27.02.13

Flüchtlinge

Was in Brandenburgs Ausländerbehörde schief läuft

In der zentralen Ausländerbehörde ist es nicht nur beengt, sondern auch schmutzig. Es kann noch bis 2016 dauern, bis sich die Lage verbessert.

Von Jeanette Bederke
Foto: dpa

Viele Familien leben in der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs mit mehreren Kindern in nur einem Raum
Viele Familien leben in der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs mit mehreren Kindern in nur einem Raum

Der erste Eindruck, den Flüchtlinge von Brandenburg bekommen, ist alles andere als einladend. Es ist eng, heruntergekommen und hellhörig, vor allem für Familien, die meist mit mehreren Kindern in nur einem Raum der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt untergebracht sind.

Ruhe und Privatsphäre gibt es nirgends: Stimmengewirr unterschiedlichster Sprachen sorgt für einen stetigen Geräuschpegel, dazu Kindergeschrei, Töpfeklappern und auch lautstarke Auseinandersetzungen. Es herrscht eine anstrengende Atmosphäre in der zentralen Aufnahmestelle des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt.

Parolen auf den Wänden

Auf den ersten Blick wird deutlich: Sowohl im sogenannten Männerhaus, als auch in dem Familienquartier wurde lange nichts gemacht. Die kargen Einrichtungsgegenstände stammen teilweise noch aus DDR-Zeiten, die Wände sind schmutzig, die ursprüngliche Farbe ist kaum noch erkennbar. Wer kann, hat es sich zumindest etwas wohnlicher gemacht: Aus Afrika stammende Flüchtlinge bemalten in ihrem Zimmer die Wände – mit farbenfrohen Ansichten aus der Heimat.

"Ob Ost oder West, die Heimat ist das Beste" steht dort zudem auf Englisch geschrieben. Es verdeutlicht, dass die meisten Asylbewerber nicht freiwillig ihr Heil in der Fremde suchen, sondern durch wirtschaftliche Not oder aufgrund politischer Verfolgung dazu getrieben wurden. Insgesamt 469 Menschen aus 18 unterschiedlichen Nationen, darunter allein 150 Kinder, leben derzeit auf dem Areal, in einstigen Kasernen der DDR-Volkspolizei, die 1991 in Windeseile zum zeitweiligen Quartier von Fremden gemacht wurden.

Zum Komplex gehört eine Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das die Asylanträge der ausländischen Ankömmlinge bearbeitet. Sind die ersten Formalitäten – darunter auch eine medizinische Untersuchung vor allem auf ansteckende Krankheiten – erledigt, werden die Asylbewerber auf andere Heime in Zuständigkeit der Landkreise und Kommunen gebracht, um dort dann auf die Bearbeitung ihrer Anträge zu warten.

Flüchtlingszahlen haben sich extrem erhöht

Noch vor 20 Jahren waren durchschnittlich 2000 Ausländer in Eisenhüttenstadt untergebracht. Ab Mitte der 90er-Jahre wurde der Flüchtlingszustrom von Jahr zu Jahr geringer, sodass das Land Brandenburg bereits darüber nachdachte, die zentrale Erstaufnahme-Einrichtung in Eisenhüttenstadt teilweise oder ganz zu schließen oder aber mit einer ähnlichen Behörde in Berlin zusammenzulegen. "Keiner konnte damit rechnen, dass sich die Flüchtlingszahlen plötzlich so exorbitant erhöhen", sagt Innenstaatssekretär Rudolf Zeeb.

Im vergangenen Jahr war die Zahl der Asyl-Erstanträge in Eisenhüttenstadt um 41 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Statt einer teilweisen Schließung ging es seinen Angaben nach nunmehr wieder um eine "Ertüchtigung" der Immobilie. Als Sofortmaßnahme wurden Wohn-Container aufgestellt, auch deshalb, weil die Erstaufnahme an ihre Kapazitätsgrenzen von 500 Personen stieß. Maximal drei Monate sollen die Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt bleiben, oftmals dauerte das Warten in der unwirtlichen Erstaufnahme allerdings länger.

