 Prozent.

CDU kritisiert Plan der rot-roten Regierung

"Endlich verabschiedet sich das Bildungsministerium von der Testeritis", sagte der Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Günther Fuchs. "Dies ist längst überfällig", so Fuchs. "Wir haben zu viele von diesen Arbeiten, ohne gleichzeitig den Schülern genügend Unterstützung anzubieten."

Die CDU hingegen hatte die Einführung der Arbeiten begrüßt. Sie reagierte damals in der Regierung mit. Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg, Gordon Hoffmann, kritisierte jetzt auch den Plan von Rot-Rot scharf, auf die Vergleichsarbeiten für Sechstklässler wieder zu verzichten.

"Bildungsministerin Münch tritt nur noch durch blanken, ziellosen Aktionismus in Erscheinung", sagte Hoffmann am Montag in Potsdam. Er appellierte an Münch: "Brandenburgs Schulen sind keine Spielwiese, wo die Spielregeln nach Gutdünken geändert werden können." Der blinde Aktionismus der Ministerin sei nicht zielführend. "Ministerin Münch schafft Verunsicherung und bewirkt das Gegenteil der von vielen Pädagogen angemahnten Kontinuität in der Bildungspolitik", so der CDU-Politiker.

In der rot-roten Koalition herrscht indes Einigkeit darüber, die Vergleichsarbeiten in der sechsten Klasse zu streichen. Die Bildungsexpertin der Linke-Landtagsfraktion, Gerrit Große, sagte: "Als Auswahlkriterium für die weitere Schulkarriere sind die Tests ungeeignet."

Ähnliche Forderungen kommen auch aus Berlin

Vergleichsarbeiten seien nur dann ein sinnvolles Instrument, wenn die Lehrer danach die Schüler gezielt fördern können. Das sei aber am Ende der Grundschulzeit gar nicht mehr möglich, sagt auch Sigrid Baumgardt, Vorsitzende des Landesverbandes der GEW Berlin.

In Berlin gibt es zwar die zentralen Tests in den sechsten Klassen nicht, aber auch für Berliner Lehrer fordert die GEW Entlastung bei den anderen zentralen Tests. Überfordert fühlen sich viele Lehrer von den Vergleichsarbeiten der achten Klassen, die in Berlin derzeit kontrolliert werden müssen.

"Die Lehrer verwenden mehrere Tage mit der Durchsicht und dem Eingeben der Ergebnisse in die zentrale Datenbank", sagt Sigrid Baumgardt. Die Gewerkschaft fordert mehr Zeit für die Lehrer, um die Tests auch für ihren Unterricht analysieren zu können. Die Diagnose komme derzeit zu kurz.

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