08.09.12

Modellprojekt

Wenn die Lebensmittel mit dem Bus kommen

Mit dem Projekt soll gegen den demografischen Wandel angegangen werden. Dorfläden in entlegenen Regionen könnten damit überleben.

Von Antje Scherer und Helga Labenski
Foto: Deutsche Bahn
Bus
Modellprojekt: Mit dem Linienbus sollen in der dünnbesiedelten Uckermark Lebensmittel in die entlegenen Regionen gebracht werden

Käse im Kofferraum: Mit dieser Idee will die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft (UVG) gleich mehrere Probleme lösen. In dem dünn besiedelten Landkreis soll ein sogenannter Kombi-Bus künftig im regulären Linienverkehr Lebensmittel und andere Produkte von einem Ort zum anderen fahren – im Kofferraum, unbemerkt von den Fahrgästen. Am Freitagmittag startete der erste Kombi-Bus von Angermünde, um nicht nur Kinder von den Schulen abzuholen, sondern auch Lebensmittelpakete an die Bioläden der Region auszuliefern. Mit einem regulären Linienbus hat die Bauernkäserei Wolters aus Bandelow (Uckermark) erstmals Produkte ausgeliefert. Eine Win-Win-Situation, wie UVG-Geschäftsführer Lars Boehme findet. Die 130 Busse des Unternehmens würden besser ausgelastet, die Versorgung der Bevölkerung abgesichert.

Für viele Dorfläden sei es zu teuer, sich vom Großhandel beliefern zu lassen – diese Lücke könne der Kombi-Bus füllen. Erster Kunde ist die Q-Regio Handelsgesellschaft, die regionale Produkte wie Käse aus der Uckermark vermarktet. Den uckermärkischen Lebensmittelproduzenten und -händler Pieter Wolters von Q-Regio überzeugt, dass die Produkte kurzfristig zugestellt werden. "So können wir noch kundengerechter arbeiten und die bestellte Ware bereits am nächsten Tag ausliefern", sagt Wolters. Seine Erzeugnisse wird der Kombi-Bus künftig regelmäßig vom Produktionsstandort auf den üblichen Linien bis in die Ladengeschäfte nach Prenzlau, Templin und Gut Kerkow in Angermünde bringen. Aus einzelnen Lieferbeziehungen soll im Laufe der Zeit ein landkreisweites Vertriebsnetz entstehen, das sich an den Haltestellen der UVG orientiert. Für geeignete Transportboxen und den Inhalt seien die Auftraggeber selbst verantwortlich.

1000 Boxen sollen pro Tag befördert werden

Ziel der Verkehrsgesellschaft sind 1000 beförderte Boxen pro Tag. 1500 Busfahrten macht das Unternehmen insgesamt.

Größte Schwierigkeit sei ein Gesetz gewesen, nach dem Fahrgäste getrennt von Lebensmitteln transportiert werden müssen, erläutert Boehme. Die Investitionskosten hätten dagegen praktisch bei Null gelegen. Mit Hilfe mehrerer Bundes- und Landesministerien habe aber geklärt werden können, dass der Transport in den Kofferraumklappen rechtlich "in Ordnung" sei. Dafür war jedoch zunächst eine Ausnahmegenehmigung erforderlich. Das Land Brandenburg hofft, dass der Bund durch eine Gesetzesänderung auch langfristig die Rechtsgrundlage für den kombinierten Personen- und Warentransport schaffen wird.

Demografischer Wandel

Das in Deutschland nach Angaben der Brandenburger Staatskanzlei bislang einmalige Projekt wurde vom Bundesinnenministerium und vom Land Brandenburg mit zusammen rund 160.000 Euro gefördert. Dort betrachtet man das Pilotprojekt als Antwort auf den demografischen Wandel. Weil gerade in den ländlichen Regionen die Bevölkerungszahl zurückgeht, wird auch die Infrastruktur immer schlechter: Das Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel wird ausgedünnt, die Zahl der Geschäfte geht zurück. Die Idee des Kombibusses soll hier Finanzmittel und Personal bündeln. Schon Ende des Jahres sollen in der Uckermark nicht mehr nur Lebensmittel, sondern auch die Post durch die UVG befördert werden.

"Ein nächster Schritt könnte dann im kommenden Jahr sein, dass auch Arzneimittel und vielleicht sogar Blutkonserven mit dem Kombibus ausgeliefert werden", sagt Manfred Bauer, Referatsleiter Bürgerschaftliches Engagement und demografischer Wandel in der brandenburgischen Staatskanzlei.

Busangebot soll verbessert werden

Das Projekt muss sich zunächst finanziell selbst tragen, Zuschüsse durch den regulären Nahverkehr sind ausgeschlossen. Dass der Busfahrer künftig zugleich Lastfahrer ist, soll mittelfristig auch den Fahrgästen zugute kommen. "Wir hoffen, durch Kombi-Busse die Auslastung unserer Busse zu erhöhen und das Fahrplanangebot auszubauen. Vor allem Jugendliche sollen von neuen Angeboten im Abendbereich profitieren", sagt UVG-Geschäftsführer Lars Boehme. Denn später erhoffte Überschüsse aus den "Sondertransporten" seiner Verkehrsgesellschaft will der Landkreis einsetzen, um das Busangebot für die Bevölkerung im ländlichen Raum zu verbessern. Es sei sichergestellt, dass zusätzliche Einnahmen wieder der kreiseigenen Verkehrsgesellschaft zufließen, um den öffentlichen Personennahverkehr "bedarfsgerecht zu gestalten", betont auch Referatsleiter Bauer.

Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) halte die Idee des Kombibusses für einen "demografiepolitischen Paukenschlag", schwärmt Bauer.

Schon würden sich auch andere Länder für das Pilotprojekt interessieren. So hätten sich in der vergangenen Woche Vertreter aus Spanien über das Pilotprojekt informiert. "Es kann durchaus sein, dass bald Kombibusse nicht nur in Brandenburg, sondern vielleicht auch in Galicien unterwegs sind", so Bauer weiter.

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