Durchschnittlich waren es im vergangenen Jahr 51 bis 92 Tage, wie der amtierende Leiter in Eisenhüttenstadt, Norbert Wendorf, berichtet. "Wir hatten einen ziemlichen Ansturm aus Serbien - die konnten wir so schnell gar nicht verteilen", sagt er fast entschuldigend. Krisenherde in Syrien, Afghanistan und auf dem westlichen Balkan sorgen dafür, das die Zahl der Flüchtlinge auch in diesem Jahr nicht abreist. Das lange Warten lag nach Ansicht des Landes vor allem daran, dass die Kreise ihrerseits bisherige Heime geschlossen hatten und sich nicht in der Lage sahen, plötzlich wieder jede Menge Flüchtlinge – insgesamt 1389 im vergangenen Jahr – aufzunehmen.

Erst 2015 oder 2016 bezugsfertig

Inzwischen hat sich die Lage laut Zeeb etwas entspannt. Die dezentralen Gemeinschafts-Unterkünfte im Land werden hergerichtet, zudem neue, individuelle Quartiere geschaffen. Seit November 2012 gibt es in Eisenhüttenstadt dreimal wöchentlich Deutschunterricht für Flüchtlingskinder zwischen 6 und 15 Jahren.

Die Landesregierung hat zudem beschlossen für 7,5 Millionen Euro das sogenannte Männerhaus umfassend zu sanieren und die Unterkunft für Familien abzureißen und dafür eine neue zu bauen. Bis Flüchtlinge in den Genuss einer menschenwürdigeren Unterbringung kommen, wird es allerdings Jahre dauern. Erst 2015 oder 2016 sollen die Häuser bezugsfertig sein.

Defizite, die damit allerdings nicht behoben sind, betreffen eher die Betreuung der Asylbewerber. Ein Kindergarten der vormittags und nachmittags jeweils zwei Stunden geöffnet hat, wird nach Auskunft von Betreuern rege genutzt, ebenso ein Internetcafé auf dem Gelände. Laut Wendorf gibt es vor Ort allerdings keine psychologische Beratung beispielsweise für traumatisierte Flüchtlinge. "In Fürstenwalde kümmert sich ein Verein darum, aber wir können ja nicht alle dorthin verteilen", sagt er Schulter zuckend. Von Asylbewerbern selbst gibt es kaum Klage angesichts der widrigen Bedingungen in Eisenhüttenstadt. Sind sie doch froh, nach teilweise abenteuerlicher Flucht aus der Heimat überhaupt eine Bleibe zu haben.

Winziges Einzelzimmer

Muhamed I. aus dem Iran ist einer der wenigen, der zumindest ein winziges Einzelzimmer hat. Der schüchtern wirkende junge Iraner ist augenkrank, wird fast täglich behandelt und zeigt sich dafür äußerst dankbar. Viele trösten sich zudem mit der Aussicht auf ein "besseres Leben" nach der Verteilung auf andere Unterkünfte im Land.

In großer Vorfreude ist beispielsweise Sniejana Genze, die in einem spärlich möblierten Container-Zimmer versucht, das heillose Durcheinander zu ordnen. "Ich muss packen, morgen fahren wir nach Wiesenburg, bekommen dort eine eigene Wohnung", erzählt die 36-Jährige, während ihr zwei kleine Mädchen ständig dazwischenfunken. Sie freut sich vor allem, Küche und Bad dann nicht länger mit Dutzenden Fremden teilen zu müssen und mehr Platz zu haben. Sniejana gehört mit Mann und vier Kindern zur tschetschenischen Minderheit, der aktuell größten Flüchtlingsgruppe in Eisenhüttenstadt.

Ein Bleiberecht haben nur die wenigsten, die meisten Asylanträge werden als "unbegründet" abgelehnt. Wer seinen "Abschiebe-Bescheid" erhält und nicht freiwillig gehen will, landet in der Eisenhüttenstädter Abschiebehaft, einem grauen, mit Stacheldraht umzäunten Komplex in Sichtweite des Erstaufnahmelagers.

Der Zellentrakt ist kein Ort für Mütter mit Kindern. Im Falle von abzuschiebenden Familien wird laut Wendorf nur der Mann dort zeitweise einquartiert. Im Gegensatz zur Erstaufnahme ist die 1999 neue gebaute Abschiebehaft mit 108 Plätzen gut in Schuss, aber in der Regel unterbelegt, sodass es laut Staatssekretär Zeeb das Angebot Brandenburgs gibt, dort künftig auch die Berliner Abschiebe-Flüchtlinge unterzubringen.

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