28.12.12

Storkow

Entführer beobachtete sein Opfer sechs Monate lang

Die Suche nach dem Entführer von Storkow geht weiter. Es gibt 441 Hinweise. Der Täter könnte in Berlin untergetaucht sein.

Von Ulla Reinhard
Foto: Steffen Pletl

Ein Berliner Investment-Manager erlebte qualvolle Stunden in der Hand eines Entführers. Im September 2013 fasste die Polizei einen Verdächtigen.

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Eines der für die Ermittlungen wichtigsten Details hat der Entführer von Storkow in Brandenburg seinem Opfer selbst erzählt. Es waren die Tage, in denen der Berliner Investmentmanager Stefan T. (51) gefesselt auf einer Luftmatratze im Schilf lag und um sein Leben fürchtete. Und es war der spektakulärste Kriminalfall des Jahres in Brandenburg.

Ein Unbekannter hatte Anfang Oktober 2012 den Berliner Investmentbanker Stefan T. entführt. Der Täter hielt sich die ganze Zeit in der Nähe seines Opfers auf, doch etwas zu essen gab er ihm nicht. Irgendwann erzählte er ihm dann aber, dass er das Haus und die Lebensgewohnheiten von Stefan T. sechs Monate lang beobachtet hatte.

Stefan T. wiederum erzählte das den Beamten, nachdem ihm die spektakuläre Flucht vor seinem Peiniger gelungen war. Die Ermittler schlossen aus diesem Hinweis, der vom Täter selbst stammte, dass er aus der Nähe kommen und über gute Ortskenntnisse verfügen musste. Denn das Haus von Stefan T. liegt am See. Der Täter hatte es vermutlich vom Wasser aus beobachtet.

Projektil wurde gefunden

Diese Erkenntnis ist jetzt fast drei Monate her, die Ermittler haben zudem das Projektil aus einer Waffe gefunden, die bereits bei einem anderen Kriminalfall verwendet worden war.

Es handelt sich demnach um denselben Täter, der mehrere Anschläge auf die Unternehmerfamilie P. verübte und dabei unter anderem einen Wachmann anschoss und lebensgefährlich verletzte.

441 Hinweise sind bei der Polizei bislang auf diesen Mann eingegangen. Doch der Entführer von Storkow läuft noch immer frei herum. Inzwischen halten es die Beamten für möglich, dass er in Berlin untergetaucht ist. "Wir ermitteln intensiv", heißt es immer wieder von der Polizei, ohne dass diese Aussage konkretisiert wird.

So lief die Tat am 5. Oktober ab

Am Abend des 5. Oktober 2012 hatte sich der Täter gegen 21.30 Uhr vom See auf das Grundstück von Stefan T. geschlichen. Als die Frau von T. die Tür öffnete, um den Hund rauszulassen, wurde sie von dem Mann überwältigt und ins Haus zurückgedrängt. Dabei schoss er in die Decke.

Im Haus zwang er die Frau mit vorgehaltener Waffe, ihren Mann zu fesseln und ihm die Augen zu verkleben. Auch der zehn Jahre alte Sohn des Ehepaars hielt sich im Haus auf. Der Entführer kündigte an, Lösegeld in Millionenhöhe zu fordern. Zudem soll er nach Polizeiangaben wörtlich gedroht haben: "Sollten Sie die Polizei einschalten, schieße ich Ihren Mann zusammen und hole mir Ihr Kind."

Vom Haus schleppte er Stefan T. dann zum See, wo er ein Kajak liegen hatte. T. musste sich gefesselt an das Boot klammern, während ihn sein Entführer durch den See ruderte. Hätte T. losgelassen, wäre er vermutlich ertrunken. Wegen der Fesseln hätte er nicht schwimmen können.

Opfer musste Wasser aus dem See trinken

Auf einer Schilfinsel nahe Wendisch Rietz legte der Entführer sein Opfer vermutlich auf einer Luftmatratze ab. Er hüllte Stefan T. in Folie ein und drückte ihm einen Schlauch in den Mund, damit er Wasser aus dem See trinken könnte.

