27.11.12

Escort-Service

Bulgarische Prostituierte belastet Ex-Grünen Goetjes schwer

Die 22-Jährige wirft dem Ex-Schatzmeister der Grünen in Brandenburg vor, einen Escort-Service in Berlin betrieben und sie bedrängt zu haben.

Von Gudrun Mallwitz und Hans Nibbrig
Foto: dapd

Christian Goetjes vor dem Landgericht in Potsdam
Christian Goetjes vor dem Landgericht in Potsdam

Bei den Bündnisgrünen gab er den zuverlässigen Parteifreund, sodass sie ihm jahrelang die Finanzen anvertrauten. In Wirklichkeit fälschte er Rechnungen und Überweisungen und erleichterte die Parteikasse um knapp 274.000 Euro.

Vor dem Landgericht Potsdam zur Rechenschaft gezogen, stellte er sich zunächst selbst auch als Opfer hin. Aus Sympathie und Mitleid sei er kriminell geworden, hatte Christian Goetjes zum Prozessauftakt angegeben. Erst habe er eine deutsche Prostituierte beim Heroinentzug unterstützen wollen. Dann habe eine Bulgarin ihn um Hilfe gebeten worden. Sie lernte er ebenfalls auf dem Billig-Strich in Berlin kennen. Weil sie von bulgarischen Kredithaien bedroht worden sei, will er ihr über 150.000 Euro gegeben haben. Der frühere Kassierer der Grünen gab auch an, inzwischen mittellos zu sein.

Am Dienstag zeichnete eine Zeugin – ebenfalls eine Prostituierte aus Bulgarien – ein ganz anderes Bild von dem 34-Jährigen: Goetjes vermittle in Berlin selbst Prostituierte über einen Escort-Service. Von den 100 Euro pro Stunde habe er 50 Euro kassiert. Er habe ihr "Stress" gemacht, so die 22-Jährige Mirena G. Weil sie sich von ihm bedrängt fühlte, habe sie die Polizei eingeschaltet.

Zuhälterei, Menschenhandel und Nötigung

Die junge Frau hatte Goetjes Anfang November in Berlin angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Potsdam informierte daraufhin die Strafkammer beim Landgericht und sorgte für eine Wende im Prozess gegen Goetjes wegen schwerer Untreue. Sie lassen Goetjes" Beweggründe in neuem Licht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen ihn. Laut Justizsprecher Martin Steltner werden alle in Zusammenhang mit dem Escortservice in Frage kommenden Straftaten geprüft – wie Zuhälterei, Menschenhandel und Nötigung.

Die Prostituierte ist mit einer Dolmetscherin nach Potsdam gekommen. Eine junge Frau mit roten langen Haaren. Sie trägt eine rot glänzende Daunenjacke, die sie die ganze Zeit über anbehält. Während der Vorsitzende Richter sie als Zeugin befragt, hebt Christian Goetjes nur wenige Male den Kopf, um die Frau anzusehen. Die meiste Zeit notiert er eifrig das von ihr Gesagte, so als würde es ihn gar nichts angehen. Als wäre er der Protokollant im Gerichtssaal, nicht der Angeklagte. Nicht jener "Chris", den die 22-Jährige "von der Straße kennt".

Seit Februar 2010 habe sie ihn dort häufiger gesehen. Auf der Bülowstraße, wo sie ebenso wie seine damalige bulgarische Geliebte Zdravina anschaffen geht. Die beiden Frauen kannten sich, "als Kolleginnen, wir waren aber nicht befreundet", wie sie sagt. Dass Goetjes seiner damaligen Freundin und Prostituierten mehr als 150.000 Euro aus der Parteikasse der Grünen geschenkt haben soll – davon wisse sie nichts, sagt Mirena G. Nur von 2000 Euro, damit Zdravina an einem Abend nicht anschaffen ging. Sie selbst habe mit ihm das erste Mal gesprochen, als er "ganz hektisch auf der Straße hin und her fuhr".

