08.11.12

Sprengeinsatz

Fliegerbombe bei Stahnsdorf reißt tiefen Krater

Der 250-Kilo-Blindgänger ist sicher gesprengt worden. Ganz reibungslos verlief der Einsatz aber nicht: Der Zünder machte Probleme.

Von G. Mallwitz und S. Pletl
Foto: Steffen Pletl

Geschafft: Sprengmeister Mike Schwitzke zeigt Einsatzleiter Steffen Weickert den tiefen Krater, den die Bombe gerissen hat
Geschafft: Sprengmeister Mike Schwitzke zeigt Einsatzleiter Steffen Weickert den tiefen Krater, den die Bombe gerissen hat

Die Einsatzleitung aus Stahnsdorf fährt schon um 8 Uhr in einem roten Feuerwehrauto vor. Erste Lagebesprechung mit der Berliner Polizei und den Vertretern mehrerer Ordnungsbehörden an der Straße Albrechts Teerofen in Berlin-Zehlendorf. Es nieselt. In drei Stunden soll die amerikanische 250-Kilogramm-Bombe unschädlich gemacht werden, die ein Förster im Stahnsdorfer Wald zwischen der Autobahn 115 und dem Teltowkanal entdeckt hat. Bis 11 Uhr müssen bis zu 200 Menschen ihre Wohnungen verlassen – eine überschaubare Zahl. Einsatzleiter Steffen Weickert hat trotzdem viel zu koordinieren: Der 900-Meter-Sperrkreis reicht bis nach Kleinmachnow, Potsdam und Berlin-Zehlendorf.

Flugzeuge gefährdet

Auch die sechsspurige Autobahn zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow muss gesperrt werden, auf dem Teltowkanal darf kein Schiff fahren – und selbst der Luftraum wird bis in 1000 Meter Höhe freigehalten. "Bei einer Sprengung können die Splitter bis zu 1000 Meter hoch fliegen", sagt Sprengmeister Mike Schwitzke. "Wird ein Flugzeug im Landeanflug beschädigt, kann es abstürzen." Der 41 Jahre alte Experte vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Brandenburg ist gegen 9 Uhr eingetroffen. Alles ist vorbereitet – schon tags zuvor hat sein Team eine Schneise vom Ufer des Teltowkanals in den Wald geschlagen, damit der Bagger an das Loch im Wald rankommt. Die Grube soll noch vergrößert werden.

Der Sprengmeister wartet nun darauf, dass die Gebäude evakuiert sind. Etwa 150 Menschen müssen das Kleinmachnower Wohngebiet in Dreilinden verlassen, einige wenige auch Häuser in Zehlendorf und Stahnsdorf, ein paar Dauer-Camper den nahegelegenen Campingplatz in Kleinmachnow.

Zünder lassen sich nicht herausziehen

Sigolf Axmann wohnt in Zehlendorf nur 400 Meter vom Fundort der Bombe entfernt. Der pensionierte Leiter der Bibliothek der Freien Universität will während der Evakuierung zum Friseur gehen oder ins Café. Am Tag zuvor hatten Beamte der Berliner Polizei bei den Anwohnern geklingelt und die Aktion angekündigt. "Meine Nachbarin glaubte ihnen zunächst nicht, sie warnte mich, es handele sich um Einbrecher, die in unserer Abwesenheit das Haus leer räumen wollen", erzählt Axmann. In der Gemeindeverwaltung Kleinmachnow steht ein Raum für "heimatlose" Menschen bereit. Einzig eine ältere Dame kommt und geht gleich wieder. Allein will sie nicht warten.

Pünktlich um 12 Uhr erteilt die Einsatzleitung die Freigabe. Niemand dürfte sich jetzt noch in der Gefahrenzone befinden. Sprengmeister Schwitzke steigt hinunter in die Grube, in der die Bombe in 2,50 Meter Tiefe liegt. Er weiß genau Bescheid, womit er es zu tun hat: mit einer Standardbombe, GP 500 LBM43. Sie hat zwei mechanische Zünder. Mit einer Drahtbürste macht er die beiden Enden des Blindgängers sauber. Mit Hilfe einer Rohrzange versucht er, die angerosteten Schrauben zu lockern, um die Zünder herauszuziehen. Doch sie wollen nicht. In solch einem Fall gilt die Devise: keine Experimente. Also Plan B, die Sprengung. Nach 13 Uhr teilt er mit, die Autobahn, auf der sich ein langer Stau gebildet hat, müsse gesperrt bleiben, die Bewohner dürfen noch nicht in die Häuser zurück. Auch der Stahnsdorfer Südwestfriedhof darf nicht schon um 14 Uhr betreten werden.

Blindgänger wird komplett zerfetzt

Der Experte holt die mit Blech ummantelte "Vernichtungsladung", positioniert sie neben der Bombe – und läuft sicherheitshalber 700 Meter weiter unter die Autobahnbrücke. Ein erster Knall, um das Wild zu warnen. Dann die Sprengung. Der Blindgänger wird komplett zerfetzt. Es ist jetzt 14.30 Uhr.

Noch bevor Mike Schwitzke die Einsatzleitung verständigt, ruft der vierfache Familienvater seine Frau an. So wie nach jedem seiner gefährlichen Einsätze. Sie hat auch noch Geburtstag.

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