Die nächsten 30 Stunden verbrachten Täter und Opfer gemeinsam auf der Schilfinsel. Zwei Nächte erlebte der 51 Jahre alte Geschäftsmann gefesselt unter freiem Himmel und in Todesangst.

Während dieser Zeit erzählte der Täter Stefan T. nicht nur, wie lange er ihn ausspioniert hatte. Der Entführer erklärte Stefan T. auch, wie es nun weitergehen sollte.

Er hatte sich einen ausgeklügelten Plan zurechtgelegt. "Es war eine Art Schnitzeljagd, die er veranstalten wollte", sagt ein Sprecher der Polizei. Um diesen Plan umzusetzen, befreite der Täter Stefan T. für eine gewisse Zeit zumindest an den Händen. Dann gab er ihm Papier sowie einen Stift und fing an zu diktieren. T. musste Briefe schreiben, durch die der Täter seinen Plan vorantreiben wollte. Über den genauen Inhalt der Schreiben sagt die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht viel.

Aus einem Brief, den Stefan T. bei seiner Flucht mitnehmen konnte, ergibt sich nach Angaben eines Ermittlers jedoch, dass sich die Frau von T. ein GPS-Gerät kaufen und verschiedene Koordinationsdaten eingeben sollte. Ob der Entführer an diesen Orten nach und nach das Lösegeld einsammeln wollte, ist unklar. Er soll T. gesagt haben, dass er nun für einige Tage weg müsse.

Ehefrau schaltete die Polizei ein

Die Ehefrau von T. spielt nicht nur in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle in diesem Fall. Sie schaltete entgegen der Anweisung des Täters die Polizei ein, was die Ermittler später ausdrücklich als richtig anerkannten. Vermutlich ist es auch einer instinktiven Handlung der Frau zu verdanken, dass Stefan T. überlebte. Denn als sie ihren Ehemann fesselte, soll sie die Schnüre nicht ganz so fest zugezogen haben.

Am frühen Morgen des 7. Oktobers 2012 gelang es T., die Fesseln abzustreifen und zu fliehen. Der Täter soll sich zu diesem Zeitpunkt in einiger Entfernung aufgehalten haben. Trotz seines geschwächten und unterkühlten Zustands rannte T. so schnell, dass ihn der Täter nicht einholen konnte. Eine Weile soll er sein Opfer verfolgt, dann aber aufgegeben haben und seinerseits geflüchtet sein.

T. klingelte bei einem Ehepaar in Wendisch Rietz, das ihm Unterschlupf gewährte. Obwohl er sofort die Polizei rief, dauerte es eine ganze Weile, bis Streifenbeamte vorbeikamen. Dies wurde später in den Medien kritisiert, von der Polizei aber ausdrücklich verteidigt. In dem Gebiet rund ums Schilf seien ohnehin Ermittler unterwegs gewesen. Zu keinem Zeitpunkt sei T. in Gefahr gewesen.

Hubschrauber kreiste über dem See

In den folgenden Tagen und Wochen weitete sich die Suchaktion zu einer der größten Brandenburgs aus. Die Polizei gründete die Einsatzgruppe "Imker" – benannt nach der Maskierung des Täters, die einer Imkerhaube ähnelt.

Bis zu 300 Beamte durchstreiften Straßenzüge, Wald- und Sumpfgebiete. Tagelang kreiste ein mit einer Wärmebildkamera ausgestatteter Hubschrauber über dem Großen Storkower See. Auf den Gewässern waren Boote der Wasserschutzpolizei unterwegs.

Die Beamten fragten Anwohner, Angler und Sportbootführer, ob sie verdächtige Beobachtungen gemacht hatten. Sie veröffentlichten ein Foto vom Kajak, das der Täter im Schilf zurückgelassen hatte. Auch in der Sendung "Aktenzeichen XY" wurde nach ihm gefahndet, doch der entscheidende Hinweis blieb trotz der 5,74 Millionen Zuschauer aus.

Entgegen anfänglicher Meldungen konnte die Polizei dem Täter bisher auch keine DNA-Spuren zuordnen. Inzwischen sind noch 60 Beamte mit dem Fall befasst. Die Suche geht weiter.

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