21.11.12

Potsdam

In Brandenburg fällt der Unterricht ab dritter Stunde aus

11.000 Lehrer haben sich zu einer Versammlung am Donnerstag angemeldet - und wollen auf ihre Situation aufmerksam machen.

Von Gudrun Mallwitz
Foto: ddp

Zur Freude der Schüler: An mehr als der Hälfte der Brandenburger Schulen fällt ab der dritten Stunde der Unterricht aus
Zur Freude der Schüler: An mehr als der Hälfte der Brandenburger Schulen fällt ab der dritten Stunde der Unterricht aus

In mehr als der Hälfte der märkischen Schulen wird am Donnerstag ab der dritten Stunde voraussichtlich der Unterricht ausfallen. Rund 11.000 der 18.000 brandenburgischen Lehrer haben sich an Angaben der Lehrergewerkschaft Bildung und Wissenschaft (GEW) zu den Personalversammlungen in den sechs staatlichen Schulämtern im Land angemeldet – so viele wie noch nie. "Die Kollegen wollen mit der verstärkten Teilnahme in diesem Jahr demonstrativ auf ihre Situation aufmerksam machen", sagte der GEW-Vorsitzende Günther Fuchs am Dienstag in Potsdam. "Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und wollen den Druck auf die rot-rote Landesregierung erhöhen", so der Gewerkschafts-Chef.

Am Lise-Meitner-Gymasium in Falkensee (Havelland) beteiligt sich die Hälfte der Lehrer. Nach Auskunft des Schulleiters Heinz Bonorden-Lindner wollen rund 40 der 80 Lehrkräfte zur Versammlung fahren. Für die Falkenseer findet sie in Brandenburg/Havel in der Veranstaltungshalle "Stahlpalast Brandenburg" statt. In den Jahren zuvor waren laut Bonorden-Lindner lediglich drei bis vier Lehrer des Lise-Meitner-Gymnasiums dabei gewesen.

Extra-Freizeit für die Schüler

"Die hohe Teilnahme in diesem Jahr stellt uns bei 1000 Schülern schon vor eine große organisatorische Herausforderung", sagte der Schulleiter auf Anfrage von Morgenpost Online. Man habe sich dafür entschieden, dass der Unterricht der nach der dritten Stunde verhinderten Kollegen nicht vertreten wird. Das bedeute für viele Schüler, dass sie früher nach Hause gehen dürfen. "Wir werden auf keinen Fall eine 7. Klasse zwei Stunden herumsitzen lassen, damit sie dann im vierten Block wieder unterrichtet wird", so Heinz Bonorden-Lindner. Beschwerden der Eltern seien ihm nicht bekannt. "Wir haben am Montag eine schriftliche Mitteilung an die Eltern gegeben, in der wir darüber informierten." Die jeweilige Schulaufsicht hatte die Schulen noch eigens darauf hingewiesen, die Eltern rechtzeitig über die Auswirkungen in Kenntnis zu setzen, so das Brandenburger Bildungsministerium.

Nicht einmal zehn der 60 Lehrer haben sich am Weinberggymnasium in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) für die Teilnahme an der Personalversammlung entschieden. Die stellvertretende Schulleiterin Birgit Thiele sagte: "Wir haben fast ganz normalen Unterricht und mussten die Eltern gar nicht informieren, da es doch sehr wenige sind, die fahren." Selbst am Gymnasium Templin in der weitläufigen Uckermark gab es keine Beschwerden von Eltern. Diese seien dort bereits vor drei Wochen informiert worden, dass die 520 Schüler schon nach der dritten Stunde nach Hause gehen dürfen, sagte eine Vertreterin der Schule. Dann würden auch Linienbusse fahren. "Lehrer haben wie andere Arbeitnehmer auch das Recht, sich einmal im Jahr zu versammeln", sagt Thomas Lehmann, der Vorsitzende der Elternkonferenz am Friedrich-Anton von Heinitz-Gymnasium in Rüdersdorf (Märkisch-Oderland).

