27.08.2011, 08:13

Fall Börnicke Haftbefehl gegen Vater der toten Mädchen

Mord Börnicke

Foto: Steffen Pletl

Mord Börnicke Foto: Steffen Pletl

Von Hans H. Nibbrig

Im Fall der im Auto verbrannten Kinder bei Nauen (Havelland) geht die Staatsanwaltschaft von einem Verbrechen aus. Der Vater der beiden neun und zehn Jahre alten Mädchen stehe unter dem dringenden Verdacht des zweifachen Mordes.

Die beiden in einem Auto verbrannten dänischen Schwestern sind offenbar doch von ihrem eigenen Vater getötet worden. Was Ermittler schon länger vermuteten, scheint nun mehr und mehr zur Gewissheit zu werden. Am Freitag sei gegen Peter Thue R. Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts des zweifachen Mordes erlassen worden, teilte die Potsdamer Staatsanwaltschaft noch am gleichen Tag mit. Die Mädchen sollen nach Berichten dänischer Medien am heutigen Sonnabend in ihrem Heimatort in Nordjütland beigesetzt werden.

Bei einem toxikologischen Gutachten sind Rückstände von Schlafmitteln gefunden worden. Man gehe daher davon aus, dass die beiden neun und zehn Jahre alten Mädchen zum Zeitpunkt des Brandes unter dem Einfluss dieses Mittels gestanden haben, sagte Staatsanwalt Tom Köpping. Peter Thue R., der zurzeit noch mit schweren Brandverletzungen im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) liegt, hatte in seiner ersten Vernehmung von einem Unfall gesprochen. Anhand der Schilderung des 40-Jährigen war das Geschehen von Ermittlern, Kriminaltechnikern und Brandsachverständigen rekonstruiert worden, unter anderem, indem ein baugleiches Fahrzeug in Brand gesetzt wurde. "Dabei sind uns erhebliche Zweifel an der Schilderung des Mannes gekommen", sagte Köpping am Freitag.

Die Motive des Dänen vermuten Ermittler im privaten Bereich. R. und seine Frau sind geschieden, zuletzt tobte vor einem Gericht in Dänemark zwischen beiden ein erbitterter Streit um das Sorgerecht für die beiden Mädchen. Die Chancen des Vaters, das Sorgerecht zu bekommen, hätten schlecht gestanden, dies sei möglicherweise Auslöser für die schreckliche Tat gewesen, vermutete bereits in der vergangenen Woche ein Verwandter des 40-Jährigen, der direkt nach Bekanntwerden des schrecklichen Geschehens nach Berlin gekommen war.

Die Schwestern Marlene-Marie und Line-Sofie starben am 12. August 2011. Am Morgen dieses Tages entdeckte ein Lkw-Fahrer den schwer verletzten Vater der Mädchen an einer Landstraße nahe der Ortschaft Börnicke (Havelland). Der Mann habe einen orientierungslosen Eindruck gemacht, teilte der Fernfahrer der Polizei später mit. Trotz seiner Brandverletzungen führte Peter Thue R. die alarmierten Beamten zu seinem in einem Waldstück stehenden völlig ausgebrannten Pkw. Im Wagen entdeckten die entsetzten Beamten dann die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen der Mädchen. Aufgrund seiner eigenen Brandverletzungen wurde der 40-Jährige sofort ins UKB nach Marzahn gebracht. Erst fünf Tage später konnte R. erstmals befragt werden, damals gab er seine Unfallversion bei den Ermittlern zu Protokoll. In der vergangenen Woche wurde bei ihm eine Hauttransplantation vorgenommen. "Aus medizinischer Sicht könnte der Mann Ende August die Klinik verlassen", sagte UKB-Sprecherin Angela Kijewski Anfang dieser Woche.

Eine Entlassung zu diesem Zeitpunkt ist nach wie vor möglich, allerdings wird R. dann direkt in eine Untersuchungshaftanstalt gebracht. Der vom Amtsgericht Potsdam erlassene Haftbefehl wurde dem 40-Jährigen am Freitag am Krankenbett verkündet. Nach Angaben eines Ermittlers hat R. die Mitteilung, dass er unter Mordverdacht steht, ohne jegliche äußere Regung, fast apathisch, aufgenommen. Die Hoffnung der Ermittler, angesichts der Konfrontation mit den neuen Ermittlungsergebnissen könnte R. ein Geständnis ablegen, erfüllte sich zunächst nicht. "Die Reaktion des Mannes könnte aber auch damit zu tun haben, dass er nach der Tat immer noch unter Schock steht", sagte der Beamte am Freitag. Bis zu seiner Unterbringung in einer Haftanstalt steht der 40-Jährige jetzt unter Bewachung: Unmittelbar nach der Verkündung des Haftbefehls hat ein Polizeibeamter vor dem Zimmer von R. Posten bezogen

Direkt nach dem grausigen Fund in dem havelländischen Waldstück hatte ein Fachkommissariat für schwere Kriminalität des Schutzbereiches Neuruppin die Ermittlungen aufgenommen, inzwischen ist eine Mordkommission mit dem Fall betraut. Eine von der Staatsanwaltschaft angeordnete Sofortobduktion der Kinderleichen hatte ergeben, dass die Schwestern bei lebendigem Leib verbrannten. Ein "gewisser Verdacht" gegen den Vater der Mädchen habe von Anfang an bestanden, hieß es aus Ermittlerkreisen. An der Unfallversion habe es Zweifel gegeben, doch seine Darstellung habe man R. zunächst nicht widerlegen können. Das änderte sich erst, als das toxikologische Gutachten vorlag. Bis zu diesem Zeitpunkt galt Per Thue R. bei den Ermittlern trotz aller Verdachtsmomente als Zeuge, nicht als Beschuldigter.

Das schreckliche Geschehen hat in dem kleinen Heimatort von Vater und Töchtern nahe Aarlborg Entsetzten und Fassungslosigkeit ausgelöst. Die örtlichen Medien berichten nahezu täglich, dänische Journalisten flogen nach Berlin, um von hier aus über den Fortgang der Ermittlungen zu berichten.

Auch die Eltern von Peter Thue R. sind bereits am 12. August nach Berlin gekommen. Gegenüber Journalisten kündigten sie an, bis zur Entlassung ihres Sohnes aus dem Krankenhaus bleiben zu wollen. Zu weiteren Auskünften waren sie nicht bereit. Auch andere Angehörige schweigen, Bekannte und Nachbarn der Familie äußern sich nur spärlich.

"Im Umfeld der Familie geht man von einer Verzweiflungstat wegen der Sorgerechtsstreitigkeiten aus", sagte vor wenigen Tagen ein dänischer Journalist, der sich seit einigen Tagen in Berlin aufhält. Im Falle einer Verurteilung droht R. eine lebenslange Freiheitsstrafe, der Fall wird voraussichtlich vor dem Landgericht Potsdam verhandelt.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter