27.12.12

Brandenburg

60.000 Liter Bier sollen aus Fürstenwalde kommen

In der Domstadt wird im Frühjahr 2013 eine Brauerei und auch ein Museum eröffnet. Die Tradition reicht bis ins 15. Jahrhundert.

Von Jeanette Bederke
Foto: ZB

Exponate: Der Direktor des Städtischen Museums, Guido Strohfeldt, zeigt alte Bierflaschen aus der Fürstenwalder Brauerei
Exponate: Der Direktor des Städtischen Museums, Guido Strohfeldt, zeigt alte Bierflaschen aus der Fürstenwalder Brauerei

"5000 Einwohner, gutes Bier", ist in einem Geografiebuch von 1850 vermerkt. Mittlerweile verbindet die Domstadt Fürstenwalde wohl kaum noch jemand mit selbst gebrautem Bier. Dabei hat die Stadt an der Spree eine schon Jahrhunderte währende Brautradition, die 1945 aufgrund der großen Konkurrenz aus Berlin endete und nun wieder aufleben soll. Nicht nur in einem speziellen Museum, sondern auch mit einer eigenen Schau-Brauerei.

Im dekorativen Gewölbekeller des mittelalterlichen Rathauses entsteht gegenwärtig eine interessante Kombination aus Historie, Tradition und moderner Braukunst. Die beiden kupfernen Kessel, in denen das Bier acht Stunden lang gemaischt, geläutert und gekocht wird, stehen schon – ebenso wie die Gär- und Lagertanks aus Edelstahl.

Siegeszug nach Japan

Spätestens Anfang des Jahres 2013 will Peter Seifert mit dem Probesud beginnen, der vier Wochen später verkostet wird. Sobald das Selbstgebraute schmeckt, kann es nach Ansicht des gebürtigen Bremers auch losgehen mit der Schaubrauerei, die derzeit eine Jahreskapazität von 60.000 Litern hat und in die Seifert eigenen Angaben nach rund 300.000 Euro investiert hat. Allerdings fehlt das historische Ambiente noch. Wahrscheinlich erst im Frühjahr 2013 wird aus dem Fundus des städtischen Museums die künftige Brauausstellung zusammengestellt. Der Grund: Das 1511 erbaute alte Rathaus von Fürstenwalde wird derzeit noch saniert.

Rund 2,4 Millionen EU-Fördermittel aus dem Fonds für regionale Entwicklung fließen in die Schönheitskur – unter anderem in den Festsaal, der auch für die Sitzungen des Fürstenwalder Stadtparlaments genutzt wird. In die oberen Etagen ziehen wieder das Standesamt und die städtische Galerie, in den Keller das Brauereimuseum.

Guido Strohfeldt, Leiter des städtischen Museums, freut sich bereits, dass beispielsweise die bis ins 17. Jahrhunderte zurückreichende Sammlung historischer Bierkrüge endlich aus dem Depot geholt und der Öffentlichkeit präsentiert wird. Es gebe eine Fülle weiterer Exponate – darunter eine kleine Abfüllanlage, eine Korkmaschine, Bierkästen, die ersten Bierflaschen – noch aus Ton. Die Bier-Geschichte Fürstenwaldes ist seinen Angaben nach lang. Der erste Nachweis stammt aus dem Jahr 1486, als der Fürstenwalder Bischof Friedrich von Sesselmann auf seiner Burg ein Brauhaus errichten lies.

"Im Mittelalter hatte fast jedes größere Anwesen in der Stadt das Braurecht", erzählt Museumsmitarbeiterin Uta Meissner. Steuerinventarien aus dem Jahr 1723 listen 104 Haushalte mit dieser Lizenz auf. Nach Bernau war Fürstenwalde ihren Angaben nach damals die zweitgrößte Braustadt Brandenburgs – und der Ort, von dem aus das Bier seinen Siegeszug nach Japan antrat. So erlernte 1876 der Japaner Nakagawa Seibei das Bierbrauen in der Fürstenwalder Brauerei Tivoli, anschließend gründete er in seiner Heimat Sapporo die erste Brauerei Japans. "Dort wird heute noch nach altem Fürstenwalder Rezept gearbeitet", sagt Strohfeldt.

Deutschland sei weltweit noch heute der renommierte Ausbildungsstandort für Braumeister, sagt der Berliner Diplombraumeister Andreas Copac, der sich freut, nach Jahren in riesigen Brauereien jetzt in Fürstenwalde anzufangen, wo das Handwerk noch etwas mit Tradition zu tun hat.

Peter Seifert hatte mit dem Bierbrauen selbst eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen. In Bremerhaven betrieb der 58-jährige Unternehmer über Jahre eine selbstgebaute Brauerei. Später stieg er aus dem Geschäft aus und kaufte sich und seiner Familie einen Pferdehof in Polen. Als seine drei Kinder ins schulpflichtige Alter kamen, suchte er eine deutsche Bildungseinrichtung in Grenznähe und landete er vor elf Jahren in Fürstenwalde. Hier gründete Seifert die Brau-Konzept GmbH, konzipiert und baut Brauanlagen – hauptsächlich für Gasthäuser und Restaurants weltweit.

500 Jahre altes Ambiente

Nun hat er also selbst wieder eine Brauerei – und scheint alles andere als unglücklich darüber. "In diesem 500 Jahre alten Ambiente ist das auch kein Wunder", gesteht Seifert lächelnd. "Unser Bier bleibt naturtrüb, geschmacks- und ballaststoffreich, da es nicht filtriert wird", sagt er. Einziger Nachteil: Dadurch kann das neue Fürstenwalder Bier nicht so lange gelagert werden wie das aus dem Supermarkt. "Aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache", sagt der Unternehmer, der vor allem Gaststätten der Region und in Berlin beliefern will. Geplant ist auch ein Bierwagen, mit dem die Feste in Ostbrandenburg angefahren werden sollen, um den Fürstenwalder Gerstensaft bekannt zu machen. "Wir machen kein Computerbier, wie in großen Industriebrauereien, wo letztlich alles gleich schmeckt", sagt er.

Natürlich gibt es das Selbstgebraute im künftigen Biermuseum der Stadt, wo Seifert auch Führungen durch die Schaubrauerei anbieten wird.

Gestartet wird laut Braumeister Copac zum Jahresbeginn mit einem Hellen, einem dunkeln Bier sowie mit einem Hefeweizen. Saisonal sind später auch andere Variationen möglich. Seifert will auch mobile Miet-Zapfanlagen mit 30- oder 50-Liter-Fässern für private Gartenfeste anbieten. Der Rathauskeller mit eigenem Bierreservoir, in den seinen Angaben nach 60 bis 70 Personen passen, soll auch für Firmenjubiläen, Hochzeiten und andere Familienfeiern vermietet werden.

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