100 Euro die Stunde, die Hälfte für die Mädchen

Später habe sie erfahren, dass mehrere Mädchen für seinen Escort-Service arbeiteten. Sie hatte auch Interesse. Er habe Fotos von ihr gemacht und sie im Internet veröffentlicht – mit den von ihr angebotenen Leistungen und dem Preis. 100 Euro die Stunde, die Hälfte durfte sie behalten. Für "Chris" hätten etwa fünf weitere Kolleginnen gearbeitet. Seit wann er den Service betreibt, wisse sie nicht. "Ich kam zu ihm im Februar 2012", sagte sie. Sie habe nur etwa 15 Tage für ihn gearbeitet und in dieser Zeit in seiner Wohnung gewohnt.

Er habe ihr Geld für einen Teil des Flugtickets für ihre Mutter bezahlt, damit diese sie in Berlin besuchen konnte. Der Mutter habe sie erzählt, sie habe "eine ganz normale Arbeit als Barfrau" gefunden. Er habe ihr versprochen, die Wahrheit nicht preiszugeben. "Er fuhr dann meine Mutter zur Straße", erzählt sie. Außerdem habe er auch ihrer Schwester in Bulgarien am Telefon auf Englisch erzählt, dass sie in Berlin auf den Strich gehe. Warum er das getan habe, fragt der Richter. Vermutlich aus Rache, sagt sie.

Goetjes schaut Zeugin vor Gericht nicht an

Während sie bei ihm wohnte, habe sie ein- oder zweimal mit ihm geschlafen. Er habe ihr gestanden, dass er sich verliebt habe. "Ich habe ihm gesagt, dass es unmöglich sei, innerhalb so kurzer Zeit solche Gefühle zu entwickeln." Sie selbst sei nicht in ihn verliebt gewesen und wollte wieder ausziehen. Christian Goetjes schaut sie nicht an, während sie das erzählt. Er blättert hektisch in den Akten. Die andere Hand presst er an seine Wange. Sie sei dann nicht nur wieder ins Hotel gezogen, sie habe auch nicht mehr für ihn gearbeitet.

Warum sie ihn angezeigt habe? "Weil er mir Stress gemacht hatte und mich bedrängt hat", übersetzt die Dolmetscherin. Sie sei eine Zeit lang nicht in Berlin gewesen. Nach ihrer Rückkehr habe er sie an der Bülowstraße beschimpft. "Eh, du Schlampe". Ende Oktober habe er dann aus dem Auto heraus Fotos von ihr gemacht. Daraufhin habe sie Anzeige erstattet. "Er sollte mich in Ruhe lassen."

Dass Goetjes Frauen über den Escort-Service anbot, bestätigten auch die Ermittlungen der Polizei. Wie ein Kriminalbeamter aussagt, habe Goetjes auf einen fingierten Anruf eine Prostituierte zu dem Treffpunkt gebracht. Es habe aber keine Anhaltspunkte für Zuhälterei gegeben, da die Prostituierten frei über ihre Arbeitszeit verfügten und keine Sexualpraktiken vorgeschrieben bekamen.

"Ich habe versagt, bitte vergebt mir"

Zu Beginn des Prozesstages war ein weiterer Beamter gehört worden, der Goetjes Anfang März in Berlin festgenommen hat. Die Polizei hatte ihn gesucht. Der Beamte schilderte, dass sie nach der Anzeige der Grünen und einer Vermisstenanmeldung in seiner Wohnung Abschiedsbriefe gefunden hatten – einer an die Eltern und die Oma gerichtet, der andere an das Gericht und die Staatsanwaltschaft. Goetjes schrieb: "Ich habe beschlossen, mein eigener Richter zu sein" und "Ich habe versagt". "Bitte vergebt mir."

Er war mit seiner damaligen Geliebten nach Bulgarien gefahren, angeblich, um den Kredithaien wieder Geld zu geben. Am ersten Prozesstag hatte er ausgesagt, er habe sich umbringen wollen. Der Prozess soll voraussichtlich am 10. Dezember fortgesetzt werden.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Kult-Kalender Bei Pirelli dreht sich diesmal alles um Fetisch
Ausgestopft Hier lebt Eisbär Knut ewig weiter
Pakistan Lynchmord wegen Facebook-Kommentar
Yukos-Urteil Russland muss Mega-Schadenersatz zahlen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Abfahrt

Weltreise im Oldtimer - Heidi Hetzer bricht auf

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote