28.02.13

Brandenburg

Im Mordprozess Scholl wird um Beweise und Indizien gerungen

Das Urteil gegen den Ex-Kommunalpolitiker Heinrich Scholl verzögert sich. Die Verteidigung will zusätzliche Zeugen hören.

Von Hans H. Nibbrig
Foto: dpa

Er gehörte er zu den erfolgreichsten Kommunalpolitikern Brandenburgs. Doch nun wurde der Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Heinrich Scholl (Foto-Mitte) hat laut Gericht seine Frau Brigitte (67) Ende Dezember 2011 in einem Waldstück erdrosselt. Auf dem Foto: der Angeklagte mit seinen Anwälten im Verhandlungssaal des Potsdamer Schwurgerichts.

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Der 28. Februar 2013 war ein wichtiger Tag in der Planung des Landgerichts Potsdam. An diesem Tag sollte das Urteil im Mordprozess gegen den Ex-Kommunalpolitiker Heinrich Scholl gesprochen werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem langjährigen Bürgermeister von Ludwigsfelde (Teltow-Flämig) vor, im Dezember 2011 seine Ehefrau Brigitte erdrosselt zu haben. Ob er tatsächlich schuldig ist, diese Frage bleibt einstweilen weiter unbeantwortet.

Denn statt ihr Urteil zu verkünden, hörten die Richter der Schwurgerichtskammer am Donnerstag weitere Zeugen an. Das Ende des von Medien und Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgten Prozesses ist noch nicht abzusehen.

Prozess läuft seit vier Monaten

Seit vier Monaten verhandelt die Kammer unter Vorsitz von Frank Thiemann. An den bislang 25 Verhandlungstagen wurden knapp 100 Zeugen und mehrere Sachverständige gehört. Endgültige Klarheit haben die bislang nicht gebracht.

Für die Staatsanwaltschaft steht nach wie vor fest: Der Angeklagte hatte ein handfestes Motiv und die Gelegenheit zur Tat. Was er nicht hat, ist ein lückenloses Alibi für die Tatzeit.

Die Verteidigung hingegen hat erhebliche Zweifel, sowohl an der Beweiskraft der von der Anklage zusammengetragenen Indizien, als auch an der Glaubwürdigkeit mehrerer Zeugen, die den Angeklagten zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes gesehen haben wollen. Scholl selbst hat den Mordvorwurf schon bei seinen ersten Vernehmungen durch die Polizei vehement abgestritten. Im Prozess selbst hat der 70-Jährige vom ersten Tag an geschwiegen.

Ihr Kopf steckte in einer Plastiktüte

Am 29. Dezember 2011 meldete Scholl selbst seine 67 Jahre alte Ehefrau bei der Polizei als vermisst. Die Beamten empfahlen ihm, erst einmal abzuwarten. Mit dem Sohn seiner Ehefrau aus erster Ehe und einem befreundeten Tierarzt suchte Scholl daraufhin am nächsten Tag ein Waldstück in unmittelbarer Nähe des Hauses der Familie ab.

Dort fand das Trio schließlich die nur oberflächlich verscharrte Leiche von Brigitte Scholl. Ihr Kopf steckte in einer Plastiktüte, um ihren Hals war ein Schnürsenkel geschlungen. Neben ihr lag der Hund der Familie, ebenfalls tot.

Die rechtsmedizinische Untersuchung ergab, dass die Frau beim Auffinden etwa 24 Stunden tot war. Wenige Tage später wurde ihr Ehemann unter dringendem Mordverdacht festgenommen.

Brigitte Scholl war eindeutig der dominante Part

Das Motiv für die Tat sieht die Staatsanwaltschaft in seiner offenbar völlig zerrütteten Ehe und der dort herrschenden Rollenverteilung. Heinrich Scholl gilt vielen in Ludwigsfelde als Macher, zwischen 1990 und 2008 hat er in seiner Zeit als Bürgermeister eine Menge Positives bewirkt.

In der Ehe jedoch war Brigitte Scholl eindeutig der dominante Part. Auch in der Öffentlichkeit soll sie das oft und gern demonstriert haben. Eine Freundin des Ehepaares schilderte dem Gericht als Zeugin ein Gespräch, in dem Brigitte Scholl über ihren Mann sagte: "Der Wurzelzwerg gibt Widerworte."

Seine Körpergröße war für Heinrich Scholl offenbar ein Problem. So rief er einmal den Lokalchef der örtlichen Zeitung an, weil seine Größe in einem Artikel mit 1,59 Meter angegeben wurde. Scholl soll dabei eine Gegendarstellung verlangt haben, 1,60 Meter und nicht 1,59 Meter sei er groß.

Die Drangsalierung durch seine Frau müsse er als ausgesprochen demütigend empfunden haben, da dürfte sich einiges an Hass aufgestaut haben, glaubt die Staatsanwaltschaft.

Die Anklagebehörde sieht nicht nur ein klares Tatmotiv, sie bringt auch das Gutachten eine Biochemikers des Landeskriminalamtes vor (LKA). Er hatte am Slip der Ermordeten DNA-Spuren festgestellt die vom Angeklagten stammen könnten. Konkrete Beweise sehen anders aus.

Auch um die Beweiskraft einiger Zeugen, die das Ehepaar am Tattag gemeinsam in Tatortnähe gesehen haben wollen, ist es nicht sonderlich gut bestellt. In ihren Befragungen durch die Richter verwechselten sie mehrfach Tage und Stunden.

Es gibt aber auch Zeugen, die in ihren Aussagen eindeutig sind, unter anderem ein Zeuge, der den Angeklagten nach der Tat im Wagen seiner Ehefrau gesehen haben will und sich da "absolut sicher ist", wie er gegenüber dem Gericht beteuerte.

Klassische Strategie von Verteidigern in reinen Indizienprozessen

Die Verteidigung hegt Zweifel an diesen Aussagen und folgt damit der klassischen Strategie von Verteidigern in reinen Indizienprozessen: Begründete Zweifel wecken.

An den beiden Verhandlungstagen in dieser Woche – die Kammer hatte sich schon auf die Schlussplädoyers eingestellt – stellten die Verteidiger weitere Beweisanträge. Einen Befangenheitsantrag gegen den LKA-Sachverständigen lehnten die Richter zwar ab, gaben der Verteidigung aber Gelegenheit, ihn nochmals zu befragen.

Auch Anträgen der Verteidigung auf Anhörung weiterer Zeugen gaben die Richter trotz des in Verzug geratenen Zeitplans statt. Sie gehen auf Nummer sicher, denn es geht um Mord und eine lebenslange Freiheitsstrafe, die im Fall eines 70 Jahre alten Angeklagten durchaus wörtlich zu nehmen ist. Und nichts ist für Richter an Schwurgerichtskammern unangenehmer, als eine Aufhebung ihres Urteils durch die nächste Instanz mit der Begründung, entlastenden Hinweisen sei nicht ausreichend nachgegangen worden.

Und so wird im Landgericht Potsdam weiter um Beweise und Indizien, um Schuld oder Unschuld gerungen. Wie lange noch, ist unklar. Der Prozess gegen Heinrich Scholl ist in seiner Schlussphase zur Hängepartie geworden, ein Urteil soll voraussichtlich im März folgen.

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