29.01.13

Grenzgebiet

Autodiebe in Brandenburg gehen immer dreister vor

Autodiebe in der Grenzregion sind gut organisiert. Im Straßenverkehr führen sie Unfälle herbei, sogar Sperren sind mittlerweile wirkungslos.

Von Jeanette Bederke
Foto: ZB

Grenzkriminalität: Mit „Nagelsperren“ lassen sich die wenigsten Täter noch stoppen
Grenzkriminalität: Mit "Nagelsperren" lassen sich die wenigsten Täter noch stoppen

Dass Bewohner der deutsch-polnischen Grenzregion gefährlich leben, weil sie häufig von Dieben heimgesucht werden, ist bekannt. Dass sie aber auch im normalen Straßenverkehr unfreiwillig in schlimme, bewusst in Kauf genommene Unfälle verwickelt werden können, ist wohl noch nicht jedem bekannt. Frankfurter konnten so etwas erst vor ein paar Tagen miterleben: Ein in Braunschweig gestohlener Wagen mit falschen Kennzeichen fällt Polizisten auf.

Sie versuchen das Fahrzeug zu stoppen, doch der Mann hinter dem Steuer gibt Gas. Zum innerstädtischen Grenzübergang "Stadtbrücke" ist es nicht weit. Und ist das Auto erst über die Grenze nach Polen entschwunden, wird die Verfolgung durch die deutschen Ordnungshüter schwer. Bei seiner Flucht streift der Autodieb mit dem Fahrzeug zunächst ein unbeteiligtes Auto, schiebt schließlich ein zweites vor sich her, das vorschriftsmäßig an einer roten Ampel gehalten hatte.

Kein Einzelfall, wie Jens Starigk, Leiter der Polizei-Soko "Grenze", sagt. Erst kürzlich hatte ein anderer Täter bei seiner Flucht auf der Autobahn 12 ein Trümmerfeld mit drei demolierten Transportern der Bundespolizei hinterlassen. Anfang der Wochen war in Schwedt ein Auto mit gestohlenen Kennzeichen mit einem Linienbus kollidiert und anschließend geflüchtet. "Die Professionalität und auch die Skrupellosigkeit der Autodiebe wächst", betont Kriminalrat Starigk.

Straßensperren sind wirkungslos geworden

Diese Banden seien gut organisiert, mobil – entwendeten in Brandenburg ebenso wie in Niedersachsen Autos – und verfügten über eine gute "Gegenaufklärung". "Bevor die überhaupt zuschlagen, haben sie das Terrain genauestens ausgekundschaftet." Komme ihnen die Polizei doch einmal auf die Spur, versuchten sie "auf Biegen und Brechen", über die Grenze zu entkommen.

Da würden selbst Straßensperren oder die sogenannten "Stopp-Sticks" als Nachfolger der Nagelgurte nichts nützen. "Sind die Reifen hin, fahren die auf den Felgen weiter. Auch Kennzeichendiebstahl stehe hoch im Kurs. Die Autoschilder würden genutzt, um gestohlene Fahrzeuge zu "legalisieren".

Zugenommen haben nach Angaben des Experten sogenannte "Jacking-Fälle", bei denen sich die Gauner mithilfe von Trickdiebstählen in den Besitz von Originalschlüsseln und -papieren bringen, um dann damit die zugehörigen Fahrzeuge zu klauen. "Dazu wird in Wohnungen, Werkstätten, Firmenbüros eingebrochen, auch in Umkleidekabinen von Schwimmhallen", beschreibt Starigk.

Polizei will mehr Videoüberwachung

Steigende Tendenz gibt es auch beim betrügerischen Anmieten von Fahrzeugen. "Entweder weisen sich die potenziellen Anmieter mit falschen Papieren aus und verschwinden mit den Autos auf Nimmerwiedersehen, oder sie melden die Fahrzeuge als angeblich gestohlen", beschreibt Starigk.

Zum Transfer über die Grenze nutzen die Diebesbanden alle Übergänge nach Polen – je nach der schnellsten Verbindung zwischen Tatort und Grenze. "Die Zahl von Autodiebstählen ist noch immer auf einem hohen Niveau", konstatiert der Soko-Leiter. Genaue Fall-Zahlen und Aufklärungsquoten für das vergangenen Jahr kann er noch nicht nennen.

Sich wieder direkt an den Grenzübergängen zu postieren wie vor dem Schengen-Beitritt Polens, bringt nach Ansicht des Kriminalrats nichts. "Da erreichen wir nur eine Verdrängung und sonst nichts." Außerdem sei es personell gar nicht machbar, an allen Übertrittstellen durchweg präsent zu sein. Seiner Ansicht nach müssten im Kampf gegen den Autoklau die Befugnisse der Polizei verbessert werden – mit technischen Mitteln wie der Videoüberwachung und dem Einsatz der Kennzeichenerfassung sowie mit fachlichen Strukturen wie gemeinsamen deutsch-polnischen Ermittlungsgruppen.

Gute Kooperation mit polnischen Kollegen

Laut Kriminalrat Starigk habe die aus 95 Ermittlern bestehende Soko "Grenze" ein Jahr gebraucht, um sich "professionell aufzustellen" – auch in der Kooperation mit den drei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, die der Brandenburger Innenminister der Grenzregion im Kampf gegen den Autoklau zur Verfügung gestellt hat. Besser "verzahnt" sei die Soko inzwischen mit Experten des Landeskriminalamtes sowie Bundespolizei und Zoll.

Zudem habe sich die Kooperation mit den polnischen Kollegen verbessert. Denn noch immer sei die Grenze ein Hemmnis für die Ermittlungsarbeit. "Ein Großteil der Täter stammt aus Polen, zudem werden viele gestohlene Wagen dorthin gebracht. Da brauchen wir die Dienststellen vor Ort", macht der Soko-Chef deutlich.

Zerschlagung kleinerer Banden

In Bezug auf erweiterte Ermittlungskompetenzen sieht er den Bund in der Pflicht. "Wir brauchen eine europäische Ermittlungsanordnung, um im Umfeld von Tätern agieren und Tatverdächtige vernehmen zu können, unabhängig davon, ob die Behörden des jeweiligen Herkunftslandes selbst ein Strafverfahren gegen den Betreffenden führen."

Bisher laufe alles über den "großen, zeitaufwendigen Weg der Rechtshilfe", in den LKA, BKA und die polnische Regierung involviert werden müssten, wenn die Polizei die zuständigen polnischen Dienststellen veranlassen will, einen Tatverdächtigen im Nachbarland zu vernehmen. "Dadurch ist es für uns schwer, an die Hintermänner der Autoklaubanden zu gelangen", sagt Starigk. Erfolge habe die Soko durchaus. Kleinere Banden, die Autos klauen, in Werkstätten zerlegen oder frisieren und sie dann weiterverkaufen, konnten schon zerschlagen werden.

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