"Wir brauchen motivierte Lehrer"

Die Eltern im Land Brandenburg zeigen offenbar Verständnis für die Lehrer. Allerdings sind sie von dem erneuten Unterrichtsausfall nicht eben begeistert. Der Sprecher des Landeselternrates, Wolfgang Seelbach, verweist aber auch auf das Recht der Lehrer, das auch für jeden Arbeitnehmer in der Wirtschaft gelte.

"Wir brauchen Lehrer, die motiviert und nicht ausgelaugt sind", sagte Seelbach. Die Qualität des Unterrichts müsse sich dringend weiter verbessern. Ein großes Problem sei immer noch der hohe Unterrichtsausfall. Dieser liegt in Brandenburg bei rund acht Prozent – meistens wegen Krankheit. "Da reichen drei Prozent Vertretungsreserve bei weitem nicht aus." Vor allem sei eine flexiblere Lehrer-Vertretung nötig. "Das ist keine Vertretung, wenn die Schüler sich still beschäftigen", sagte der Landeselternsprecher. Zudem würden vielfach immer noch zu viele Kinder pro Klasse unterrichtet. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will die verstärkte Teilnahme der Lehrer an der Versammlung als "Provokation" gewertet wissen. Die Bildungspolitik in Brandenburg sei seit Jahren in einer dramatischen Schieflage, so GEW-Vorsitzender Fuchs. Das märkische Bildungssystem sei restlos unterfinanziert. Bis zu 200 Millionen Euro müsste das Land pro Schuljahr zusätzlich investieren, um neue Lehrer einzustellen und die Vertretungsreserve aufzustocken. Nur so könne die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte gesenkt und mehr individuelle Förderung für Schüler geleistet werden. Der märkische Bildungsetat umfasst rund 1,5 Milliarden Euro jährlich.

GEW setzt Regierung unter Druck

"Die Arbeitsbelastung für die 16.800 Lehrer im Land ist unerträglich", sagte Fuchs. Lehrkräfte in der Grundschule müssen 28 und in der Sekundärstufe 26 Pflichtstunden in der Woche leisten. "Die Krankenstände sind so hoch wie nie." Bis zu 500 Lehrer seien in Brandenburg aktuell langzeitkrank, fast genauso viele wie die gesamte Vertretungsreserve. Das Durchschnittsalter sei mit 54 Jahren zu hoch. Seine Forderungen: Bis 2014 müssten rund 2700 neue Lehrer eingestellt und die Reserve von drei auf acht Prozent erhöht werden. Das Land will hingegen nur 2000 Lehrer neu einstellen. Auch diese Zahl bezeichnete der GEW-Chef als "Mogelpackung". Denn es gingen auch zahlreiche Lehrer in den Ruhestand.

Bildungsministerin Martina Münch (SPD) wies die pauschale Kritik der GEW zurück. Zu Beginn des Schuljahres seien alle Schulen mit Lehrkräften voll ausgestattet gewesen. Brandenburg sei nach wie vor ein attraktiver Arbeitgeber, weil es nach wie vor alle Lehrer verbeamte.

Bildungsetat von 1,5 Milliarden Euro

"Bildung hat Priorität", sagte auch SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher. Der Bildungsetat von 1,5 Milliarden Euro könne sich im Vergleich zu anderen Bundesländern sehen lassen. Die SPD-Landtagsfraktion hat am Montag Änderungen für ein Lehrerbildungsgesetz verabschiedet. "Die Aufwertung der Grundschullehrerausbildung, eine größere Flexibilität in den Sekundarstufen I und II und eine verbesserte Berufseinstiegsphase nach dem Studium sind unsere Hauptforderungen an das neue Lehrerbildungsgesetz", erläuterte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Günther. Das Lehrerbildungsgesetz soll im Dezember verabschiedet werden und vor Beginn des Wintersemesters 2013/2014 in Kraft treten

Die Opposition hingegen warf der rot-roten Regierung vor, der Bildung nicht die nötige Priorität einzuräumen. "Es wird höchste Zeit, dass nicht nur die Lehrer, sondern auch die Schüler und Bürger auf die Straße gehen", sagte CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski.

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