19.07.12

Günter Baaske

Brandenburgs Arbeitsminister jobbt jetzt als Müllmann

Für eine Woche tauscht Günter Baaske seinen Chef-Posten mit einem Praktikum in der Abfallwirtschaft. Dort macht er einen Knochenjob.

Von Gudrun Mallwitz
Foto: DPA
Arbeitsminister holt den Hausmüll ab
Harter Job: Minister Günter Baaske holt bei strömendem Regen den Hausmüll in Bad Belzig ab

Es gießt – und das beinahe ununterbrochen, seit Günter Baaske Anfang der Woche sein einwöchiges Sommer-Praktikum begonnen hat. Ausgerechnet in diesem Jahr jobbt Brandenburgs Arbeits- und Sozialminister wieder mal im Freien: bei der Müllabfuhr.

Das heißt: Morgens um halb fünf Uhr aufstehen, denn die achtstündige Schicht beginnt um halb sechs Uhr. Etwa 20 Minuten Arbeitsweg von seinem Zuhause in Lütte bis Niemegk muss der Minister einplanen. Bringt der Fahrer ihn? "Sind Sie verrückt?", fragt Baaske. "Ich fahre entweder mit meinem Polo oder mit meinem Motorrad." Wenn schon, denn schon.

"Kein Zuckerschlecken"

Treffpunkt der Mannschaft der ersten Schicht ist in Niemegk der Sitz der Abfallwirtschaft Potsdam-Mittelmark GmbH, kurz APM. Die Müllwerker nehmen die Abfuhrpläne entgegen. Die volle Montur haben sie schon zuhause angezogen: grünes T-Shirt, wetterfeste Latzhose und orangefarbene Jacke. Der Praktikant kommt vorne auf den Beifahrersitz. Bei diesem Arbeitseinsatz gibt der Fahrer die Kommandos, anders als in Baaskes Ministerleben. Am Dienstag waren die Papiertonnen dran, am heutigen Mittwoch muss der Hausmüll entsorgt werden. "Eigentlich dachte ich, Papier wäre leichter, aber so eine gefüllte Tonne ist ganz schön schwer", sagt Baaske. So wie die ganze Arbeit. Ein Knochenjob. "Kein Zuckerschlecken", wie Thomas Wendenburg, Geschäftsführer der APM, sagt. Viele der Kollegen leiden unter Rückenschmerzen. 1200 Euro verdient ein Müllwerker durchschnittlich im Monat. In Brandenburg sind in der Abfallwirtschaft rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt, bei der APM Potsdam-Mittelmark 144 Kollegen – und in dieser Woche dank Günter Baaske 145.

Keine Berührungsängste

Hatte der Minister sich regulär für ein Praktikum beworben? "Nein", sagt APM-Geschäftsführer Wendenburg. "Im Fasching hat er sich für eine Büttenrede mal eine Müllarbeiter-Kleidung ausgeliehen. So kam der Kontakt zustande." Für Wendeburg bestätigt sich damit eine alte Berufsweisheit: "Wer einmal Müll gerochen hat, kommt nicht wieder los." Den Müll gerochen hat Baaske aber nicht schon bei seiner Bütten-Rede, sondern erst jetzt. Es stinkt. "Das macht mir nichts", sagt Baaske. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, die glitschig-nassen Tonnen hinter sich her zu ziehen, sie hochzuhieven und sie in der Halterung hinten am Wagen zu befestigen. Nur alle vier Stunden ist eine längere Pause angesagt.

"Als Anfänger macht er sich wirklich gut", sagt Fahrer Matthias Höhn. Der 34-Jährige arbeitet seit zweieinhalb Jahren in dem Job und ist routiniert bei der Sache. So ein Praktikant kann da leicht nerven. "Er gibt sich alle Mühe, fragt nach – und lässt sich auch was sagen", sagt Höhn über den Praktikanten, der ihn "Chef" nennt. Berührungsängste gibt es nicht. "Günter Baaske ist eher ein Kumpeltyp." Matthias Höhn darf den Minister "Hugo" nennen. Das ist sein Spitzname. Anfangs hatten die Kollegen noch gefeixt: "Mal sehen, wie lange er durchhält." Baaske zweifelt nicht daran, dass er es hinbekommt. Seine Fitness macht sich bezahlt. Der 54-Jährige raucht nicht, joggt und paddelt.

Seit sieben Jahren Sommer-Praktikant

Der Müllwerker-Job ist nicht sein erstes Praktikum. Im Sommer 2005 fing es an, damals war er Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag. Baaske entschloss sich, in der Parlamentspause auf dem Bau zu arbeiten. Manche behaupteten zu der Zeit, er wolle sich damit nur eine Woche Auszeit in einem ungeliebten Amt nehmen. Der Sozialdemokrat hatte die Fraktionsführung nach der Landtagswahl 2004 allein auf den Wunsch von Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) hin übernommen. Eigentlich wollte er lieber Sozial- und Arbeitsminister bleiben. Nach der Landtagswahl 2009 durfte er ins Ministerium zurückkehren. Zwei ganz andere Gründe waren es für ihn, die den Ausschlag gaben, die ungewöhnliche Idee umzusetzen: "Politikern wird immer wieder vorgeworfen, dass sie abgehoben sind. Ich will mich damit erden." Außerdem interessiere es ihn, wie es in den Branchen zugeht. Von Hause aus ist Baaske Lehrer. Er unterrichtete zu DDR-Zeiten Physik und Mathematik, bis 1990 war er an einer Gehörlosenschule tätig. Bis zu seinem ersten Ministeramt arbeitete Baaske als Dezernent beim Kreis Potsdam-Mittelmark.

Seit sieben Jahren gehört das sommerliche Praktikum für ihn dazu. Er pflegte mal die Grünanlagen der Burg Eisenhardt, mal schleppte er Pflastersteine zum Bau eines Kreisverkehrs bei Bad Belzig. "Damals hatte es 35 Grad", erinnert sich Baaske. In der Werkstatt für Behinderte übte er mit Schwerbehinderten das Zählen und schnitt mit ihnen Hecken. Vergangenen Sommer jobbte er in der Altenpflege. "Ich durfte keine Spritzen geben und keine Tabletten verabreichen", so Baaske. "Sonst machte ich alles, was anfiel."

Respekt vor den Krippenerziehern

Sein bislang schwerster Job war allerdings in der Kinderkrippe. "Da wirst du verrückt", sagt Baaske. "Um neun Uhr morgens hätte ich mich schon wieder duschen können, so nassgeschwitzt war ich." Er erinnert sich: "Erst setzte ich zwei Kinder auf den Topf, dann wickelte ich ein Baby. Währenddessen sah ich, wie ein Topf umkippte. Das Kind, das eben noch drauf saß, lief schon wieder durch den Raum. Das andere brachte stolz seinen Topf an. Allerdings hielt es ihn so schräg, sodass alles auf dem Boden landete." Für Baaske stand nach der Woche fest: Es muss mehr Personal her. Die Regierung stellte tatsächlich – wegen der Hilferufe der Betreuerinnen – in den vergangenen Jahren rund 1000 zusätzliche Erzieher ein. "Platzeck flachste damals: Das war wohl das teuerste Praktikum, das je absolviert worden ist." Vielleicht sollte Baaske bald wieder in einer Krippe oder Kita jobben. Dort wird weiter über Personalmangel geklagt.

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